Themenschwerpunkt Namibia

Ähnlich wie das Bremer Institut für Bilderbuchforschung verfolgt auch das Namibian Children`s Book Forum das Ziel, Bücher für junge Adressat*innen sowie entsprechende Multiplikator*innen zugänglich zu machen und somit einen konstruktiven Beitrag zur literarischen Sozialisation und Enkulturation zu leisten. Während der deutsche Bilderbuchmarkt stetig wächst, vielfältiger und internationaler, gleichzeitig aber auch unübersichtlicher und schnelllebiger wird, liegt der Fokus in Namibia derzeit vor allem darauf, zunächst eine nationale Kinderliteraturszene zu fördern und zu etablieren. Als Herausforderung erweist sich dabei insbesondere die Kombination aus begrenzten monetären Mitteln und verschiedenen nebeneinander existierenden Nationalsprachen, die sowohl Produktion als auch Rezeption dahingehend beeinträchtigen, dass a) nicht für alle Muttersprachen Bücher geschrieben und gedruckt werden und b) die vorliegenden Bücher nur sehr begrenzt Verbreitung finden. Gerade in Anbetracht dieser unterschiedlichen Rahmenbedingungen scheint es interessant, sich einen Überblick über das bestehende Buchangebot zu verschaffen und dieses inhaltlich und gestalterisch näher zu beleuchten.

Textlose Erzählung mit haptischen Elementen: Tutala`s Journey
Zur Überwindung sprachlicher Barrieren bieten sich textlose Erzählungen besonders gut an, weil sie auch in multilingualen Lerngruppen gemeinsam rezipiert werden und zu einem Austausch über einzelne Wörter, Szenen oder Handlungsstränge anregen können. "Tutala`s journey" erzählt ohne Worte von einem Mädchen, das sich mit einer vollen Obstschale auf dem Kopf auf den Weg macht, an verschiedenen Tieren vorbeikommt, die sich unbemerkt an ihrer Fracht bedienen und die schließlich durch einen Zufall mit anderen Früchten in der Schale ihr Ziel erreicht. Narrativ zeichnet sich das Buch durch eine einfache Struktur und den Witz, der durch den Wissensvorsprung des Rezipienten gegenüber Tutala entsteht, aus. Die eingenähten Fäden, die Tutalas Weg auch haptisch erfahrbar machen und durch unterschiedliche Farben und Muster jedes Buch zu einem Unikat werden lassen, stellen eine zusätzliche Besonderheit dar. Der Handlungsraum weist durch die Kulisse, die Pflanzen, die Tiere und die Kleidung und Hautfarbe der Protagonistin Wiedererkennungswert für namibische Kinder auf und ermöglicht Kindern aus anderen Kulturräumen das Eintauchen in eine andere Welt. In einer gemeinsamen Rekonstruktion des Geschehens können die Tiere in der Reihenfolge ihres Auftauchens und die Früchte in der Reihenfolge ihres Verschwindens zusammengetragen werden, was sowohl Wortschatzarbeit als auch Erinnerungsvermögen schult. Kurz vor dem Wendepunkt ließe sich auch mit den Kindern gemeinsam überlegen oder bildnerisch gestalten, wie die Geschichte weitergehen könnte, wodurch die Auseinandersetzung mit der Handlungslogik gefördert wird. Trotz oder gerade wegen seiner Einfachheit kann das von Penduka Books verlegte Buch also auch über Namibias Grenzen hinweg zum Einsatz kommen. 

 

Episodische Selbstfindungsparabel: Wat is jy, Kartoffel?
Die im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger bekannten Bilderbuchfiguren "Das kleine Ich bin Ich", "Rosa Monster" und "Pink Pinguin" haben nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihren Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe gemeinsam. Ähnlich geht es dem vermeintlichen Strandwolf Kartoffel in dem auf Afrikaans erschienenen Buch Was bist du, Kartoffel? der afrikanischen Schriftstellerin Marga Jonker. Während Kartoffel im Gespräch mit verschiedenen hilfsbereiten Tieren wortspielreich (wolli, woffel, waffel), aber vergeblich hinterfragt, welcher Art er zuzuordnen ist, bringt ihn letztlich ein Geruch auf die richtige Fährte. Das Buch muss nicht ins Deutsche übersetzt werden, um der Geschichte folgen zu können und bietet sich vor allem für einen Vergleich von ähnlichen Erzählmustern an. In Namibia wurde es 2012 als bestes illustriertes Kinderbuch mit dem Namibian Children`s Book Award ausgezeichnet und ist thematisch eher eine Ausnahmeerscheinung.  

