Buch des Monats (September 2019): 

Zähnchen, Zähnchen, auf das Dach! von Liu Xun (Didaktische Rezension von Mats Pieper) 

 

„Der Weg ist das Ziel.“ ist ein Spruch, der in verschiedenen Lebenssituationen Anwendung findet und sowohl sensibilisieren als auch nerven kann. Ersteres trifft für Zähnchen, Zähnchen, auf das Dach! zu, denn dort ermöglicht der Weg ein Eintauchen in eine spannende und fremde Welt. Man könnte sagen, man befindet sich auf einem kleinen kulturellen Spaziergang, der viele aufregende und interessante Dinge für die Rezipient*innen bereithält. Der Anfang dieses Weges liegt bei der Protagonistin des Buches, die ihren Milchzahn verliert und ihren Opa sucht. Der hat ihr erzählt, dass sie ihren ersten Milchzahn auf das Dach des Hauses werfen soll, damit sie wächst und später groß wird. Am Ende des Weges ist der Opa zwar gefunden und der Zahn auf dem Dach, aber es stellen sich andere weitaus tiefgreifendere und komplexere Fragen.

In Zähnchen, Zähnchen, auf das Dach! folgen die Rezipient*innen der Ich-Erzählerin auf der Suche nach ihrem Opa durch die Gassen des chinesischen Viertels und lernen diese und ihre Eigenheiten aus der Perspektive des kleinen Mädchens kennen. Die Atmosphäre der jeweiligen Gassen wird dabei nicht nur durch die Erzählperspektive, sondern auch durch die Bild- und Textebene erlebbar. Sprachlich gelingt es Leonie Weidel in ihrer Übersetzung, viele passende Vergleiche, Personifikationen und Metaphern zu erhalten, die die Stimmungen der Gassen einfangen. Zu Beginn ist die Gasse „träge wie eine Katze“, sodass sich die Protagonistin entsprechend langsam und vorsichtig bewegen muss, dann ist ihr wiederum etwas unheimlich, wenn die Mauerreste an den Wänden in der engen Gasse an wilde Tiere und dunkle Gestalten aus der Nacht erinnern. Bis die Gasse schließlich „aufwacht“ und lebhaft und laut zu einem bunten Treiben wird, dass auf Bildebene die Leser*innen zum Entdecken von Unbekanntem und Aufregendem einlädt – Messerschleifer, Aquarien voller Goldfische, eine Blechtonne, in der Popcorn trommelt und noch mehr. Neben den vielen Entdeckungen trifft die Protagonistin auf ihrem Weg auch viele Freunde, ihren Onkel Liu und Bekannte. Die Bedeutung, die die Gasse, wie die Szenen eindrucksvoll vermitteln, für die Figuren im Text hat, fasst der Satz: „Opa sagt, die Gasse ist so wie ein richtig großes Zuhause.“ in gelungener Weise zusammen. Nun könnte man meinen, hier könnte eine schöne Geschichte mit dem Zahnwurf auf das Dach ihr Ende finden, doch der Wendepunkt und das Ende der Geschichte konterkarieren das Bisherige und berichten von Wandel, Modernisierung und Urbanisierung in chinesischen Städten.

Was sind das für gesprayte Schriftzeichen an den Wänden? Die Gassen werden abgerissen und „die großgewachsenen Wolkenkratzer in ihrer glitzernden Kleidung“ werden aufgebaut. „Opa, ist es so wie bei Kindern, die mit Bauklötzen spielen?“, fragt die Protagonistin. „Hmhm, das wird nun eine andere Art von Leben“, murmelt Opa. Den Kontrast zwischen beiden Lebensformen zeigen erste und letzte Seite: die alten Häuser und Gassen „dicht zusammengekuschelt“ im Kontrast zu den modernen Wolkenkratzern und Baukränen, die den alten Häusern immer näherkommen.

In ihrem Nachwort zum Buch erklärt Liu Xun, dass sie mit der Aufgabe, den Wandel der Stadt abzubilden das vorliegende Buch als eine Art Erinnerung an die entsprechenden Lebensweisen und Familien entwerfen wollte und der herausfallende Milchzahn ihrer Tochter ein entsprechendes Symbol des Wandels darstellt. Wie schwer solch ein radikaler Wandel fällt und wie sich Menschen nach einem solchen Wandel fühlen, lässt sich im Artikel „Der große Stadtplan“ von Justin Jin aus dem Jahre 2017 nachempfinden.

Modernisierung- und Urbanisierungsprozesse in China liegen fern von der Lebensrealität vieler Kinder in Deutschland und verlangen ein großes Verständnis für Zusammenhänge in der Welt. Der Ansatz für eine didaktische Auseinandersetzung muss jedoch nicht dort ansetzen, sondern kann zunächst auch bei der Faszination für eine andere kulturelle Welt, dem interkulturellem Lernen, oder aber auch dem Verlust eines Milchzahns liegen, welche eher der kindlichen Perspektive entspricht. Hier bietet das Buch auf der Bildebene viele Elemente, Situationen oder auch Lebensweisen, die mit Kindern aufgegriffen und teilweise praktisch erprobt werden können – Popcorn lässt sich selbst machen, Kinder können sich an der chinesischen Schrift und den Schriftzeichen erproben oder Lebensweisen in China können untersucht werden. Darüber hinaus lassen sich auch die angesprochenen sprachlichen Besonderheiten (v.a. die Vergleiche) heraussuchen und mit den Kindern besprechen. Im Rahmen einer Themenwoche können mit Kindern im fortgeschrittenen Alter sicherlich auch der Wandel, die entsprechenden Urbanisierungsprozesse und entsprechende Hintergründe beleuchtet werden. Diskussionen über das eigene Wohnumfeld und dessen Bedeutung für die Menschen bieten sich ebenso an wie das gemeinsame Nachdenken über urbane oder moderne Veränderungen in der eigenen Stadt oder dem eigenen Dorf. Welche Veränderungen ergeben sich dadurch für die lebenden Menschen? Welche kulturellen oder ökologischen Lebensweisen gehen eventuell verloren? Das Buch bietet trotz des komplexen Themas so viele Möglichkeiten, je nach Altersstufe unterschiedliche Aspekte mit Kindern zu fokussieren. 

Von Mats Pieper

 

Weiterführende Artikel:

https://www.zeit.de/2017/53/china-wachstum-wohlstand-umsiedlung-bauern-hochhaeuser/komplettansicht

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: edition Bracklo

ISBN:  978-3946986058   

 

 

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