Buch des Monats (April 2020) und Huckepackpreisträger 2020:

Adrian hat gar KEIN Pferd von Marcy Campbell und Corinna Luyken (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger) 

 

Der HUCKEPACKPREIS, der am 15.05.2020 an Adrian hat gar KEIN Pferd vergeben wurde, zeichnet Bilderbücher aus, die Kinder in ihrer Identitätsentwicklung unterstützen und im übertragenen Sinne Huckepack nehmen können. Dieses Huckepackpotential entfaltet sich nicht zuletzt durch die Zugänge, die den Kindern zu den Büchern und den darin gestalteten Welten eröffnet werden. 

In Adrian hat gar KEIN Pferd prallen zunächst gleich zwei Welten aufeinander: die fantastische Welt von Adrian Simmer und die realistische Welt der Ich-Erzählerin Zoe. Dass Adrians detailgenaue Beschreibungen seines Pferdes für Zoe nichts weiter als Lügen sind, wird auf den ersten Doppelseiten durch die Ich-Erzählung aus der Sicht von Zoe sowie durch Zoes Gespräche mit ihrer Schulfreundin Jenny und ihrer Mutter schrittweise entfaltet. Welche Wirkung Zoes Beschuldigung auf Adrian hat, schlägt sich vor allem auf der Bildebene nieder, wenn Adrian zunächst umringt von Kindern voller Elan Straßenkreidepferde malt und auf der nächsten Seite mit eingezogenem Kopf in unförmigen blauen Kreideflecken steht. Das Buch lädt bereits an dieser Stelle dazu ein, mit den Kindern über die Situation zu sprechen und sie zu einer ersten Einschätzung zu ermuntern. Fragen wie „Was ist das Problem in dieser Szene? Wie verhält / fühlt sich Zoe? Wie verhält / fühlt sich Adrian? Woran kannst du das erkennen? Wen von beiden kannst du besser verstehen? Warum? Was würdest du in der Situation tun, wenn du eines der anderen Kinder wärst?“ ermöglichen eine schrittweise Annäherung an die Figuren, ohne dass deren Perspektiven oder Rollen übernommen werden müssen. Gleichzeitig kann auf diese Weise der Wortschatz der Gefühlswörter erweitert und das genaue Lesen der Bildsprache gefördert werden.

Eine Schlüsselrolle bei der Lösung des Konflikts nimmt schließlich Zoes Mutter ein, die auf die Schimpftiraden ihrer Tochter nicht mit vorgefertigten Belehrungen reagiert, sondern ihr stattdessen die Gelegenheit gibt, Adrian besser kennenzulernen und ihr Urteil eigenständig zu relativieren. So bleiben Zoe in Anbetracht von Adrians Lebensumfeld die anklagenden Worte sprichwörtlich im Halse stecken und statt weiterhin auf dem Dualismus von Wahrheit und Lüge zu beharren gelingt es ihr, sich auf Adrians Welt einzulassen, Fantasie von Lüge zu unterscheiden und die Wahrheit der Fantasie zu erkennen. Durch die Verortung von Adrians Fantasiewelt in einem heruntergekommenen Umfeld wird die im Bilderbuch unterrepräsentierte Thematik der sozialen Ungleichheit auf hintergründige Weise erfahrbar, ohne dass fantastischer Reichtum darauf reduziert wird, materielle Armut zu kompensieren. Vielmehr öffnet Adrians `Geschichte vom Pferd´ den Raum für ein erweitertes Selbst- und Weltverstehen unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Um dies auch in der Rezeption erfahrbar zu machen, können Adrians bildhafte Umschreibungen seines Pferdes "mit weißem Fell, einer goldenen Mähne und den größten und braunsten Augen von allen Pferden auf der Welt..." aufgegriffen und erweitert werden. Das Sammeln selbst kreierter Formulierungen für Adrians Pferd verbindet Empathiebildung mit Wortschatzerweiterung. Darüber hinaus lassen sich nach dem Vorbild des Buches Fantasietiere gestalten (z.B. mit Straßenkreide oder Naturmaterialien wie Blättern, Ästen und Halmen) oder entdecken (z.B. in Wolken, Baumrinde und Gebüsch). 
Insbesondere der behutsame und wertschätzende Umgang der Mutter mit den Eindrücken ihrer Tochter lässt sich auf die didaktische Arbeit mit dem Buch übertragen, indem die Kinder durch deutungsoffene Impulse dazu angeregt werden, die einzelnen Situationen genau zu betrachten, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden und Zoes Erkenntnisprozess eigenständig nachzuvollziehen. Im Gespräch über die gesamte Geschichte bietet es sich daher an, die Gründe für Zoes Veränderung sowie für Adrians Verhalten zu hinterfragen. 
  
Von Elisa Hollerweger
 

      

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: cbj

ISBN: 978-3702659349

 

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