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Ab sofort können Sie auf folgender Website unseren Bücherbestand einsehen und nach Büchern suchen. 

Die didaktischen Rezensionen werden regelmäßig von verschiedenen Teammitgliedern aus dem Bereich Deutschdidaktik verfasst. Sie analysieren jeweils ein ausgewähltes Bilderbuch hinsichtlich seines inhaltlichen Kerns sowie mit Blick auf einen geeigneten Einsatz in der Praxis.

 

Buch des Monats (Juli 2021):
Ich bin wie der Fluss von Jordan Scott und Sydney Smith (Didaktische Rezension von Sarah Sudikatis)

Die Angst, etwas zu sagen, weil die Worte in der Kehle stecken bleiben könnten. Weil alle sich umdrehen und wissen, dass die Lippen ein Eigenleben führen. Überall der „Klang von Wörtern“ um einen herum, ohne selbst beteiligt sein zu können. Diese Situationen sind dem Autor, Jordan Scott, vertraut, da er selbst seit seiner Kindheit mit dem Stottern und den Auswirkungen dessen zu kämpfen hat. Sein neues Bilderbuch Ich bin wie der Fluss ist demnach autobiografisch inspiriert und erzählt davon, wie er sich als Kind in solchen Situationen gefühlt und wie sein Vater ihm geholfen hat. Der dadurch vermittelte Gedanke der Selbstannahme trägt und tröstet nicht nur Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten, sondern ist auch auf andere menschliche Versagensängste zu übertragen. 

Für den namenlosen Jungen wiederholt sich jeden Morgen die Situation von Sprachlosigkeit und der Angst, sich der Umwelt sprachlich zuzumuten bzw. zuzutrauen. Anhand der Laute B, K und M wird in symbolischer Sprache veranschaulicht, was beim Stottern passiert und wie Laute zu Feinden anstatt zu Helfern in der Kommunikation werden. So treibt „[d]as B in Baum [bspw.] Wurzeln in meinem Mund und umzingelt meine Zunge“. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Verzweiflung macht sich breit. Dies ändert sich auch nicht mit einem Ortswechsel und somit werden Fragen oder Sprechanlässe in der Schule zu gefürchteten Momenten für den Jungen. Wenn sich das Sprechen doch nicht vermeiden lässt und alle in der Klasse das Stottern hören und sehen, verstärkt sich das Gefühl, nicht dazuzugehören und anders zu sein. 

Sydney Smith als Illustrator für das Bilderbuch greift die stummen Laute in Aquarellbildern auf. In krähenförmigen Mustern, die sich über das Gesicht des Jungen ziehen, wird die hemmende Auswirkung des Stotterns greifbar. Auf einigen Seiten ziehen sich Schleier wie Nebelschwaden durchs Bild, sodass die aquarellgezeichneten Situationen verschwommen sind und die Einsamkeit illustrieren. Besonders eindrücklich sind zwei der anfänglichen Bilder, die übereinandergelegt die stille Welt des Jungen und die äußere mit Wörtern gefüllte Welt kontrastieren.

Als es an einem Schultag besonders schlimm ist und der Junge am liebsten nach Hause – zum sicheren Zufluchtsort – möchte, holt ihn sein Vater ab und fährt mit ihm an den Fluss. Der Ort ist ruhig und erfordert keine Sprechhandlungen, was sich wiederum in diesmal unverschleierten Aquarellen und deutlichen warmen Farben widerspiegelt.  Dennoch ist das Herz des Jungen noch aufgewühlt und bei der Erinnerung an das Gelächter der Klasse füllen sich „[s]eine Augen […] mit Regen“. Für eine Kommunikation dieser Art bedarf es keiner Worte und der Vater versteht. Dies ist der Moment, in dem er ihm ein Bild mitgibt, das das Selbstbild des Jungen grundlegend verändert: „Siehst du das Wasser? Wie es sich bewegt? Das ist wie du sprichst. Das bist du.“ In Close-ups wird nun vergegenwärtigt, wie der Junge sich diesen bildlichen Vergleich zu eigen macht, indem er das Was-ser als eine sprudelnde und wirbelnde Kraft des „stolzen Fluss[es]“ wahrnimmt. Doch nicht nur die energische Seite des Flusses wird ihm zum tröstlichen Begleiter, auch in dem „stillen, ruhigen Fluss […], wo das Wasser weich und sanft schimmert“ kann er sich wiederfinden. Während diese Überlegungen auf der Textebene angestellt werden, taucht der Junge auf der Bildebene schwimmend in die Fluten ein und erobert sich das Flussgleichnis auf körperlich wahrnehmbarer Ebene. An dieser Stelle wird gestalterisch ein Fokus gelegt, da eine Doppelseite zum Ausklappen die Bilder vergrößert. Smiths Aquarelle laden zum Verweilen bei den bildlichen Darstellungen ein, denn gerade das Paradoxon des Wasservergleichs fasziniert: 

Eine Person, die schnell redet und schwer zu stoppen ist, wird in der Alltagssprache oft verglichen mit einem Wasserfall und man assoziiert einen nie endenden Wortschwall, der ungehemmt fließt. Auch die fachwissenschaftliche Bezeichnung Sprach- oder Sprechfluss für die „Fähigkeit, ohne Stockungen und Unterbrechungen zu sprechen und Sprachlaute normal zu artikulieren“ (Spektrum 2000), steht im Widerspruch zum Stottern. Vielmehr wird Stottern als Sprechstörung bzw. Redeflussstörung bezeichnet. Jedoch bricht das Flussgleichnis mit all diesen Assoziationen, wenn auf das natürliche Glucksen, Gurgeln und Sprudeln des Wassers in einem Flussbett hingewiesen wird. Kleine Böschungen und Steine wühlen die Wassermassen auf und veranlassen sie, sich entgegen ihrer Strömung aufzuwirbeln. Naturliebhaber*innen genießen das geräuschvolle Wasserspiel, das an heißen Tagen lockt, sich in die erfrischenden Fluten hineinzustürzen. So begibt sich auch der Junge in das kühle Nass und entdeckt, dass es beim Schwimmen nicht darauf ankommt, die Wasserbewegungen aufzuhalten, sondern sich ihnen hinzugeben und ihren Rhythmus zu finden. Er taucht ganz in den Sprachfluss ein und schwimmt bis „hinter d[ie] Stromschnellen“, wo er und der Fluss schweigen. Damit eröffnet das Buch auch die Möglichkeit, sich gegen das Sprechen zu entscheiden und stellt Schweigen als etwas Natürliches dar. 

Am nächsten Tag ist alles wie immer – mit dem Unterschied, dass der Junge vor seiner Klasse über den Fluss spricht und dabei wie der Fluss ist. 

Somit erzählt Jordan Scott in seinem Buch einfühlsam aus der Perspektive eines betroffenen Jungen und verdeutlicht die Schwierigkeiten und inneren Kämpfe von Personen, die stottern. Genauso wie der Junge von seinem Vater ermutigt wird, werden die Leser*innen ermutigt. Das Ende des Buches, das wieder eine Situation in der Schule aufgreift, zeigt, wie der Junge durch das Flussgleichnis den Mut findet, sich vor die Klasse zu stellen und über seinen Lieblingsort zu sprechen. Trotz der positiven Wendung ist es kein vereinfachendes Ende, denn der Schlusssatz lautet: Ich bin wie der Fluss. (And I talk like a river.) Hierin deutet sich an, dass der Junge immer noch stottert, aber einen Verbündeten gefunden hat – den Fluss. Das lähmende Gefühl der Einsamkeit hat keine Kraft mehr. Auch wenn die Problematik nicht überwunden ist und vielleicht sein Leben lang präsent sein wird, so erhebt der Junge doch seine Stimme und lässt sich von seinen Versagensängsten nicht abhalten. 

Aufgrund der internen Fokalisierung aus der Perspektive des Jungen, die sich gleichermaßen in den Close-ups widerspiegelt, entsteht der Eindruck, man sei dem Jungen in seinem Erleben und seiner Gefühlswelt ganz nah. Für kindliche Rezipient*innen birgt dies die Möglichkeit, sich in ihn hineinzuversetzen. Im inklusiven Unterrichtssetting kann hierdurch im literarischen Gespräch versucht werden, auf der einen Seite Verständnis für Betroffene zu wecken und auf der anderen Seite das dargebotene Flussgleichnis auf Versagensängste und Erlebnisse der Einsamkeit bzw. Andersartigkeit sämtlicher Art zu transferieren (z.B. auf das Rotwerden oder Schüchternheit oder Perfektionismus). Kinder können in der Begegnung des Jungen mit seinem Vater im übertragenen Sinne Huckepack (wie auch im Sinne des HUCKEPACK-Preises) genommen werden und in ihm einen Verbündeten finden, so wie er in dem Fluss einen Begleiter gefunden hat. 

 

Sekundärliteratur:  

Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH (2000): Lexikon Neurowissen-schaft. Sprachfluß. Online unter: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/sprachfluss/12165, letzter Zugriff: 26.07.2021. 

