Onlinekatalog des BIBf

Ab sofort können Sie auf folgender Website unseren Bücherbestand einsehen und nach Büchern suchen. 

Buch des Monats (März 2021):

Kleiner Streuner von Marla Frazee  (Didaktische Rezension von Mats Pieper) 

  

Kleiner Streuner war wütend. Wahrscheinlich, weil nie jemand mit ihm spielte. Aber vielleicht spielte auch nie jemand mit ihm, weil er so wütend war. So richtig wusste das keiner. 

Mit kurzen, aber tief blickenden Sätzen sowie einer tristen, in braun und grau gehaltenen Szenerie, einem hohen grauen Stahlzaun im Hintergrund und einem kleinen braunen Hund als Protagonist davor umreißt Marla Frazee die Ausgangssituation in Kleiner Streuner. Der Protagonist, der kleine braune Hund, ist aufgebracht, denn er ist nicht dabei: beim Ballspielen, beim im Matsch wälzen oder dem im Kreislaufen und selbst nicht beim Nickerchen machen und das, obwohl er das Zeug dazu hatte. Sein Ärger staut sich auf und entfaltet sich auch auf der Bildebene auf einer Doppelseite in dunklen und ausdrucksstarken Braun- und Rottönen sowie einer starken Mimik. Als ein Ball auf ihn zurollt, eskaliert die Situation, denn kleiner Streuner nimmt allen anderen Hunden ihr Spielzeug weg und so sieht er sich den anderen Hunden Auge in Auge gegenüber. Was nun? Die Spannung ist jetzt kaum auszuhalten. Auf der Bildebene schauen die Betrachtenden nun aus der Perspektive der vielen Hunde zu kleiner Streuner, der von einem Haufen von Spielzeugen wütend zurückstarrt. 

Die folgenden Seiten zeigen, warum dieses Buch auf der Shortliste des Huckepackpreises seinen Platz gefunden hat. Denn der Huckepackgedanke manifestiert sich für die Betrachtenden nicht nur in der beschriebenen lebensweltnahen Patt-Situation, in der sich vermutlich so manche*r Betrachtende wiedererkennt, sondern auch in der nun anschließenden „Auflösung“ der Situation. Im Kontrast zu vielen Bilderbüchern findet die Situation nämlich keine jähe Auflösung, sondern verharrt und gestaltet auf zwei Seiten die Gedanken der Figuren aus. Je auf zwei Doppelseiten finden sich die Rezipient*innen zunächst den fragenden Gesichtern der Hunde und ihren Fragen und Gedanken - Ist kleiner Streuner so wütend, weil wir nicht mit ihm spielen? Oder spielen wir nicht mit ihm, weil er so wütend ist? Sollen wir mit ihm spielen, bloß um unsere Sachen zurückzubekommen? - und anschließend dem traurigen Protagonisten und seinen Gedankengängen gegenüber - Wenn ich ihnen alles zurückgebe, werden sie mich dann mögen? Spielen sie dann endlich mit mir? Diese Innensicht der Figuren und das gemeinsame Nachdenken über die Fragen der Figuren bieten Potenzial für gemeinsame Bilderbuchbetrachtungen oder didaktische Ausarbeitungen. In einem identitätsorientierten Literaturunterricht finden sich auf beiden Seiten Möglichkeiten der Identifikation. Was könnten weitere Fragen und Gedanken der Hunde und von kleiner Streuner sein? Im Text heißt es: Die Hunde machten sich so ihre Gedanken. Nicht zum ersten Mal ... Was könnte damit gemeint sein? Hast du schon mal eine ähnliche Situation wie kleiner Streuner erlebt? Wie hast du dich da gefühlt? 

Neben der Ausgestaltung und der Analyse der Innensicht ist auch der weitere Verlauf des Buches produktiv nutzbar. Denn eine Auflösung, soviel sei verraten, findet sich auch am Ende trotz intensiven Nachdenkens und Sichkratzens nicht, sodass eine Lösung im Nachgang durch die Betrachtenden gefunden werden kann. Diese kann in vielerlei Hinsicht bearbeitet und unter anderem auch durch szenisches Spielen oder eine Art „Hunde-Gruppenrat“ und somit durch die Betrachtenden aufgelöst werden. Für ein szenisches Spiel eignen sich einerseits der eintönige Hintergrund vor einem Stahlzaun und andererseits die Steckbriefe mit den Namen der verschiedenen Hunde, die sich auf dem Vorsatzpapier finden. Wenn dieses größer aufgezogen werden soll, ist auch der Farbverlauf der Situation der Geschichte entsprechend von helleren Brauntönen über dunklere Töne bis zu einem grauschwarzen Hintergrund mit Regen und Regenwolken nutzbar. So kann an den verschiedenen Stellen angeknüpft werden, indem die Schüler*innen produktiv mit dem Bild- und Schrifttext weiterarbeiten. Dabei bleibt der Schrifttext auch relativ begrenzt bzw. größtenteils durch den Kontext verständlich, wenn auch im Wortschatz einige vielleicht unbekannte Wörter wie dösen, Streuner, Nickerchen, beäugten je nach Sprachniveau der Kinder kurz zu klären sind. 

Das Buch glänzt durch eine überschaubare und klarstrukturierte Handlung und den begrenzten, aber eindeutigen und handlungsunterstütztenden Schrift- und Bildtext sowie andererseits durch die ausgestaltete Innensicht der Figuren und die fehlende Auflösung, welche wiederum auf das große gestalterische Potenzial und die Möglichkeiten zur Arbeit mit dem Buch verweisen. 

Von Mats Pieper

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Aladin Verlag

ISBN: 9783848901807

Newsletter


Hier können Sie sich für unseren Newsletter eintragen, mit dem wir über zukünftige Aktionen und Veranstaltungen informieren.




Joomla Extensions powered by Joobi