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Buch des Monats (August 2020):

Königin für eine Nacht von Leonora Leitl (Didaktische Rezension von Sarah Sudikatis) 

 

 

Die Königin für eine Nacht ist nicht nur eine besondere Kakteenart, die einmal im Jahr für wenige Stunden blüht, sondern in diesem Bilderbuch vor allem Roberta Tannenbaum. Mithilfe ihres Mannes und ihrer drei Kinder überwindet sie die „dunkle Decke der Traurigkeit“ ausgelöst durch ihren Jobverlust. Die Geschichte, behandelt somit die in Bilderbüchern selten thematisierte Arbeitslosigkeit der Eltern – hier der Mutter – und entwickelt sich dabei von anfänglicher Perspektiv- und Mutlosigkeit zu neuer Hoffnung. 

In metaphorischer Sprache und mit Vergleichen wird beschrieben, wie sich die Mutter fühlt und verhält, nachdem sie ihre Arbeit verloren hat: „Die Schwermut ist wie ein Sumpf, in dem alles langsam versinkt“, „Sie sagt, sie fühle sich wie ein ausgelatschtes Paar Schuhe, das man in den Altkleidercontainer geworfen hat.“ und zieht sich folglich „nicht mehr schick an und sitzt in ihrer Jogginghose vor dem Fernseher“. Da die Illustrationen die im übertragenen Sinne zu verstehenden Beschreibungen wörtlich aufgreifen (bspw. „ihr Kollege [habe] so lange an ihrem Sessel gesägt, bis er ihre Arbeit bekommen hat“), wird trotz ernster Grundthematik auf humorvolle Art erzählt. Dadurch wirken die Vorgänge nicht unerträglich und der Zugang zum Inhalt wird erleichtert. Diese Kombination aus Vergleichen auf der Sprachebene und den wörtlich dazu passenden Illustrationen lädt außerdem zum gemeinsamen Gespräch über die Gefühlswelt der Mutter ein: Z.B. „Warum möchte sich die Mutter in der Hundehütte verkriechen?“ Weiterhin könnte dies didaktisch insofern aufgegriffen werden, als dass Kinder eigene Metaphern oder Vergleiche finden und diese bildnerisch umsetzen. 

Nachdem die drei Kinder anfänglich Vorteile darin sehen, dass ihre Mutter nun zu Hause ist, spüren sie auch die Konsequenzen, als bspw. der Urlaub im eigenen Garten verbracht wird. Am schlimmsten ist jedoch, dass ihre Mutter sich zu verändern scheint, indem sie keine Musik mehr macht und insgesamt immer trauriger wird. Einfühlsam wird vermittelt, welche Situationen Kinder arbeitsloser Eltern erleben und in welcher Hinsicht sie selbst davon betroffen sind. Dies bietet Möglichkeiten, über die Perspektive und Erfahrungen der Kinder zu sprechen und sich als kindliche Rezipient*in ggf. selbst darin wiederzufinden. 

Neben der im Bilderbuch unterrepräsentierten Thematik besteht die Besonderheit dieses Buches in der Auflösung von gesellschaftlichen Rollenklischees: Die Mutter ist Biologin, der Vater ist Erzieher. Im Zuge dessen wird der Wert einer Arbeit, die einem Freude bereitet, deutlich. Trotz der Arbeitslosigkeit ist an keiner Stelle eine Existenzangst wahrzunehmen, da die Familie über wertvolle Ressourcen wie Haus, Garten und Auto verfügt. Vielmehr stehen die psychischen Folgen einer Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Wunsch eines Menschen nach einer Aufgabe im Zentrum. In allen Situationen – von verlorener Arbeit bis zur gemeinsamen Problemlösung – wird der Familienzusammenhalt als wichtigste Ressource aufgezeigt. Da die individuellen familiären Umstände betroffener kindlicher Rezipient*innen jedoch anders sein können, ist es wichtig, dies im Gespräch aufzugreifen und über weitere Unterstützungsnetzwerke, wie bspw. Freund- oder Nachbarschaften zu sprechen. 

Die Wendung geschieht durch die Idee der Kinder, ihre Mutter könne sich mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen als Biologin selbst eine Arbeit suchen, woraufhin sie sie mit dem Vater unterstützen, eine eigene Gärtnerei zu eröffnen. An dieser Stelle wird die Symbolik, die sich hinter dem Titel verbirgt und im Laufe des Buches immer wieder angedeutet wird, aufgeklärt: Der seltene Kaktus selenicereus grandiflorus blüht am Abend der Eröffnungsfeier und steht für einen langersehnten Neuanfang. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass die Symbolik der „Königin der Nacht“ gleichzeitig einen negativen Anklang hat: Es erscheint, als sei eine Blütezeit – übertragen die Eröffnung der Gärtnerei – nur von kurzer Dauer. So sehr die Symbolik auch zum Gesprächsanlass dienen kann, umso mehr müsste diese Bedeutung kritisch reflektiert werden. Weiterhin ist die Problemlösung, die als sehr schnell und einfach umzusetzen dargestellt wird, kritisch zu sehen. Kindliche Rezipient*innen dürfen nicht den Eindruck bekommen, dies sei auch für ihre Situation zu Hause der Ausweg oder sie seien dafür verantwortlich, dass ihre Eltern wieder Arbeit finden. Auf diese Aspekte sollte in einem Gespräch deutlich hingewiesen werden. 

Nichtsdestotrotz zeigt das Bilderbuch hoffnungsvolle Perspektiven und gibt Mut, den Blick nicht auf Fehlendes zu richten, sondern auf die eigenen Möglichkeiten.  

 
Von Sarah Sudikatis

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Kunstanstifter 

ISBN: 9783942795739

 

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