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Buch des Monats (Februar 2021):

Mina entdeckt eine neue Welt  von Sandra Niebuhr-Siebert/Lars Baus (Didaktische Rezension von Sarah Sudikatis) 

 

Ein kreatives Buch, das das Lernen einer Zweitsprache thematisiert und dabei sowohl einfühlsam Verständnis weckt als auch Mut macht, diese neue Sprachwelt zu entdecken. 

 

Einleitung 

Mit dem ersten Tag im Kindergarten betritt Mina nicht nur einen unbekannten Raum und trifft auf unbekannte Kinder, sie sieht sich vor allem mit einer unbekannten Sprache konfrontiert. Schritt für Schritt begleiten die Rezipient*innen, wie Mina sich in dieser für sie neuen (Sprach-)Welt zurechtfindet und diese entdeckt – vom Bauchkribbeln vor dem ersten Kindergartentag bis hin zu dem Zeitpunkt, als ein neuer Junge in ihre Gruppe kommt. Mit allen erdenklichen Mitteln der Symbolik, Farb- und Wortwahl stellen Sandra Niebuhr-Siebert (Autorin) und Lars Baus (Illustrator) liebevoll und einfühlsam dar, welche Erfahrungen und Entwicklungen Mina mit der neuen Sprache durchlebt. Das Buch bietet einen intensiven, anschaulichen Einblick in die Perspektive eines Kindes, das beginnt, in einer neuen Sprachwelt handlungsfähig zu werden. Leser*innen entdecken dabei ihrerseits eine neue Welt, indem sie in die Gedanken und Gefühle der Protagonistin eintauchen, was wiederum Verständnis bewirken kann für diejenigen, die ähnliche Situationen wie Mina erleben. 

 

Symbolik auf der Bildebene

Der Reichtum auf der Bildebene, der Minas Entwicklung visualisiert, bietet didaktisch gesehen viele Anknüpfungspunkte. Anfänglich wird Minas Umfeld im Kindergarten in Schwarz-Weiß dargestellt. Im Laufe der Geschichte nimmt der Farbanteil graduell zu – abhängig davon, welche Gegenstände Mina bereits benennen kann und welche Personen sie kennengelernt hat. Schlussendlich sind alle Bilder bunt eingefärbt. Bedingt durch die Diegese, die zwischen Minas Erlebnissen am Tag und ihren Träumen in der Nacht hin- und herwechselt, gibt es Erzählungen sowohl mit als auch ohne Text. Die Träume werden überschrieben mit dem Satz „Nachts träumt Mina …“ und zeigen die Verarbeitung von Minas Erlebnissen ausschließlich auf der Bildebene. Auf diesen Doppelseiten lassen sich besonders viele Symbole finden: Sowohl Mina als auch die anderen Kinder werden als kleine Fische dargestellt. Zu Beginn gibt es nur einen bunten Fisch mit einer nach unten hängenden Blume im Mund, der Mina mit ihren Kommunikationsschwierigkeiten symbolisieren soll. Als Nächstes scheint sie sich mit einem kleinen Fisch anzufreunden, der zwar ohne Blume bleibt, jedoch auch bunt ist. Mit ihren zunehmenden Sprachkenntnissen werden die anderen Fische ebenfalls immer farbenfroher dargestellt und erhalten jeweils eine Blume. Auch die Entfernung zum Mina-Fisch sowie die Schwimmrichtung des Schwarms verändern sich. Minas letzter Traum – das vorletzte Bild – zeigt sie mit ausgebreiteten Armen auf einem großen Fisch, der durch ein Meer aus Blumen schwimmt (oder sogar fliegt?). Im Vergleich zu den vorherigen Bildern, die die Erlebnisse am Tag zeigen, ist Minas Kleid nun nicht mehr mit Blumen, sondern mit Fischen übersät. Alles hat sich gewandelt, sie bewegt sich frei in der neuen (Sprach-)Welt, die sie sich zu Eigen gemacht hat und genießt ihre Schönheit. In Minas Träumen gibt es demnach viel zu entdecken und es bleiben Deutungsspielräume, durch die sich im Gespräch die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses (nach Spinner 2006) fördern lässt: „Was passiert in dem Traum? Wer sind die Fische? Wofür steht die Blume im Fischmaul? Was könnte der Traum bedeuten? Wie verändern sich Minas Träume?“ 

 

Narrative Gestaltung & Identifikationsmöglichkeiten 

Auf der Ebene des Figurenverstehens bieten verschiedene Situationen die Möglichkeit, sich als Leser*in mit Mina zu identifizieren: Beispielsweise versteht die Erzieherin sie falsch, als sie gerne noch etwas vom Mittagessen hätte und so bleibt der Nachschlag aus. An anderer Stelle wird deutlich, dass Mina zwar im Kindergarten nicht viel redet, zu Hause jedoch schon. Da aus Minas Perspektive erzählt wird, werden sowohl Wiedererkennungseffekte für Kinder, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, als auch eine Horizonterweiterung für Kinder, denen eine solche Erfahrung fremd ist, ermöglicht. Förderlich ist weiterhin, dass Minas Erst- bzw. Fami-liensprache nicht namentlich genannt wird, sondern nur auf der Bildebene als geschwungene Sprachfäden dargestellt wird. Diese bewusste ‚Lücke‘ begünstigt es, dass sich verschiedene Kinder mit Mina identifizieren können. Am Ende schließt sich der Kreis, als ein neuer, schüchterner Junge zur Gruppe hinzukommt, bei dem sich darauf schließen lässt, dass auch für ihn die Sprache neu ist. Es erscheint wie ein offenes Ende oder als beginne die Geschichte von vorne. Hier lässt sich mit Gespräch anschließen: „Was denkst du, wie Mina sich Tarek gegenüber verhält? Wie kann sie ihm helfen? Wie können die anderen Kinder ihm helfen? Was würdest du tun?“ Im Zuge dessen bietet sich das Buch besonders an, wenn eine Gruppe oder Klasse auf ein neues Kind vorbereitet und für die sprachlichen Schwierigkeiten sensibilisiert werden soll. Ggf. könnte man diesbezüglich über den inhaltlichen Transfer vom Handlungsraum Kindergarten auf die Schule sprechen. Weiterhin könnte man eine Situation aufgreifen, in der Mina mit den anderen Kindern ein Hörspiel hört, in dem jemand Russisch spricht, und sie anschließend probiert, die Laute zu imitieren. Später hören sie auch eine Geschichte in Minas Sprache. Folglich könnte man mit einer Gruppe oder Klasse Lieder und Erzählungen in den Erstsprachen der Kinder abspielen, sodass die anderen einen Einblick in diese Sprache erhalten. Die Rolle der Erwachsenen (Mutter, Erzieherin) ist in all dem als Unterstützung im Hintergrund einzuordnen. Dadurch sind die Kinder im Fokus, was Leser*innen wiederum zum eigenen Handeln ermutigen kann. Abschließend lässt sich damit sagen, dass sich das Buch in jeglicher Hinsicht gut für die Förderung der Identitätsentwicklung (nach Pfäfflin 2010) eignet.

 

Von Sarah Sudikatis

Sekundärliteratur: 

Pfäfflin, Sabine (2010): Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Spinner, Kasper (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch. Band 33. Heft 200. Velber: Friedrich, S. 6-16.

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Carlsen Verlag

ISBN: 9783551512703

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