 

Vertiefende Informationen und Gedanken zum Buch können in der 16. Folge der Bremer Bilderbuchgespräche nachgehört werden. Diese finden sie hier:https://anchor.fm/bremerbibugespraeche/episodes/Bremer-Bilderbuch-Gesprche--Folge-16-Ich-bin-wie-der-Fluss-mit-Special-Guests-Amelie-Sturm--Sarah-Sudikatis-e151ghc 

 

Erscheinungsjahr: 2021

Verlag: Aladin Verlag

ISBN: 9783848901975

Buch des Monats (Juni 2021):
Ein eiskalter Fisch von Frauke Angel und Elisabeth Kihßl (Didaktische Rezension von Elisabeth Hollerweger)

Ein Erwachsener, der ein Kind auf seinen Schultern trägt und es dabei an den Armen festhält – ein Kind, das auf den Schultern eines Erwachsenen sitzt und dabei an den Armen festgehalten wird: Diese innige Szene legt bereits auf dem Cover von Ein eiskalter Fisch einen Huckepackgedanken nahe, der für die Auszeichnung von Bilderbüchern mit dem Huckepackpreis ausschlaggebend ist. Die Geste der Verbundenheit wird durch die Rückansicht der Figuren zusätzlich hervorgehoben und bildet gleichzeitig einen Kontrast zum Titel, der sich in den ersten Sätzen noch verstärkt: 

 

„Heute war der schönste Tag in

meinem ganzen, langen Leben. 

Heute ist Onno gestorben.“

 

Die Irritation, die der Superlativ „schönste“ in Verbindung mit dem Tod zunächst hervorruft, relativiert sich in der kindlichen Logik des erzählenden Protagonisten. Wie sich seine Trauer um den Fisch Onno in der völlig ungewohnten Emotionalität des Vaters auflöst, wird in tiefgründigen Imitationen kindlichen Sprachgebrauchs veranschaulicht:

 

„Papa hat es nämlich nicht so mit der Gefühlsduselei. 

Sagt er. 

Aber heute hat er sich gefühlt. 

Und das war überhaupt nicht dusselig.“

 

Dieser Bestandsaufnahme des Ich-Erzählers entsprechend rückt auf den folgenden drei Doppelseiten die Verbundenheit zwischen Vater und Kind in den Fokus, die vom zaghaften Anlehnen über eine innige Umarmung bis hin zum gemeinsamen Liegen auf der Couch reicht – eine richtige „Kuscheltyperei“ eben. Die Exklusivität dieser Nähe manifestiert sich nicht zuletzt in der wiederholten „Überraschung“, die das Kind erlebt: „Das war das Schönste überhaupt. Und eine Überraschung. […] Aber heute. Die Überraschung. In Papas Armen war es weich und warm.“

Was es mit dieser plötzlichen „Gefühlsduselei“ des Vaters auf sich hat, entfaltet sich erst nach und nach zwischen den Zeilen und vor allem im engen Zusammenwirken von Text und Bild. Denn während sich das Kind voller Hingabe den Vorbereitungen von Onnos Beerdigung widmet, wird immer wieder auf die elterliche Beziehung als zusätzliche Erzählebene verwiesen. So dient die hinterlassene Notiz der Mutter an den Vater dem Kind als Vorlage für seinen Abschiedsbrief an Onno: „Ich liebe dich sehr auch wenn du ein eiskalter Fisch bist.“ Die Wichtigkeit dieser Botschaft wird dadurch unterstrichen, dass die Außensicht auf die Figur hier ergänzt wird durch eine Mitsicht mit der Figur und die handgeschriebenen, teilweise verdrehten Großbuchstaben aus dem Blickwinkel des Protagonisten lesbar werden. Fungiert der Fisch in dem ursprünglichen Satz der Mutter allgemein als Metapher für den Vater und ist erst in der Veränderung des Adressaten auch wörtlich zu verstehen, wird die Mutter auch ganz konkret mit dem Fisch Onno verglichen: „Onno war nämlich mein einziger Fisch. So wie Mama Papas einzige Frau ist. Zum Glück ist Mama nicht tot. […] Mama kommt immer wieder.“ Die Verbindung zwischen der Mutter und dem toten Fisch stellt der Protagonist zusätzlich über den Geruchssinn her, indem er Onno in eine Schüssel legt, die er mit den Orchideen und dem Parfüm der Mutter füllt. 

Dass die Erzählung des Kindes von der Chronologie der Ereignisse abweicht, offenbart sich in dem Moment, in dem der Vater das Kind im Bett mit dem nach der Mutter riechenden Fisch findet. Da die Schüssel mit den Blüten bereits auf der zweiten Doppelseite zu sehen ist, werden „Gefühlsduselei“ und „Kuscheltyperei“ erst im Rückgriff als Konsequenzen der Leere sichtbar, die der Fisch im Aquarium und die Mutter in der Familie hinterlassen haben. Diese Leere verstärkt sich durch die Omnipräsenz der Mutter in verschiedenen Gegenständen wie dem Hochzeitsfoto, dem offenen Lippenstift, ihrer Kaffeetasse und Bildern mit Sprüchen wie „Home is where your heart is“ oder „Alles wird gut“. Die vorletzte Seite zeigt sie schließlich beim „Luftschnappen“ außerhalb des familiären Umfelds, bevor sie rechtzeitig zu Onnos „Beerdigung“ zurückkehrt. Da dieser „nicht in den Himmel kommt. Sondern in die Elbe.“ wird die Feierlichkeit im Badezimmer vollzogen, in dem Vater und Mutter mit geschlossenen Augen hinter ihrem orchideenstreuenden Kind stehen und eine harmonische Einheit bilden. Das durch die Typografie hervorgehobene „WIR LIEBEN DICH“ des Vaters ist auch hier nicht eindeutig auf Onno, sondern ebenso auf die Mutter zu beziehen und gleichzeitig eine klare Gefühlsäußerung des „eiskalten Fisches“. Die Diskrepanzen zwischen den Eltern, die durch ihre verschieden gemusterten Kleidungsstücke unterstrichen werden, treten schließlich zurück hinter der gemeinsamen Aufgabe des Abschiednehmens, die sie mit ihrem Kind bewältigen: „Dann haben wir unsere Hände zusammen auf die Klospülung gelegt und gedrückt.“ 

Die erste Doppelseite des Buches, die die Familie zusammen mit einem Fotoalbum auf der Couch zeigt, bildet damit den Endpunkt der Geschichte und gleichzeitig den Anfangspunkt der kindlichen Erzählung. 

Was beim ersten Blick auf das Cover also zunächst als klassische Huckepacksituation erscheint, erweist sich bei genauer Lektüre des kongenialen Schrift- und Bildtextes als vielschichtige ‚Huckepacknehmerei‘. Denn der Vater kann sein Kind letztlich erst Huckepack nehmen, als er zu betroffen ist, um der selbst auferlegten Rolle des starken und steifen Mannes weiterhin zu entsprechen. Das Kind wird in seiner eigenen Traurigkeit von der Traurigkeit des Vaters Huckepack genommen, sodass der Verlust seines Fisches von dem Gewinn väterlicher Nähe überlagert wird. Das Bedürfnis, von seinem Vater getragen und gehalten zu werden, wird dem Kind im Moment der Erfüllung schlagartig bewusst und durch die Kombination von authentischen Schilderungen und eindrucksvollen Bildern nachvollziehbar zum Ausdruck gebracht. 

Diese ästhetische Zuspitzung eines diffusen Mangelgefühls zeichnet schließlich auch das Buch selbst als Huckepacknehmer aus. Denn indem es väterliche Unnahbarkeit und familiäres Ungleichgewicht als Grundmuster menschlicher Erfahrung aufgreift und aus kindlicher Perspektive ausgestaltet, übersetzt es vage empfundene Defizite in eingängige Worte und Bilder und kann somit nicht nur Väter und Söhne auf der Suche nach neuen Männlichkeitsidealen Huckepack nehmen, sondern all jene, die mit emotionaler Unzulänglichkeit konfrontiert sind.  

 

 

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Tyrolia Verlag

ISBN: 9783702238421

Buch des Monats (Mai 2021):
Urlaub Ahoi von Corinna Antelmann und Nadine Kappacher (Didaktische Rezension von Niklas Jacobs)

Es gibt viele Gründe, in den Sommerferien nicht zu verreisen, vielleicht ist der Urlaub zu teuer oder die Eltern müssen arbeiten. In jedem Fall kann es ganz schön blöd sein, in den Ferien zu Hause bleiben zu müssen – besonders, wenn alle anderen wegfahren. So sieht es auch die Protagonistin des Bilderbuchs Urlaub ahoi von Corinna Antelmann und Nadine Kappacher. „Ich hasse Sommerferien“, sagt sie und als es dann auch noch anfängt zu regnen, macht es das nicht besser. Doch allmählich entwickelt sich der Regen zu einem Meer und die Langeweile zur Faszination für das Wasser. Die Protagonistin verschlingt ein ums andere Buch über die Weltmeere, bis plötzlich das Haus selbst zu schwimmen beginnt und sich die Ferien zu Hause doch noch zu einer spannenden Reise entwickeln. Schließlich ist es letzten Endes egal, wo man ist, denn „[...] du kannst wegfahren, aber dich nimmst du trotzdem überallhin mit.“

Urlaub ahoi handelt von der Kraft der Fantasie und zeigt auf, wie Bücher es vermögen, uns einzusaugen und an andere Orte mitzunehmen. Das kann gerade nach einem langen Pandemie-Jahr tröstlich sein und das Fernweh etwas lindern. Anfangs mutet das Buch an wie ein Urlaubs-Fotoalbum mit tristen, grauen Bildern eines unbestimmten Ortes. Da ist zwar auch eine Straße, die aus dem Ort und über die Grenzen des Bildes hinausführt und ein Straßenschild, das in Richtung „weit weg“ deutet, aber was sich dort verbirgt, bleibt auch den Leser*innen verborgen. Zu jedem Bild steht ein kurzer Text, der oft einsilbig daherkommt und wie jemand klingt, der nicht so recht Lust auf Smalltalk hat. So erklärt die Protagonistin eingangs nüchtern: „Nur ganz wenige bleiben, wo sie sind. Dazu gehören wir.“ Wenig später murrt sie: „Die Ferien beginnen und das Wetter wird schlecht. Denn die Sonne scheint nur jenen, die es verdienen.“ Nach und nach werden die Bilder größer und nehmen erst mehr Raum und schließlich ganze Doppelseiten ein. Die Bildgestaltung verhält sich damit analog zum zentralen Motiv des Wassers, das sich erst als Regen zu einer Pfütze sammelt und dann zu einem Meer anschwillt. Die Vielfalt an Blautönen lässt die Protagonistin und die Leser*innen gleichermaßen in die Unterwasserwelt eintauchen und der Text weicht auf einigen Seiten Wortsammlungen, die allerhand Fachbegriffe über Gewässer und ihre Bewohner*innen enthalten. Gerade diese Seiten eröffnen Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Auf den zum Teil multiszenisch ausgestalteten Seiten gibt es darüber hinaus viele Details und Anspielungen zu entdecken. So hängt beispielsweise Die große Welle vor Kanagawa von Katsushika Hokusai im Wohnzimmer und das türkis-blau geschuppte Sofa hat große Ähnlichkeit mit der Flosse einer Meerjungfrau, auf der sich die Eltern am Ende wiederfinden.

