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Buch des Monats (Juni 2020):

Der Tag, an dem das Meer verschwand von Sam Haynes/Jago (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger) 

 

„Manche Dinge haben ihren ganz eigenen Zauber – die Art von Zauber, die im Bauch kribbelt, als hätte man Schmetterlinge verschluckt. Für Jack war das Meer ein solches Zauberding.“ 

 

Mit dieser Liebeserklärung beginnt die Geschichte von Jack, der unfreiwillig Zeuge davon wird, wie das Meer ausgerechnet am Tag, nachdem ihm ein Plastikstrohhalm hineingefallen ist, verschwindet. Die zurückbleibende Tristesse wird insbesondere im Vergleich der glitzernden Wasseroberfläche auf der ersten Doppelseite mit den Pfützen auf der fünften Doppelseite verdeutlicht und veranlasst Jack, sich auf die Suche nach dem geliebten Element zu begeben. Sein Weg über den ausgetrockneten Meeresgrund wird in mehreren Episoden erzählt, in denen er freigelegte Müllberge entdeckt, sechs Möwen aus ihrer Gefangenschaft in einer Getränkepackung befreit, eine Meerjungfrau aus verhedderten Fischernetzen löst, auf einen Plastiktüten ausstoßenden Wal trifft und schließlich einen Berg aus Plastikstrohhalmen besteigt, an dessen Spitze er auch seinen eigenen im Nasenloch einer Schildkröte wiederfindet. Die Vielfalt seiner Begegnungen spiegelt sich auf der Bildebene in unterschiedlichen Farbnuancen und wechselnden Perspektiven wider: So zeigen die Bilder Jack in der Weite der Müllberge aus der Vogelperspektive, sein Entsetzen über die aneinanderhängenden Möwen aus der Froschperspektive, seine Rettung der Meerjungfrau aus der Nahen und sein Gespräch mit dem Wal aus der Totale, um Größenverhältnisse und die damit einhergehende Wirkungsmacht bzw. Wirkungslosigkeit zu unterstreichen. Das langwierige Erklimmen des Berges wird in mehreren aufeinanderfolgenden, immer kleiner werdenden Abbildungen der Figur eingefangen und durch die schräg nach oben verlaufende Typografie verdeutlicht. Auch an anderen Stellen dient die Schrift durch Fettdruck, Größe der Hervorhebung zentraler Erkenntnisse („Es war einfach überall. Plastik. Plastik. Plastik.“) und Botschaften („In den Händen von Kindern wie dir.“). 

Gerade weil Jack bereits von Anfang an als problembewusster Naturliebhaber in Erscheinung tritt, wird seine Entwicklung vom Umweltwissen zum Umwelthandeln nachvollziehbar inszeniert. Denn erst in der schrittweisen Konfrontation mit der Meeresverschmutzung und ihren Folgen erkennt der Protagonist, dass bereits ein einzelner Trinkhalm einer zuviel sein kann, dass also jede*r Einzelne einen entscheidenden Beitrag im positiven wie im negativen Sinne leisten kann. Dass es dem Jungen mit der Rücknahme seines eigenen Trinkhalms sowie seinem Versprechen weniger Plastik zu verbrauchen und mehr zu recyceln gelingt, das Meer zurückzuholen, erscheint in Anbetracht der weitreichenden Verschmutzung zunächst zu einfach und harmonisierend, setzt aber letztlich niedrigschwellig an den realen Gestaltungsspielräumen der Rezipient*innen an. Denn wie Jack verfügen sie weder über Macht noch über Mittel, die bisher entstandenen Schäden zu beseitigen. Wie Jack können sie aber aktiv dazu beitragen, diese Schäden künftig in Grenzen zu halten. 

Für die didaktische Arbeit mit dem Buch bietet sich demnach die subjektive Annäherung an die Erlebnisse der Figur Jack an. Die episodische Struktur der Erzählung in Verbindung der Einzelepisoden mit der übergreifenden Müllthematik lassen sich durch ein Episodenpuzzle aufgreifen, im Rahmen dessen die Kinder die Figuren dem jeweils problemrelevanten Müll zuordnen (Möwen-Getränkepackung, Meerjungfrau-Fischernetz, Wal-Plastiktüten, Schildkröte-Trinkhalm) und daraus eine Episode auswählen, mit der sie sich näher beschäftigen wollen. Um trotz dieser individuellen Auswahl zu gemeinsamen Ergebnissen zu gelangen, eignen sich Arbeitsaufträge, die sowohl das zentrale Kernproblem der jeweiligen Episode, Jacks Lösungsstrategie als auch die spezifische Darstellung in Text und Bild umfassen. Die Ergänzung eigener Episoden kann an dieser Stelle sowohl als kreative Variation als auch zur Differenzierung eingesetzt werden. Indem die Kinder der Chronologie der Geschichte folgend ihre Bearbeitung der Einzelepisoden präsentieren, lassen sich Parallelen und Entwicklungen zwischen den Episoden nach und nach erschließen, bevor die Rahmung der Episoden durch das Verschwinden und die Rückkehr des Meeres in den Fokus einer gemeinsamen Betrachtung rückt. Hierbei eröffnen sich verschiedene Möglichkeiten zur personalen und sozialen Applikation, indem die Kinder mit Jack in Interaktion treten, seine Entscheidungen im Laufe der Handlung sowie sein finales Versprechen bewerten, ihm weitere Vorschläge machen, Müll zu reduzieren oder indem sie mit ihm Versprechen formulieren, um das „Schicksal des Meeres“ in die Hand zu nehmen, wie es das Ende der Geschichte nahelegt. Literarisches Verstehen im identitätsorientierten Literaturunterricht lässt sich auf diese Weise mit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung verbinden.

 

Von Elisa Hollerweger
 

 

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Knesebeck Verlag

ISBN: 978-3957283986 

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