Abenteuergeschichten afrikanischer Tiere:  The Warthog`s tailand The giraffe who got a knot
Im Gegensatz zu der philosophisch anmutenden Identitätssuche von Kartoffel stehen in den Geschichten der englischsprachigen Reihe Storytime Africa verschiedene Abenteuer von und mit typisch afrikanischen Tieren im Fokus. Während "The giraffe who got a knot" auf unterhaltsame Weise davon erzählt, wie die Giraffe versucht, ihren Knoten im Hals aufzulösen und mit einer amüsanten Bild-Text-Erweiterung endet, bildet in "The warthog`s tail" der aufrecht stehende Schwanz der Warzenschweine den Ausgangspunkt der Geschichte: „The warthog`s tail is a wonderful wonder,/When he runs it stands up,/When he stands it goes under./But the warthog`s tail was not always so./ Have you heard what happened?/Do you know? Do you know?“ Die natürliche Besonderheit wird innerhalb des Buches als Resultat einer bewussten Entscheidung der Tiere inszeniert, um sich in Gefahrensituationen nicht mehr zu verlieren wie es im Handlungsverlauf der Fall ist. Gereimte Texte, cartoonhafte Bilder und beliebte tierische Protagonisten machen die Reihe auch über Afrikas Grenzen hinaus zu einer überschaubaren Lektüre im Englischunterricht, die die Erweiterung des Vokabulars ebenso unterstützen kann wie das Verständnis unterschiedlicher narrativer Strukturen. 

Plädoyer für den Mut zur Hässlichkeit: Die lelike Fyf
Dass es in Afrika neben den prominenten Big Five auch noch andere Tiere zu sehen gibt, greift das Erfolgsduo Scheffler/Donaldson in "The ugly five" auf, in dem sich ähnlich wie die verstoßenen Bremer Stadtmusikanten nacheinander die fünf hässlichsten Tiere – wilderbeest, hyena, lapper-faced vulture, warthog, marabou storch – zusammenfinden und sich singend ihrer Hässlichkeit erfreuen. Gerade weil sie sich selber und gegenseitig so anerkennen, wie sie sind und als „club“, „crew“, „clan“ und „mob“ Lebensfreude und Dynamik ausstrahlen, wirkt der Wendepunkt, an dem sie von ihren Kindern erwartet werden, die sie als „lovely five“ hochleben lassen und gerade ihre hässlichen Körperteile als besonders liebenswürdig hervorheben, überflüssig idyllisierend und konstruiert. Gerade diese Schwäche der ansonsten sprachlich wie bilderisch ansprechenden Geschichte kann in der (multilingualen) Auseinandersetzung mit dem Buch aufgegriffen werden, um sich zum Beispiel nach dem Vorbild der Bremer Stadtmusikanten interessantere und spannendere Begebenheiten für die fünf – auf alternative Art schönen – Protagonisten auszudenken. Diese können sowohl mündlich, szenisch oder schriftlich realisiert werden und auch die am Ende des Buches vorgestellten weiteren unbekannteren Quintette wie the little five und the shy five einbeziehen. 

Postkartenimpressionen: Meerkat Mail
Dass man erst woanders gewesen sein muss, um die eigene Familie und das eigene Zuhause wieder bewusster wertschätzen zu können erfährt das Erdmännchen Sunny im Rahmen seiner Rundreise durch seine große Verwandtschaft, von der das auch auf Deutsch und Afrikaans erschienene Buch "Meerkat Mail" der international bekannten Bilderbuchkünstlerin Emily Gravett erzählt. Die titelgebende Post vom Erdmännchen besteht innerhalb des Buches aus ausklappbaren Postkarten, die Sunny an seine Eltern, Großeltern und Geschwister schreibt. Anders als die populären "Briefe von Felix" sind sie weniger darauf ausgelegt, Wissen über verschiedene Städte und kulturelle Gepflogenheiten zu vermitteln, sondern dienen vielmehr dazu, Sunnys subjektive Eindrücke zu dokumentieren und die sehr knapp gehaltenen Erzählerkommentare zu ergänzen und teilweise auch zu kontrastieren. Dieses Spannungsverhältnis, das nicht nur zwischen Text und Bild, sondern auch zwischen Postkartentexten und Erzählerkommentaren entsteht, bietet auch für die didaktische Arbeit vielfältiges Potential. So können zunächst Sunnys teilweise krakelige Buchstaben entziffert und ggf. noch einmal schöner abgeschrieben oder abgetippt und mit den Erzählerkommentaren und Bildern verglichen werden. Um die Kinder zu kreativer Produktion anzuregen, kann Sunnys Reise um eine weitere Station mit einer entsprechenden Postkarte aus Sunnys Perspektive ergänzt oder eine eigene Postkarte an Sunny z.B. von einem Verwandtschaftsbesuch geschrieben werden.

In Relation zu dem quantitativ überschaubaren Angebot lässt sich also eine Vielfalt an Erzählformen verzeichnen, die nicht nur innerhalb Namibias oder Afrikas, sondern auch für einen interkulturellen Literaturunterricht in Deutschland interessante Anknüpfungspunkte bietet. 

Von Dr. Elisabeth Hollerweger

 

 

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