Ein Einsatz des Buches in der Schule bietet sich gerade vor den Sommerferien an und könnte in Form eines kreativen Schreibprojekts erfolgen. Dabei kann die Geschichte bis zu dem Punkt vorgelesen werden, an dem das Haus zu schwimmen beginnt und so als Schreibanlass für die bevorstehende Reise dienen. „Stell dir vor, dein Haus schwimmt davon. Wohin würde die Reise gehen? Was erlebst du unterwegs?“ könnte ein möglicher Schreibimpuls lauten. Eine solche Aufgabe setzt in der Entwicklungsübersicht Deutsch bei Kompetenzstufe 5 im Bereich „Texte planen, schreiben und überarbeiten“ an („kann eine Geschichte mit passender Überschrift aufschreiben“ bzw. „kann zu einem vorgegebenen Thema einen kurzen zusammenhängenden Text verfassen [...]“), was für einen Einsatz ab Ende der 2. Jahrgangsstufe spricht. Auch ein fächerübergreifendes Projekt zum Meer als Lebensraum ist mit Urlaub ahoi denkbar. Zum einen laden die Wortspeicher dazu ein, Recherchen zu den Meerestieren anzustellen, wie auch das Mädchen in der Geschichte es tut, wenn sie reihenweise Bücher über die Weltmeere liest. Zum anderen erscheint eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema möglich.

Die Reise führt die Protagonistin schließlich bis nach Grönland und zurück. Als sie wieder zu Hause ankommt, tropft noch etwas Wasser aus dem Buch in ihrer Hand. Ob nun das Haus aufs Meer hinausgefahren ist oder das Meer zu ihr nach Hause gekommen, spielt letztlich keine Rolle. Hauptsache, die Langeweile ist verflogen und die Sommerferien sind zu einem fantasievollen Erlebnis geworden.

Sekundärliteratur:

Die Senatorin für Kinder und Bildung (2015): Entwicklungsübersicht Deutsch. 

URL: https://www.lis.bremen.de/sixcms/media.php/13/broschuere-deutsch.pdf

(Zugriff: 02.08.2021).

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Tyrolia Verlag

ISBN: 9783702238414

Buch des Monats (April 2021):
Jeppe Unterwegs von Jutta Bauer (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

Unterwegs zu sein war und ist in Zeiten einer Pandemie teilweise nur im Traum oder im Kleinen realisierbar. Die Freiheit und die Chance auf neue Begegnungen außerhalb des gewohnten Umfeldes sind dadurch reduziert. Glücklicherweise bietet auch die Literatur die Möglichkeit zu reisen und zum Erkunden von neuen Welten, die andere Erfahrungen mit sich bringen. Dabei findet sich das Reisen auch als Motiv in der Literatur und so auch in vielen Bilderbüchern wieder, sodass Erfahrungen und Begegnungen und das Unterwegssein an sich verschieden in Szene gesetzt werden.  

Im Buch Jeppe unterwegs von Jutta Bauer ist das Unterwegssein sogar titelgebend und entsprechend prägend für die Handlung. Allerdings zieht es den Protagonisten Jeppe mit einem klaren Auftrag auf Reisen, er soll nämlich eine Botschaft des Königs an den Nachbarkönig überbringen. Der Weg zum Nachbarkönig gestaltet sich dabei jedoch als herausfordernder und über viele Stationen länger als gedacht und führt am Ende – so viel sei verraten – auch nicht zum Ziel, sondern vor allem zu verschiedenen Begegnungen.

Gleiches lässt sich auch über das Buch selbst sagen. Jeppe unterwegs ist nämlich eine Neuauflage des Bilderbuches Der Bote des Königs, das im Jahre 2013 im Aladin Verlag im Rahmen der Reihe „Bilderbücherei“ erschienen ist und nun im neu gegründeten Kibitz Verlag mit einigen Veränderungen wieder aufgelegt wurde. Diese Neuerscheinung hängt auch mit der Version von 2013 zusammen, denn so richtig zufrieden sei sie nie mit ihrem Boten gewesen, erzählt Jutta Bauer im Podcast „Bremer Bilderbuchgespräche“1Deswegen kommt die Geschichte nun im neuen Gewand daher. Ein wesentlicher Unterschied ist die neue Parallelhandlung. Die Idee dazu bestand schon 2013, passte dort jedoch nicht ins Format und ins Konzept. Angeregt durch Bauers Arbeit mit Papiertheatern und als Ausdruck ihres filmischen Denkens entstand ein paralleler Handlungsstrang, welcher am unteren Bildrand als schmaler Streifen über die Seiten verläuft und die Figur des Königs bei verschiedensten Handlungen zeigt. Dadurch werden die Erzählzeit des Buches und damit die Handlungen und die Reise des Protagonisten in ein zeitliches Verhältnis zur Warte- und Lebenszeit des Königs gesetzt. Neben dieser neuen inhaltlichen Idee wurde die Geschichte auch in anderen Aspekten weiter ausgestaltet, indem Ende und Anfang des Buches inhaltlich für ein besseres Verständnis gerahmt wurden. Die Figur des Boten wurde zudem durch den Namen von Bauers Enkels Jeppe individualisiert. Ebenso finden sich die abenteuerliche Reise des Boten und seine Stationen im Paratext wieder. Dies lädt zum Entdecken und Nachvollziehen des Weges in der fiktiven Welt ein und lässt sich für didaktische Ansätze einbeziehen, um speziell ein Verständnis der Handlung zu erlangen. Die Comicelemente der neuen Auflage bringen zusätzliche Dynamik in die Bilder, auch wenn sie vor allem als Zugeständnis an den Kibitz Verlag zu sehen sind, in dem im Zukunft vor allem Kindercomics erscheinen sollen. Die Stationen und Begegnungen, die der Protagonist auf seiner Reise macht, sind hingegen gleichgeblieben. Jeppe unterwegs ist also eine Geschichte mit neuem Anstrich, wobei der Kern der Geschichte, eine Aussage über das Leben und seine Wirren bestehen bleibt. Jutta Bauer scheint mit ihrem neugewandeten Boten nun vollauf zufrieden.

Erste Ideen für eine didaktische Arbeit mit dem Buch werden auch schon im Podcastgespräch formuliert: Was steht in der Botschaft, die der König an den anderen König schreibt? Überlege und schreibe selbst eine eigene Botschaft! Ebenso ließe sich in umgekehrter Reihenfolge zu Bauer das Buch auch auf eine Bühne bringen: sei es in einem szenischen Spiel durch die Kinder oder durch ein Papier- oder Puppentheater. Das Buch bietet durch die Begegnungen mehrere zu besetzende Rollen, die verschieden ausgestaltet werden können. Alternativ ließe sich hier auch die Parallelhandlung des Königs in Szene setzen oder durch die Kinder in Bild, Text oder Spiel ausschmücken lassen. Das Spielen ermöglicht ein Verständnis für die literarisch schwer nachzuvollziehende Parallelhandlung sowie die unterschiedlich aufeinanderfolgenden Begegnungen. Die Parallelhandlung kann ebenfalls dazu anregen, eine Art Daumenkino zu basteln, umso über verschiedene Erzählzeiten und Möglichkeiten ihrer Darstellung ins Gespräch zu kommen. 

1 Im Folgenden wird sich auf das Podcastgespräch von Jutta Bauer und Marc Kudlowski sowie Elisabeth Hollerweger aus der fünfzehnten Folge (Juli 2021) des Podcasts Bremer Bilderbuchgespräche bezogen. Für weitere vertiefende Informationen zum Buch lohnt es sich, den Podcast anzuhören. Dieser ist hier zu finden: https://anchor.fm/bremerbibugespraeche/episodes/Bremer-Bilderbuch-Gesprche--Folge-15-Unterwegs-sein-mit-Special-Guest-Jutta-Bauer-e13qdqe

 

Erscheinungsjahr: 2021

Verlag: Kibitz Verlag

ISBN: 9783948690083

 

 

Erscheinungsjahr: 2013

Verlag: Aladin Verlag

ISBN: 9783848910069

Buch des Monats (März 2021):
Kleiner Streuner von Marla Frazee (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

„Kleiner Streuner war wütend. Wahrscheinlich, weil nie jemand mit ihm spielte. Aber vielleicht spielte auch nie jemand mit ihm, weil er so wütend war. So richtig wusste das keiner.“ 

Mit kurzen, aber tief blickenden Sätzen sowie einer tristen, in braun und grau gehaltenen Szenerie, einem hohen grauen Stahlzaun im Hintergrund und einem kleinen braunen Hund als Protagonist davor umreißt Marla Frazee die Ausgangssituation in Kleiner Streuner. Der Protagonist, der kleine braune Hund, ist aufgebracht, denn er ist nicht dabei: beim Ballspielen, beim im Matsch wälzen oder dem im Kreislaufen und selbst nicht beim Nickerchen machen und das, obwohl „er das Zeug dazu hatte.“ Sein Ärger staut sich auf und entfaltet sich auch auf der Bildebene auf einer Doppelseite in dunklen und ausdrucksstarken Braun- und Rottönen sowie einer starken Mimik. Als ein Ball auf ihn zurollt, eskaliert die Situation, denn kleiner Streuner nimmt allen anderen Hunden ihr Spielzeug weg und so sieht er sich den anderen Hunden Auge in Auge gegenüber. „Was nun?“ Die Spannung ist jetzt kaum auszuhalten. Auf der Bildebene schauen die Betrachtenden nun aus der Perspektive der vielen Hunde zu kleiner Streuner, der von einem Haufen von Spielzeugen wütend zurückstarrt. 

