Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas
von Øyvind Torseter
Rezension von Mats Pieper

„Ein außergewöhnlich kunstvolles Bilderbuch, das dem Betrachter einiges abverlangt – ihm aber auch unendlich viel bietet“, so schließt die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch ihre Begründung des diesjährigen Preisträgers ab. An dieser Stelle lässt sich jedoch nicht nur enden, sondern ebenso gut ansetzen, um die für die Jury entscheidenden und besonderen Merkmale des Bilderbuches herauszustellen und unter die Lupe zu nehmen. In „Der siebente Bruder“ entwirft Øyvind Torseter ein norwegisches Märchen neu, indem er dieses als Graphic Novel inszeniert. Dabei mischt er traditionelle Aspekte des Märchens mit Elementen der Graphic Novel, sodass die angesprochene herausfordernde Vielfalt entsteht. Die Jury bezieht sich in ihrer Begründung unter anderem auf die vielfältige bildnerische Gestaltung und lobt: „Perfekt und gleichzeitig skizzenhaft wirken die in schwarzer Tinte gezeichneten Protagonisten. Torseter reduziert sie auf Konturen und schafft durch Collagen verschiedene Bildebenen, die er ausdrucksvoll in Aquarell-, Acryl- und Pastellfarben koloriert.“ Die „verschiedenste[n] lllustrationsstile [führen] zu einem künstlerisch höchst anspruchsvollen, gelungenen Ganzen.“

Neben diesen vielfältigen künstlerischen Stilen überzeugt das Buch ebenso durch den „Wechsel zwischen Panels und ganzseitigen Bildern“, die sich als stark spannungssteigernde Elemente auszeichnen. Die eingangs erwähnte Mischung zwischen Märchen und Graphic Novel wird vielfach spielerisch und kunstvoll aufgelöst. So werden etwa die Zahlensymbolik des Märchens – drei zu bewältigende Aufgaben, sieben Brüder usw. – oder klassische Figuren und Figurenkonstellationen übernommen, jedoch alternativ dargestellt und gestaltet. „Die skurrile Komik der Gestalten spielt mit bekannten Protagonisten aus Märchenwelt und Literatur“, sodass Torseter etwa „dem Unheimlichen [im Märchen] mit seinem witzig und karikaturhaft gezeichneten Helden und dessen sarkastischem Pferd [begegnet].“ Die beschriebenen Elemente tragen dazu bei, dass die Leser*innen permanent mit dem komischen Protagonisten und seinen Begleiter*innen mitfiebern, sie zwischen den Zeilen und Bildern jedoch auch zum Schmunzeln gebracht werden. Dennoch bleibt die Spannung der Geschichte vom Anfang bis zum Ende erhalten.

Doch wovon handelt das Märchen überhaupt? – Am Anfang der Geschichte steht eine Märchenbuchseite, die die Ausgangslage schildert: Ein König hat sieben Söhne, von denen sechs prachtvoll in die Welt ziehen, um für sich und den jüngsten daheimgebliebenen Bruder eine Prinzessin zu finden. Als alle eine Prinzessin erobert haben, werden sie auf dem Weg zurück von einem Troll samt ihren Gattinnen versteinert. Darüber ist der König sehr traurig und so will der jüngste Bruder losziehen, um seine Brüder zu befreien. Der Vater lässt ihn nur ungern ziehen, doch zusammen mit einem nervösen Klepper macht er sich auf den Weg. Auf ihrer Reise meistern sie mehrere gefährliche und weniger gefährliche Begegnungen und erfahren schließlich von einem Wolf, wo der Troll zu finden ist und, dass es gilt, das Herz zu zerstören. Heimlich schleicht sich Hans in die Höhle des Trolls und trifft dort eine Prinzessin, die zunächst etwas ernüchtert auf sein Auftauchen reagiert, zusammen mit ihm jedoch den Troll überlistet. Nun liegt es in der Hand des Heldens das Herz zu finden und seine Brüder und die Prinzessin zu befreien....

Werden die zum Buch vom Arbeitskreis für Jugendliteratur erstellten didaktischen Materialien betrachtet, so sticht vornehmlich die Aufgabe heraus, innerhalb derer eine Skizze angefertigt werden soll. Die Schüler*innen sollen einzeichnen, wo sich das Trollherz befindet und wie es gesichert ist. Diese Aufgabe regt die Kinder dazu an, sich nach Spinner eigene Vorstellungen zum Text zu machen und diese künstlerisch in ihrer Skizze auszudrücken. Des Weiteren wird das Verständnis für die Handlungslogik gefördert, indem die Schüler*innen sich an die vom Protagonisten erworbenen Gegenstände und Gefallen erinnern müssen, die der Protagonist auf dem Weg zum Trollherz benötigt. Die weiteren Vorschläge des Arbeitskreises für Jugendliteratur fokussieren sich weniger auf die beschriebenen Besonderheiten des Buches und bewegen sich zu weit vom Text weg. Aufgrund dessen wäre es eher interessant, die gestalterischen Elemente der Graphic Novel oder spezifische Märchenmerkmale in den Fokus zu rücken und so nach Spinner prototypische Vorstellungen von Genres und Gattungen zu thematisieren. Ebenso ließen sich beispielsweise andere Märchen mit diesem vergleichen oder andere Figurenperspektiven einnehmen (Prinzessin, Brüder, Klepper, Troll etc.). Außerdem bieten die unterschiedlichen künstlerischen Stile Potenzial für weitere künstlerische Aufgabenstellungen und Anregungen.

https://www.jugendliteratur.org/www_global/downloads/praxiskonzepte/DJLP2018_Praxiskonzepte_Bilderbuch.pdf  / http://www.djlp.jugendliteratur.org/preistraeger_bilderbuch-14.html

Erscheinungsjahr: 2017, Verlag: Gerstenberg Verlag, ISBN: 978-3-8369-5900-1

 


 

 

 

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