Buch des Monats (Dezember 2019): 

DISCO! von Julia Dürr und Frauke Angel (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger) 

 

Disco! – dieser prägnante und durch das Ausrufezeichen zusätzlich hervorgehobene Titel ist für die Geschichte Programm. Denn ob zu Hause oder im Kindergarten: „Disco machen“ gehört eindeutig zu den Lieblingsbeschäftigungen des namenlos bleibenden Protagonisten und seiner neuen Freundin Pina. Dabei ist völlig klar: „Für Disco muss man hübsch sein.“ Was darunter genau zu verstehen ist, erweist sich innerhalb der Handlung allerdings als durchaus komplexe Frage, die polarisierende Positionen insbesondere zu geschlechtsadäquatem und -inadäquatem Verhalten hervorbringt. Während es für die „forsche“ Pina selbstverständlich ist, dass es „keine Jungen- und Mädchenfarben […] nur Lieblingsfarben“ gibt und man „jeden Tag anziehen [darf], was man will“, stoßen die Erwachsenen in unterschiedlichem Ausmaß an ihre Toleranzgrenzen und repräsentieren dadurch ein breites Spektrum an gesellschaftlichen Genderkonstruktionen. Setzen sich Pinas Eltern als „verrückte Künstler“ auch auf Bildebene über eindeutige Geschlechterzuschreibungen hinweg, halten Eddies Vater sowie die Erzieherin mit dem sprechenden Namen Frau Zwinger zunächst an einer binären Geschlechterordnung mit klaren Männlichkeits- und Weiblichkeitsattributen fest. Zwischen diesen Polen bewegen sich die Eltern des Ich-Erzählers, denn obwohl die Mutter zunächst andeutet, von den neuen Lieblingsfarben und -gewohnheiten ihres Sohnes „augenkrank“ zu werden und einen „schönen Herzinfarkt“ zu bekommen, üben letztlich beide Kritik an einer heteronormativen Gender-Ordnung. Den unter den Erwachsenen (ab-)wertend diskutierten Kausalitäten von Lieblingsfarben, Kleidungsstil und sexueller Orientierung setzen die Kinder eine wertfreie Offenheit für verschiedene Lebens- und Beziehungsmodelle entgegen: „schwul kannst du ja später noch werden“. Erst einmal steht jedoch gemeinsames Fußballspielen, „wie verrückt“ tanzen und es „richtig bunt treiben“ auf der Prioritätenliste. 

Dieses auf Handlungsebene ausgestaltete Credo für Vielfalt findet auf der Darstellungsebene eine Entsprechung: Unterschiedliche Schrifttypen und -größen tragen zur Akzentuierung zentraler Aussagen bei, multiszenische Darstellungen unterstützen ein Eintauchen in das lebendige Setting der erzählten Welt, mehrdeutige Formulierungen wie „weil Frau Zwinger wirklich eine Granate im Tor ist“ adressieren augenzwinkernd auch eine erwachsene Leser*innenschaft und das enge Wechselverhältnis von Text und Bild entfaltet eine ganz eigene Situationskomik, z.B. wenn Pina die braun angezogene Frau Zwinger fragt, warum sie als Würstchen verkleidet ist. Neben der genderbezogenen Codierung von Kleidungsstücken und Farben fungiert insbesondere der Fußball als Leitsymbol, in dem sich Entwicklung des Männlichkeitsbildes vom Konflikt (zwischen den Vätern), über Zerstörung (des Balls durch den wütenden Eddie) bis zur Neudefinition (in Form eines geschenkten neuen Balls für Eddie) widerspiegelt. Die authentische Ich-Erzählung wird durch die Wiedergabe der wörtlichen Rede verschiedener Akteure ergänzt und regt nicht zuletzt durch die kindliche Übernahme von Adjektiven wie „forsch“, „verrückt“ und „schwul“ zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken über implizite Diskreditierungen erwachsenen (Sprach-)Handelns an.

Ein solches geschlechter- und generationenübergreifendes Konfliktfeld, in dem unterschiedliche Dimensionen von Gender sowie unterschiedliche Perspektiven auf Gender verhandelt werden, bietet für den gendersensiblen und identitätsorientierten Literaturunterricht vielversprechende Anknüpfungspunkte. Die Verschiedenheit sowohl der kindlichen als auch der erwachsenen Charaktere öffnet den Raum für individuelle Identifikations- und Abgrenzungserfahrungen, die laut Spinner (2006) die Grundlage literarischen Lernens darstellen. Diese können insbesondere in einem identitätsorientierten Setting unterstützt werden, indem die Kinder zunächst ihre Lieblingsfigur auswählen und sich mit deren Charakteristika und Bedeutung, z.B. durch fiktive Einträge in ein Freund*innenbuch, genauer auseinandersetzen. Um ein über die erste Identifikation hinausgehendes Verständnis zu fördern sind Denkblasen geeignet, die gerade für die Figuren erstellt werden, deren Perspektiven den Kindern abhängig von den subjektiven Vorerfahrungen auf den ersten Blick am wenigsten nachvollziehbar erscheinen. Eine eigene Positionierung lässt sich anregen, indem die Kinder sich selber an einer Szene ihrer Wahl in die Geschichte malen/schreiben und sich produktiv damit auseinandersetzen, wie sie darin agieren würden. Dieser von Frederking (2010) vorgeschlagene Dreischritt von subjektiver Annäherung, objektivierender Erschließung und personaler Applikation kann in der Arbeit mit Disco! dazu beitragen, gängige Stereotypisierungen und daraus resultierende Probleme zu hinterfragen und ggf. auch zu überwinden.

Von Elisa Hollerweger 

Unter Berücksichtigung der Studierendenideen aus dem Seminar „Völlig von der Rolle? Erzählte Rollen- und Beziehungsmuster im gendersensiblen Literaturunterricht“ 

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Jungbrunnen

ISBN: 978-3702659349

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