Die folgenden Seiten zeigen, warum dieses Buch auf der Shortliste des Huckepackpreises seinen Platz gefunden hat. Denn der Huckepackgedanke manifestiert sich für die Betrachtenden nicht nur in der beschriebenen lebensweltnahen Patt-Situation, in der sich vermutlich so manche*r Betrachtende wiedererkennt, sondern auch in der nun anschließenden „Auflösung“ der Situation. Im Kontrast zu vielen Bilderbüchern findet die Situation nämlich keine jähe Auflösung, sondern verharrt und gestaltet auf zwei Seiten die Gedanken der Figuren aus. Je auf zwei Doppelseiten finden sich die Rezipient*innen zunächst den fragenden Gesichtern der Hunde und ihren Fragen und Gedanken – „Ist kleiner Streuner so wütend, weil wir nicht mit ihm spielen? Oder spielen wir nicht mit ihm, weil er so wütend ist? Sollen wir mit ihm spielen, bloß um unsere Sachen zurückzubekommen?“ - und anschließend dem traurigen Protagonisten und seinen Gedankengängen gegenüber – „Wenn ich ihnen alles zurückgebe, werden sie mich dann mögen? Spielen sie dann endlich mit mir?“ Diese Innensicht der Figuren und das gemeinsame Nachdenken über die Fragen der Figuren bieten Potenzial für gemeinsame Bilderbuchbetrachtungen oder didaktische Ausarbeitungen. In einem identitätsorientierten Literaturunterricht finden sich auf beiden Seiten Möglichkeiten der Identifikation. Was könnten weitere Fragen und Gedanken der Hunde und von kleiner Streuner sein? Im Text heißt es: „Die Hunde machten sich so ihre Gedanken. Nicht zum ersten Mal ...“ Was könnte damit gemeint sein? Hast du schon mal eine ähnliche Situation wie kleiner Streuner erlebt? Wie hast du dich da gefühlt? 

Neben der Ausgestaltung und der Analyse der Innensicht ist auch der weitere Verlauf des Buches produktiv nutzbar. Denn eine Auflösung, soviel sei verraten, findet sich auch am Ende trotz intensiven Nachdenkens und Sichkratzens nicht, sodass eine Lösung im Nachgang durch die Betrachtenden gefunden werden kann. Diese kann in vielerlei Hinsicht bearbeitet und unter anderem auch durch szenisches Spielen oder eine Art „Hunde-Gruppenrat“ und somit durch die Betrachtenden aufgelöst werden. Für ein szenisches Spiel eignen sich einerseits der eintönige Hintergrund vor einem Stahlzaun und andererseits die Steckbriefe mit den Namen der verschiedenen Hunde, die sich auf dem Vorsatzpapier finden. Wenn dieses größer aufgezogen werden soll, ist auch der Farbverlauf der Situation der Geschichte entsprechend von helleren Brauntönen über dunklere Töne bis zu einem grauschwarzen Hintergrund mit Regen und Regenwolken nutzbar. So kann an den verschiedenen Stellen angeknüpft werden, indem die Schüler*innen produktiv mit dem Bild- und Schrifttext weiterarbeiten. Dabei bleibt der Schrifttext auch relativ begrenzt bzw. größtenteils durch den Kontext verständlich, wenn auch im Wortschatz einige vielleicht unbekannte Wörter wie "dösen", "Streuner", "Nickerchen", "beäugten" je nach Sprachniveau der Kinder kurz zu klären sind. 

Das Buch glänzt durch eine überschaubare und klarstrukturierte Handlung und den begrenzten, aber eindeutigen und handlungsunterstütztenden Schrift- und Bildtext sowie andererseits durch die ausgestaltete Innensicht der Figuren und die fehlende Auflösung, welche wiederum auf das große gestalterische Potenzial und die Möglichkeiten zur Arbeit mit dem Buch verweisen. 

 

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Aladin Verlag

ISBN: 9783848901807

Buch des Monats (Februar 2021):
Mina entdeckt eine neue Welt  von Sandar Niebuhr-Siebert und Lars Baus (Didaktische Rezension von Sarah Sudikatis)

Ein kreatives Buch, das das Lernen einer Zweitsprache thematisiert und dabei sowohl einfühlsam Verständnis weckt als auch Mut macht, diese neue Sprachwelt zu entdecken. 

Einleitung 

Mit dem ersten Tag im Kindergarten betritt Mina nicht nur einen unbekannten Raum und trifft auf unbekannte Kinder, sie sieht sich vor allem mit einer unbekannten Sprache konfrontiert. Schritt für Schritt begleiten die Rezipient*innen, wie Mina sich in dieser für sie neuen (Sprach-)Welt zurechtfindet und diese entdeckt – vom Bauchkribbeln vor dem ersten Kindergartentag bis hin zu dem Zeitpunkt, als ein neuer Junge in ihre Gruppe kommt. Mit allen erdenklichen Mitteln der Symbolik, Farb- und Wortwahl stellen Sandra Niebuhr-Siebert (Autorin) und Lars Baus (Illustrator) liebevoll und einfühlsam dar, welche Erfahrungen und Entwicklungen Mina mit der neuen Sprache durchlebt. Das Buch bietet einen intensiven, anschaulichen Einblick in die Perspektive eines Kindes, das beginnt, in einer neuen Sprachwelt handlungsfähig zu werden. Leser*innen entdecken dabei ihrerseits eine neue Welt, indem sie in die Gedanken und Gefühle der Protagonistin eintauchen, was wiederum Verständnis bewirken kann für diejenigen, die ähnliche Situationen wie Mina erleben. 

Symbolik auf der Bildebene

Der Reichtum auf der Bildebene, der Minas Entwicklung visualisiert, bietet didaktisch gesehen viele Anknüpfungspunkte. Anfänglich wird Minas Umfeld im Kindergarten in Schwarz-Weiß dargestellt. Im Laufe der Geschichte nimmt der Farbanteil graduell zu – abhängig davon, welche Gegenstände Mina bereits benennen kann und welche Personen sie kennengelernt hat. Schlussendlich sind alle Bilder bunt eingefärbt. Bedingt durch die Diegese, die zwischen Minas Erlebnissen am Tag und ihren Träumen in der Nacht hin- und herwechselt, gibt es Erzählungen sowohl mit als auch ohne Text. Die Träume werden überschrieben mit dem Satz „Nachts träumt Mina …“ und zeigen die Verarbeitung von Minas Erlebnissen ausschließlich auf der Bildebene. Auf diesen Doppelseiten lassen sich besonders viele Symbole finden: Sowohl Mina als auch die anderen Kinder werden als kleine Fische dargestellt. Zu Beginn gibt es nur einen bunten Fisch mit einer nach unten hängenden Blume im Mund, der Mina mit ihren Kommunikationsschwierigkeiten symbolisieren soll. Als Nächstes scheint sie sich mit einem kleinen Fisch anzufreunden, der zwar ohne Blume bleibt, jedoch auch bunt ist. Mit ihren zunehmenden Sprachkenntnissen werden die anderen Fische ebenfalls immer farbenfroher dargestellt und erhalten jeweils eine Blume. Auch die Entfernung zum Mina-Fisch sowie die Schwimmrichtung des Schwarms verändern sich. Minas letzter Traum – das vorletzte Bild – zeigt sie mit ausgebreiteten Armen auf einem großen Fisch, der durch ein Meer aus Blumen schwimmt (oder sogar fliegt?). Im Vergleich zu den vorherigen Bildern, die die Erlebnisse am Tag zeigen, ist Minas Kleid nun nicht mehr mit Blumen, sondern mit Fischen übersät. Alles hat sich gewandelt, sie bewegt sich frei in der neuen (Sprach-)Welt, die sie sich zu Eigen gemacht hat und genießt ihre Schönheit. In Minas Träumen gibt es demnach viel zu entdecken und es bleiben Deutungsspielräume, durch die sich im Gespräch die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses (nach Spinner 2006) fördern lässt: „Was passiert in dem Traum? Wer sind die Fische? Wofür steht die Blume im Fischmaul? Was könnte der Traum bedeuten? Wie verändern sich Minas Träume?“ 

Narrative Gestaltung & Identifikationsmöglichkeiten 

Auf der Ebene des Figurenverstehens bieten verschiedene Situationen die Möglichkeit, sich als Leser*in mit Mina zu identifizieren: Beispielsweise versteht die Erzieherin sie falsch, als sie gerne noch etwas vom Mittagessen hätte und so bleibt der Nachschlag aus. An anderer Stelle wird deutlich, dass Mina zwar im Kindergarten nicht viel redet, zu Hause jedoch schon. Da aus Minas Perspektive erzählt wird, werden sowohl Wiedererkennungseffekte für Kinder, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, als auch eine Horizonterweiterung für Kinder, denen eine solche Erfahrung fremd ist, ermöglicht. Förderlich ist weiterhin, dass Minas Erst- bzw. Fami-liensprache nicht namentlich genannt wird, sondern nur auf der Bildebene als geschwungene Sprachfäden dargestellt wird. Diese bewusste ‚Lücke‘ begünstigt es, dass sich verschiedene Kinder mit Mina identifizieren können. Am Ende schließt sich der Kreis, als ein neuer, schüchterner Junge zur Gruppe hinzukommt, bei dem sich darauf schließen lässt, dass auch für ihn die Sprache neu ist. Es erscheint wie ein offenes Ende oder als beginne die Geschichte von vorne. Hier lässt sich mit Gespräch anschließen: „Was denkst du, wie Mina sich Tarek gegenüber verhält? Wie kann sie ihm helfen? Wie können die anderen Kinder ihm helfen? Was würdest du tun?“ Im Zuge dessen bietet sich das Buch besonders an, wenn eine Gruppe oder Klasse auf ein neues Kind vorbereitet und für die sprachlichen Schwierigkeiten sensibilisiert werden soll. Ggf. könnte man diesbezüglich über den inhaltlichen Transfer vom Handlungsraum Kindergarten auf die Schule sprechen. Weiterhin könnte man eine Situation aufgreifen, in der Mina mit den anderen Kindern ein Hörspiel hört, in dem jemand Russisch spricht, und sie anschließend probiert, die Laute zu imitieren. Später hören sie auch eine Geschichte in Minas Sprache. Folglich könnte man mit einer Gruppe oder Klasse Lieder und Erzählungen in den Erstsprachen der Kinder abspielen, sodass die anderen einen Einblick in diese Sprache erhalten. Die Rolle der Erwachsenen (Mutter, Erzieherin) ist in all dem als Unterstützung im Hintergrund einzuordnen. Dadurch sind die Kinder im Fokus, was Leser*innen wiederum zum eigenen Handeln ermutigen kann. Abschließend lässt sich damit sagen, dass sich das Buch in jeglicher Hinsicht gut für die Förderung der Identitätsentwicklung (nach Pfäfflin 2010) eignet.

 

Sekundärliteratur: 

Pfäfflin, Sabine (2010): Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht, Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Spinner, Kasper (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch. Band 33. Heft 200. Velber: Friedrich, S. 6-16.

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Carlsen Verlag

ISBN: 9783551512703

Buch des Monats (Januar 2021):
A. von Pavel Cech (Gastrezension von Jochen Hering)

Was, wenn alles „A“ ist? Von einem vernummerten Leben ohne Grundrechte in einer totalitär regierten Stadt erzählt dieser Comic- Roman und kommt dabei völlig ohne Worte aus. Schon das Titelbild von Paul Cechs A macht einen düsteren Eindruck. Aus der Vogelperspektive schauen wir auf eine graue und in ihrer Einförmigkeit trostlose nächtliche Wolkenkratzerstadt. Aus riesigen Schornsteinen steigt schwarzer Rauch, einzelne Wohnungen sind erleuchtet, lebendiges Leben ist nicht zu entdecken. Mitten auf dem Bild prangt ein blutrotes „A“. Zu Beginn der Geschichte befinden wir uns in der Wohnung des Protagonisten. Der wird gerade geweckt, durch einen Lautsprecher über dem Bett, aus dem ein „A“ dringt. Er macht sich kurz frisch, setzt eine Mütze auf, die eine sichtbare Nummer trägt: 21868 und verlässt mit seinem Fahrrad die Wohnung. Auf den nächsten Seiten begleiten wir ihn durch die Stadt, die in der Nahsicht offensichtliche Züge des Verfalls (Löcher im Straßenpflaster, bröckelnder Putz an den Hauswänden, Bretterverschläge anstelle von Fenstern) trägt. Die wortlosen Bilder nehmen uns mit in ein verstörendes Stadtleben. Eine riesige Führerfigur, die schon auf dem Titel zu sehen war, dominiert die erste Doppelseite. Überall Wachen, Kontrolleure, Militärpolizei mit missmutigen verschlossenen Gesichtern, Fahndungsplakate an den Häuserwänden, Szenen der Gewalt, an denen Unbeteiligte rasch vorbeihasten, auch unser Protagonist. Überhaupt wirken die Menschen auf den Straßen teilnahmslos, beinahe wie Sträflinge, halten die Köpfe gesenkt. Und das „A“ ist allgegenwärtig, auch in den Medien. 

Schließlich kommen wir am Arbeitsplatz unseres Protagonisten an, einer antiquiert wirkenden Metallfabrik, in der – das zeigen herumstehende spitz zulaufende Granaten – offensichtlich Waffen hergestellt werden. In der Mittagspause finden wir ihn im Hinterhof der Fabrik. Er sitzt an einen Schornstein gelehnt, sein Brot kauend und – tatsächlich mit einem Lächeln im Gesicht – den Vögeln am Himmel nachschauend. Am Abend, in seiner Wohnung, arbeitet er weiter. Wie die Konstruktionspläne an der Zimmerwand zeigen offensichtlich an einer Mischung aus Fahrrad und Flugapparat. 

Der nächste Tag vergeht ähnlich. Dieses Mal klettert er in der Mittagspause den Schornstein im Hinterhof hinauf, wir schauen mit ihm über die Stadtmauern hinweg, hinaus in eine bunte Ferne, Meer und Leuchtturm am Horizont. 

Nach der Mittagspause werden alle Arbeiter hinaus auf den Marktplatz beordert. Die Menschen der Stadt nehmen an einer Demonstration teilnehmen. Von seinem Balkon aus spricht der Führer zur versammelten Masse. Auch der Abend verläuft wie gewohnt. Mit zufriedenem Gesicht arbeitet unser Mann weiter an seinem Flugapparat. 

In der Nacht schreckt er auf. Ein Blick aus dem Fenster zeigt Militärpolizei, die die Wohnung eines Nachbarn stürmt. Kurz vor seiner Verhaftung gelingt es dem alten Mann noch, einen Papierflieger, mit einem „B“ beschriftet, aus dem Fenster zu werfen. Ein nächster Tag schließt sich an. Und dann, in der Mittagspause auf dem Hinterhof, liegt da der Papierflieger mit seinem „B“. Vorsichtig steckt unser Protagonist den Flieger ein, muss zuhause immer wieder auf das „B“ starren. Eine von Gewalt geprägte Schulszene steigt in seinen Erinnerungen auf. Er liegt lange noch wach. 

Am Folgetag in der Fabrik flüstert er einem Arbeitskollegen ein „B“ zu. Heillose Panik in dessen Gesicht, die Hände zur Abwehr erhoben, hat der nur ein „A“ für unseren Mann übrig. Und der wird bei seinem rebellischen Tun bereits beobachtet. Überall versteckte Mikrofone und Kameras haben schon seine Nummer ermittelt, Verhaftungskommandos sind unterwegs. Die Jagd auf Nummer 21868 hat eingesetzt.

Über Dächer und Hinterhöfe kann 21868 bis nach Haus entkommen. Mit Fahrrad und den Teilen seines Flugapparates hastet er aufs flache Dach. Dort baut er in Windeseile seinen Flieger zusammen, während die Verfolger schon die Treppe hinaufstürmen. In letzter Sekunde kann er in die Luft und über die Stadtmauern hinweg ins Umland entkommen. Er landet in einer bunten vielfältigen Welt, in der – das zeigen Stadtbild und Alltagsleben dort – offensichtlich alle Buchstaben erlaubt sind. Wachen, Kontrolleure und Militärpolizei sind hier nicht zu sehen. Ein Jahr vergeht. Dann schwingt sich unser Held eines Tages wieder in die Luft. Er erreicht die düstere Stadt und wirft bunte Bücher mit Titeln wie „M“, „C“ und „T“ über ihr ab. 

„A“ ist ein politischer Actionthriller, ein Comic-Roman, gespickt mit aufschlussreichen Nebenszenen, der von Gleichschaltung, Unterdrückung und Widerstand erzählt und dabei keinen Text braucht. Das Bild auf der letzten Seite trägt den Titel Dem Mann mit den Taschen gewidmet. Zu sehen sind zwei Panzer, denen sich ein Mann mit einer Einkaufstasche in jeder Hand entgegengestellt hat. Wer als Suchbegriff Panzer und der Mann mit den Taschen eingibt, erfährt: „Tank Man und Unknown Rebel sind die Bezeichnungen für einen bisher nicht öffentlich identifizierten Mann, der internationale Bekanntheit erlangte, indem er sich während des Massakers am Platz des himmlischen Friedens (Tian’anmen-Platz) vor einen Konvoi von Panzern stellte und ihr Vorrücken blockierte, wobei er in jeder Hand eine Einkaufstüte trug. Diese Szene … wurde von zahlreichen Fotografen und Fernsehteams festgehalten. Der Vorfall ereignete sich am 5. Juni 1989 in der Nähe des Tian’anmen-Platzes … Am Tag zuvor waren die Demonstrationen am Tian’anmen-Platz gewaltsam niedergeschlagen worden. Der Mann stand allein auf der Fahrbahn, als sich die Panzer … näherten. Er hielt in jeder Hand eine Einkaufstüte. Als die Panzer vor ihm auffuhren, versuchte er, sie aufzuhalten. Der erste Panzer versuchte daraufhin, an ihm vorbeizufahren. Der Mann stellte sich ihm abermals in den Weg. Er stieg auf den ersten Panzer und begann, mit dem Fahrer zu diskutieren. Nachdem der Mann vom Panzer herunterstieg, startete der Fahrer seinen Motor und wollte den Panzer wieder in Bewegung setzen. Der Mann blockierte die Weiterfahrt sofort erneut. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, dass der Mann innerhalb weniger Minuten von vier Personen weggezogen wurde und in der Menge verschwand. Es ist umstritten, ob es sich bei den vier Personen um Passanten handelte, die ihn retten wollten, oder Sicherheitsbeamte, die den Mann in Gewahrsam nahmen. Die Panzer rückten daraufhin weiter vor “ (Wikipedia 2020). 

 

Sekundärliteratur: 

Wikipedia (2020): Tank Man.  https://de.wikipedia.org/wiki/Tank_Man. Zugriff: 28.1.21.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Alibri Verlag

ISBN: 9783865693112

Buch des Monats (Dezember 2020):
A wie Antarktis. Ansichten vom anderen Ende der Welt von David Böhm (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

Von einem Sachbuch wird erwartet, dass es über ein bestimmtes Thema oder mehrere Themen informiert und dass dies in möglichst anschaulicher und hilfreicher Art und Weise passiert. Ist dieses für Kinder und Jugendliche bestimmt, wird vielleicht zusätzlich angenommen, dass die Inhalte sich auf das Wesentliche beschränken und gut verständliche Informationen liefern. Das mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Sachbuch A wie Antarktis des tschechischen Künstlers David Böhm bricht diese klare Erwartungshaltung und bietet neben den zwar vorhandenen Fakten und Inhalten dem Untertitel entsprechend ebenso: Ansichten vom anderen Ende der Welt. Was zuerst vielleicht etwas nach alternativen Fakten klingt, birgt auf den zweiten Blick neben dem faszinierenden Überblick über die Antarktis auch philosophische, persönliche und themenübergreifende Fragestellungen und Sichtweisen, die sich fernab vom Thema Antarktis befinden. 

Diese Perspektiven ergeben sich dabei auf verschiedene Art und Weise. Zunächst einmal bietet sich die Antarktis selbst an, aus verschiedenen Perspektiven erschlossen zu werden. Mehrere spannende Themenbereiche wie eine an extreme Wetterbedingungen angepasste Flora und Fauna, meteorologische und geologische Phänomene sowie Menschen betreffende und gemachte Aspekte – sei es historische Erkundungen, internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit, Architektur oder politische und klimaentscheidende Fragen – finden sich und treffen aufeinander. Die Vielzahl an Themen präsentiert Böhm auf (ausklappbaren) Doppelseiten, die sich jeweils einem Oberthema widmen. Auch die weitere Gestaltung trägt zu einer vielseitigen Betrachtung bei, indem sich der Künstler den Themen mit verschiedenen „Textsorten und gestalterische[n] Techniken“ (Arbeitskreis für Jugendliteratur 2020) wie Fotografien, Karten, Comics, Gedankenspielen, Karikaturen, Comicelementen und Grafiken nähert und jede Seite zu einem anspruchsvollen in Text-und-Bild-verwobenem Erlebnis macht. Dies führt dazu, dass sich das Buch dafür eignet, nach und nach aber ebenso querbeet Doppelseite für Doppelseite erschlossen zu werden. Bereits zu Beginn werden die Betrachtenden auf das Buch und die dem Buch innewohnende eigene Betrachtungsweise eingeschworen, indem der Künstler die eigene Perspektive auf den Gegenstand Antarktis infrage stellt und sich dies auch im Text-Bild-Verhältnis widerspiegelt. Auf der Textebene sind die Rezipient*innen durch Fragen aufgefordert, ihre eigenen Grundsätze und die einhergehende Perspektive zu reflektieren und werden weiter dazu angehalten, das zu Buch zu drehen. Mit dieser Handlung werden die Betrachtenden nun auch auf der Bildebene animiert, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Belohnt wird dieser Perspektivwechsel auf Bild- und Textebene, indem einerseits der Titel und die Seitenzahlen – dies zieht sich bei den Seitenzahlen durch das ganze Buch – nun richtig zu lesen sind und andererseits mit der Erde, die nun statt oben links, unten rechts zu finden ist. Diese Fakten und Perspektiven hinterfragende Perspektive behält Böhm auf der Textebene nun weiter bei, sodass die Leser*innen immer wieder dazu angeregt sind, die Fakten mit anderen Aspekten zu vergleichen oder diese miteinander in Beziehung zu setzen. So fragt Böhm bei einer antarktiszentrierten Karte nach: „Ist diese Karte nicht irgendwie seltsam? Und warum eigentlich? [...] Wenn wir uns an einen bestimmten Blickwinkel gewöhnt haben, erscheint er uns plötzlich selbstverständlich.“ 

Dabei beschränken sich diese Zweifel und Fragen nicht nur auf wissenschaftliche Inhalte, sondern Böhm wagt sich ebenso an gesellschaftliche und philosophische Themen: „Woher kommt eigentlich diese Sehnsucht danach, etwas zu erobern und um jeden Preis der Erste zu sein? [...] Die Welt verdient es, entdeckt und erforscht zu werden, aber nicht blind.“ Entsprechend dieser der Textebene immanenten Metaebene ruft das Buch neben den Inhalten zur Antarktis auch zur Reflexion verschiedener Lebensbereiche und eigener Einstellungen auf. Dies führt dazu, dass der Rezeptionsprozess des Buches als durchaus anspruchsvolle Angelegenheit beschrieben werden kann, die sich ebenso in einer vielfach sprachlich anspruchsvollen Gestaltung – z.B. müssen Begriffe wie Vegetation oder Müßiggängerin aus dem Kontext erschlossen werden – niederschlägt. 

Neben den zahlreichen spannenden Inhalten faszinieren unter anderem auch die persönlichen Einblicke Böhms und seiner Söhne, denen eine Doppelseite des Buches gewidmet ist. Denn der Künstler hat zusammen mit seinen beiden Söhnen und einem Freund im Dezember 2017 für zwei Monate selbst die Chance gehabt, die Antarktis zu besuchen. Dabei spiegeln die kurzen Reiseeinträge die Begeisterung und Faszination der Erlebnisse des Autors und der Söhne wider und machen gerade in dieser reisearmen Zeit Lust, neue Orte zu entdecken. Dennoch bleiben auch hier die Eindrücke nicht nur auf der Textebene, sondern finden ebenso über einen textlosen Comic über die Schifffahrt in die Antarktis des ebenso mitgereisten Freund, Jirka Franta, Ausdruck. 

Speziell diese beiden Elemente des Buches eignen sich für literaturdidaktische Anregungen, indem verschiedene Textformate (Reisetagebuch, Comic) besprochen, aber ebenso ausprobiert und die vorhandenen Leerstellen von den Kindern fiktional ausgestaltet werden können. So können zu verschiedenen Inhaltsseiten eigene Reiseberichte verfasst oder Comics gezeichnet werden. Ebenso lassen sich auch die verschiedenen philosophischen und kritischen Fragen Böhms aufgreifen und von den Kindern beantworten oder in einer gemeinsamen Runde zum Buch diskutiert werden. Anlass können dabei jedoch nicht nur die Fragen sein, sondern ebenso eine Karikatur, in der passend zum Stopp des Klimawandels gefordert wird, „Wollt nicht so viel! Das rettet die Welt.“ Unabhängig von oder in Verbindung mit literaturdidaktischen Umsetzungen ist das Buch ein Sachbuch, das Eingang in den Sachunterricht finden kann. So wird ein Thema auf verschiedenen Ebenen in diverser Art und Weise erschlossen und bearbeitet. Abschließend lässt sich resümieren, dass das Sachbuch den Rezipient*innen eine auf allen Ebenen, sei es sprachlich, inhaltlich, literarisch oder bezogen auf das Text-Bild-Verhältnis, anspruchsvolle Auseinandersetzung bietet, weshalb das Buch erst ab der (dritten)/vierten Klasse geeignet scheint. 

Sekundärliteratur: 

Arbeitskreis für Jugendliteratur (2020): A wie Antarktis. Ansichten von anderen Ende der Welt. https://www.jugendliteratur.org/buch/a-wie-antarktis-4210-9783792003718/?page_id=1. Zugriff: 26.1.21.

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Karl Rauch Verlag

ISBN: 9783792003718

Buch des Monats (November 2020):
Überall Popos von Annika Leone und Bettina Johnson (Didaktische Rezension von Niklas Jacobs)

Endlich ist Samstag und Mila fährt mit ihren Eltern ins Schwimmbad. Dort will sie zum ersten Mal ganz alleine vom Rand ins große Becken springen. Mila ist ein bisschen aufgeregt, doch mindestens genauso aufregend findet sie die vielen verschiedenen Körper, die sie in der Umkleide zu sehen bekommt. Als ihr Vater später bei einem Sprung vom Drei-Meter-Brett seine Badehose verliert, nimmt Mila ihren Mut zusammen und springt ins Wasser, um sie wieder herauszuholen. Am Ende darf sie sich Süßigkeiten aussuchen. Die sehen genauso verschieden aus wie die Körper im Schwimmbad und das ist auch gut so.

Mit Überall Popos hat die schwedische Journalistin und Bloggerin Annika Leone gemeinsam mit der Illustratorin Bettina Johansson ein Bilderbuch veröffentlicht, das auf eine humorvolle Art und Weise Body Positivity und Körper-Vielfalt zelebriert. Im Zentrum der Geschichte steht dabei der Ausflug ins Schwimmbad mit Milas Sprung ins große Becken, was dem Körper-Thema eine angenehme Beiläufigkeit verleiht. Besonders auf der Bildebene findet sich eine große körperliche Diversität. Hier stehen behaarte und unbehaarte, glatte und faltige Körper in verschiedenen Hautfarben völlig ohne Werturteil nebeneinander. Es sind Tattoos und Sonnenbrände zu sehen, Muskeln und Dellen sowie Gesichter mit Brillen, Ohr- und Augenringen. Anstatt verschiedene Körper im Verhältnis von Normen und Abweichungen darzustellen ist hier Vielfalt die Norm.

Ganz nebenbei werden in Überall Popos auch Gender-Klischees aufgebrochen, etwa wenn Mila sich anfangs fragt, ob sie ihre „süße Spinnenbadehose“ oder „den coolen Prinzessinnen-Einteiler“ anziehen soll oder wenn auf dem Weg ins Schwimmbad die Mutter das Lastenfahrrad fährt und der Vater und Mila zusammen auf der Ladefläche sitzen. Darüber hinaus zählt die Geschichte sowohl auf der Text- als auch auf der Bildebene mehr weiblich als männlich konnotierte Figuren und hat mit Mila eine weibliche Hauptfigur, die in erster Linie neugierig und mutig dargestellt wird.

Dass Nacktheit und Körper in der Gesellschaft durchaus auch schambehaftet sind, wird am Rande behandelt und adressiert dabei nicht zuletzt die erwachsenen Leser*innen. So wird etwa die Mutter rot als Mila laut die Vulva einer anderen Frau in der Dusche beschreibt. Auch durch Milas Vater wird deutlich, dass ein solch unbedarfter Umgang mit Körpern nicht selbstverständlich ist. Statt anzuerkennen, dass seine Badehose zu klein geworden ist, redet er sich ein, sie sei eingelaufen. Als Mila mit ihrem Vater zusammen im Whirlpool sitzt, wird auf Bildebene subtil angedeutet, dass Frauen* und Männer* hinsichtlich ihrer Körper in der Öffentlichkeit mit zweierlei Maß gemessen werden. Während Milas Vater und ein weiterer Mann bedenkenlos oben ohne und mit Körperbehaarung im Pool sitzen, erntet eine Frau mit Achselhaaren, die kein Oberteil trägt, skeptische bis empörte Blicke von den anderen, jedoch auch ein bewunderndes Lächeln von Mila. Ihre Kette mit Venus-Symbol-Anhänger ist ein weiteres Beispiel für die zum Teil augenzwinkernde Doppeladressierung.

Insgesamt spielt Humor in Überall Popos eine wichtige Rolle. Schon der Titel und der offene Umgang mit allem rund um den Körper haben das Potential, Kinder und Erwachsene zum Lachen zu bringen. So erzählt etwa Mila, dass sich die Luftblasen im Whirlpool auf der Haut anfühlen „wie kleine Pupse“. Auf der Bildebene laden die pluriszenischen Darstellungen zum Entdecken von Details ein, während im Hintergrund bunte Fliesen dominieren.

Laut Verlag ist Überall Popos für Kinder ab 4 Jahren geeignet. Somit bietet sich didaktisch eine Möglichkeit zum Einsatz im Kindergarten. Das Buch kann als Impuls für Gespräche über Körper dienen. So können beispielsweise Fragen besprochen werden wie: Wie sehe ich aus? Wie siehst du aus? Gibt es „normale“ Körper und spielt das überhaupt eine Rolle?

Im Primarbereich kann das Buch einen Kontrast zu gängigen Abbildungen schlanker, weißer able-bodied Personen darstellen. Der Bremer Bildungsplan sieht für den Sachunterricht in den Jahrgängen 1/2 das Thema „Entwicklung und Persönlichkeit“ vor, das unter anderem beinhaltet, „die eigenen und die individuellen Merkmale anderer Menschen kennen und akzeptieren [zu] lernen“. Ebendiese Akzeptanz und Wertschätzung aller Körper wird in Überall Poposanschaulich vermittelt.

In den Jahrgängen 3/4 kann das Buch bei der Behandlung des Themas „Schönheitsideale im Wandel der Zeiten und in verschiedenen Kulturen“ eingesetzt werden. Dabei kann es einen Einstieg in das Thema bilden und dazu anregen, offen über Körper, ihre Vielfalt und gesellschaftliche Normvorstellungen zu sprechen.

 

Sekundärliteratur: 

Der Senator für Bildung und Wissenschaft (2007): Sachunterricht. Bildungsplan für die Primarstufe. Online in:https://www.lis.bremen.de/sixcms/detail.php?gsid=bremen56.c.15222.de. Zugriff: 04.12.2020.

 

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Klett Verlag

ISBN: 9783954702343

Buch des Monats (Oktober 2020):
Dreieck, Quadrat, Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen (Didaktische Rezension von Jack Lindner)

„Idee, Geschichte, Grafik und serielles Konzept – hier stimmt einfach alles“ (Arbeitskreis für Jugendliteratur 2020) ist die Einschätzung der Jury des Kinder- und Jugendliteraturpreises in der Kategorie Bilderbuch zu dem diesjährigen Preisträger Dreieck Quadrat Kreis von Mac Barnett und Jon Klassen. Der amerikanische Autor und der kanadische Illustrator, die unter anderem schon bei der Wo ist mein Hut Trilogie zusammengearbeitet haben, kreieren drei Geschichten zu drei unterschiedlichen Formen. Die Bücher erscheinen in einem Schuber, sind mit ihren Maßen 22.8 x 3.8 x 23.1 cm fast quadratisch und somit dicht an der Form einer der drei Protagonist*innen. Auf den einzelnen Covers sind nur die jeweiligen Formen (Dreieck, Quadrat, Kreis) ohne Titel abgebildet. Der verstärkte Einband führt zu einem haptisch ansprechenden Erleben beim Öffnen der Bücher. Das Buch des Dreiecks widmet sich dem Zusammentreffen von Dreieck und Quadrat. Dabei will Dreieck dem Quadrat einen fiesen Streich spielen. Dieser endet allerdings in einer bedrohlichen Situation für das Dreieck selbst, das sich im Dunklen fürchtet. In der Geschichte des Kreises spielen alle drei Formen zusammen an einem Wasserfall Verstecken und Dreieck will seinen Mut unter Beweis stellen, indem es unter den Wasserfall ins Dunkle geht. Dies endet in einer mysteriösen Begegnung, die offen lässt, welche geheimnisvolle Gestalt unter dem Wasserfall lebt. In der Geschichte des Quadrates wird zu Beginn sein*ihr Arbeitsalltag in einer Höhle erzählt. In der monoton erscheinenden Arbeit sieht der Kreis ein künstlerisches Genie und bittet das Quadrat eine Skulptur vom Kreis anzufertigen. Das Quadrat versucht diesem Wunsch zu entsprechen, scheitert allerdings in der Vollkommenheit des Kreises. Doch der Kreis sieht in den Bruchstücken der Arbeit Vollkommenheit. Die Geschichten sind nicht nur durch die Protagonist*innen miteinander verbunden. Rezipient*innen können immer wieder neue durchaus komplexe Bezüge zwischen den Geschichten entdecken. Die Jury des deutschen Jugendliteraturpreis spricht von einem „in sich verflochtene[m] Ganze[n]“ (ebd.). Dieses kann auch für erwachsene Leser*innen immer wieder neue Aufschlüsse bringen und Fragen aufwerfen. Zum Beispiel wird die Angst des Dreiecks vor dem Dunklen in der Geschichte des Dreiecks und des Kreises direkt thematisiert. Mit dem Wissen, dass das Dreieck die Angst im Dunklen durch das Auftauchen eines unbekannten Augenpaares unter dem Wasserfall entwickelt, kann vermutet werden, dass das Quadrat ihm diesen Streich spielt, denn die Angst vorm Dunklen nutzt das Quadrat in der Geschichte des Dreiecks. Durch die Arbeit in der Höhle ist das Quadrat hingegen die Dunkelheit gewohnt, sodass es keine Angst hat.
Die Farbgebung ist durch die typischen Siebdrucke des Duos gekennzeichnet. Dabei werden überwiegend gedeckte dunkle Farbtöne auf cremefarbenen Hintergrund eingesetzt. Diese wirken geheimnisvoll und warm. Das Bild-Text-Verhältnis ist von Buch zu Buch unterschiedlich. Während in der Geschichte des Dreiecks vorwiegend parallel erzählt wird, dementsprechend die Bilder und der Text synchron den gleichen Inhalt vermitteln, so wird in der Geschichte des Kreises, insbesondere in der Szene unter dem Wasserfall, die Interaktion der Formen über den Text vermittelt, wohingegen das Bild die Lage der Formen zueinander verdeutlicht. So wird der Inhalt der Szene erst im Zusammenspiel von Bild und Text deutlich.



Die Materialien der Praxisseminare zu den nominierten Büchern von Eder und Pfeifer-Spiekermann nutzen zum Einstieg einen Sitzkreis, in dem Assoziationen zu Kreis, Quadrat und Dreieck geäußert werden sollen. Dafür liegen die Figuren aus dem Buch und weitere identischen Formen in der Mitte des Kreises. Anschließend werden drei Impulssätze „Das ist Dreieck/Kreis/Quadrat“ umgedreht und begründet zugeordnet. Die Begründungen können dabei über die mathematischen Eigenschaften der jeweiligen Formen erfolgen. Dabei entsteht ein Problem durch die Beine des Quadrates und des Dreiecks, denn die formalen Kriterien, ein Dreieck hat drei und ein Quadrat hat vier Ecken, sind nicht mehr erfüllt. Außerdem sollte thematisiert werden, dass die Figur des Buches nur ein mögliches Dreieck darstellt, hinzu sollten rechtwinklige Dreiecke und weitere Dreiecksvariationen erläutert werden, um den Schüler*innen die Form in ihren Erscheinungsvarianten zu zeigen. Anschließend wählen die Schüler*innen eine der Geschichten aus. Bevor die gewählte Geschichte vorgestellt wird, sollen die Kinder vermuten, welche Geschichten ein Kreis/Dreieck/Quadrat erlebt und welche Eigenschaften die Formen haben. Die Formen als Protagonist*innen haben einen geringen Lebensweltbezug zu dem Alltag der Schüler*innen und stellen abstrakte Konstrukte dar. Diesen Formen Eigenschaften oder mögliche Geschichten zuzuordnen ist ein kognitiv anspruchsvoller Prozess, der an dieser Stelle durch mögliche Hilfestellungen angeleitet werden müsste. Besonders, zumal Präkonzepte zu den Formen als Figuren nur begrenzt vorhanden sein werden. Darauffolgend wird in dem Workshop zunächst eine der drei Geschichten vorgelesen. Wenn die Geschichte des Kreises vorgelesen wird, sollen die Kinder sich die geheimnisvolle Figur unter dem Wasserfall überlegen und diese basteln. Diese Aufgabenstellung ist unter dem Aspekt „Beim Lesen und Hören Vorstellungen entwickeln“ von Kaspar Spinner zu betrachten. Spinner legt dabei fest, dass ein vertiefendes Verständnis des Textes durch textimmanente Informationen entfaltet werden soll, beliebiges Fantasieren, wie es die geschilderte Aufgabenstellung fordert, umfasst dieser Aspekt literarischen Lernens nicht. Die Aufgaben zu den anderen Geschichten zielen auf mathematische Kompetenzen ab und bieten Impulse zum Erlernen von Formen und deren Beziehung zueinander. Wenn die Bücher zum Erlernen von Formen genutzt werden sollen, muss auch kritisch reflektiert werden, dass die Kinder zu den Formen eine Beziehung und Haltung entwickeln. Eine Lieblingsform und eine Form, die aufgrund ihres Verhaltens nicht gemocht wird, sind für den Mathematikunterricht hinderlich. Inwiefern mit dem Buch literarisches Lernen gefördert werden kann, zeigen die Materialien der Praxisseminare nicht.       


Die Aufgaben des Praxisseminares müssten ergänzt werden, um konkrete Aspekte des literarischen Lernens nach Kaspar Spinner zu fördern. Die Aufgabe, die die Kinder zum Basteln einer möglichen weiteren Form angeregt hat, sollte zunächst einmal erfragen, inwiefern nicht das Quadrat als weiteres Augenpaar unter dem Wasserfall in Frage kommt. Dadurch könnten die Bücher miteinander verknüpft werden, da die Kinder die Rolle des Quadrates in den anderen Geschichten betrachten werden. Dabei könnte ihnen zum einen die Höhle des Quadrates als dunkler Ort zum anderen das Verhalten des Quadrates gegenüber dem Dreieck auffallen. Am Ende der Geschichte des Dreiecks verdunkelt das Quadrat die Tür des Dreiecks und jagt ihm*ihr einen Schreck durch die entstehende Dunkelheit ein. Wenn das Quadrat in seinen*ihren Handlungen genau wahrgenommen wird, kann bei den Kindern ein Prozess der Identifikation und Abgrenzung einsetzen und somit die Perspektive der literarischen Figur nachvollzogen werden. Schlussendlich können die Kinder beurteilen, ob das Quadrat unter dem Wasserfall als Augenpaar in Erscheinung tritt. Da diese Frage nicht vollständig geklärt werden kann und durchaus auch andere Formen unter dem Wasserfall leben könnten, darf keineswegs davon ausgegangen werden, dass das Quadrat tatsächlich die mysteriöse Figur ist. Diese Offenheit sollte im Gespräch thematisiert werden und die Kinder können sich nun weitere Formen ausdenken, die dort leben könnten. Diese Ergebnisse können präsentiert werden und damit gleichzeitig ein Einlassen auf die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses eingeübt werden, da vielfältige Deutungen einer Geschichte gleichwertig nebeneinanderstehen.  Da die Verbindung der Geschichten und das Erkennen der Rolle des Quadrates ein hoch komplexer kognitiver Prozess ist, sollte durch Hilfsmittel diese Verknüpfung vereinfacht werden. Dabei wäre es möglich die entsprechenden Stellen der Bücher für die Kinder noch einmal auszudrucken und zu verteilen und mit Hilfe von Impulsfragen eine Art Steckbrief mit Informationen und Handlungen des Quadrates zu erstellen. Dabei kann auch nach den Beziehungen zu den anderen beiden Formen gefragt werden. Dies unterstützt das Verständnis der Handlungslogik rund um die Figur des Quadrates. Anhand von diesem Steckbrief könnte im Gespräch über die Szene unter dem Wasserfall diskutiert werden, bevor eine Arbeitsphase und eine Präsentation von möglichen anderen Formen anschließt.

Mit Hilfe eines solchen Vorgehens könnte ein Verständnis für die Handlungslogik und die Perspektive der literarischen Figur des Quadrates sowie das Einlassen auf die Unabschließbarkeit des Sinnbildungsprozesses gefördert werden. Hierbei werden somit drei Aspekte des literarischen Lernens nach Kaspar Spinner angesprochen. 

 

Weitere Primärliteratur:  

Barnett, Mac / Klassen, Jon (2012): Wo ist mein Hut. Nord Süd Verlag. 

 

Sekundärliteratur: 

Arbeitskreis für Jugendliteratur (2020): Dreieck Quadrat Kreis. https://www.jugendliteratur.org/buch/dreieck-quadrat-kreis-4195. Zugriff: 4.1.21.

Eder, Katja /Pfeiffer-Spiekermann (2020): Ich sehe was, was du erzählst!“ https://www.jugendliteratur.org/_files_media/djlp_titel_pdf/4195.pdf. Zugriff: 4.1.21. 

Spinner, Kasper (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch. Band 33. Heft 200. Velber: Friedrich, S. 6-16.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: NordSüd Verlag

ISBN: 9783314105517

 

Buch des Monats (September 2020):
Juju und Jojô - Eine Geschichte aus der Großstadt von Eymard Toledo (Didaktische Rezension von Mats Pieper)  

Bilderbücher sind für Kinder Türöffner in eigene und fremde Welten. Dabei sind diese Welten fiktiv, beanspruchen jedoch häufig für sich, der Lebensrealität von Kindern nahe zu sein, um durch Authentizität einen leichten Übergang für Kinder zu schaffen. Wird nun der deutsche Bilderbuchmarkt dahingehend untersucht, inwiefern sich hier ein Abbild der Gesellschaft zeigt, ist die Bilderbuchlandschaft zwar nicht so miserabel aufgestellt wie die Politik oder die Führungsetagen von Wirtschaftsunternehmen, aber dennoch besteht großer Handlungsbedarf. Denn innerhalb von Bilderbüchern begegnen uns vornehmlich weiße Figuren in einer heteronormativen Welt. Figuren of colour, Figuren mit Behinderungen oder Figuren mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und erst recht intersektionale Figuren sind nach wie vor wenig bis gar nicht in Bilderbüchern vorhanden. So ist zwar zu beachten, dass sich mehr und mehr Bücher finden, in denen Figuren verschiedener Heterogenitätsdimensionen auftreten, die Bücher jedoch oft bestimmte Themen be- und abhandeln oder mit dem pädagogischen Zeigefinger agieren. In solchen Büchern wird dann konkret Rassismus oder die sexuelle Orientierung das zentrale Thema des Buches und lässt entsprechende Figuren nur in diesem Kontext erscheinen. Diese Bücher sind wichtig und tragen teilweise wesentlich zur Aufklärung und Information von Kindern bei, dürfen jedoch nicht die einzigen Bücher bleiben, in denen Figuren verschiedener Heterogenitätsdimensionen auftauchen. Bücher zu finden, in denen Behinderung, sexuelle Orientierung oder Rassismus nicht erklärt werden, sondern verschiedene diverse Identifikationsfiguren selbstverständlich vorhanden sind, bleiben leider zu oft die Ausnahme. Dies führt zu einem massiven Ungleichgewicht und verstärkt die Marginalisierung bestimmter Gruppen. Wenn sich beispielsweise schwarze Kinder innerhalb der Kinder- und Jugendliteratur nicht wiederfinden oder wenn, dann nur im Kontext von Rassismus, dann wirkt sich dies einerseits negativ auf das Selbstbild von Kindern aus und schafft andererseits auch das Bild, dass diese Figuren nicht zur Gesellschaft dazugehören würden. Außerdem schränkt es Kinder in ihren Möglichkeiten und Zukunftsbildern ein. Kann eine schwarze Figur kein Held sein? Warum sind Menschen mit Behinderung nicht selbstverständlich in unterschiedlichen Berufen abgebildet? etc. Wieso gibt es diese Diskrepanz zwischen Bilderbuchwelt und Realität? Denn wäre alles wie im Bilderbuch, dann würde man sich ein bisschen mehr Vielfalt wünschen.

Neben den negativen Auswirkungen für die einzelnen marginalisierten Gruppen, verengt eine solche beschränkte Darstellung ebenso den Blick auf die Welt, mit dem Kinder aufwachsen. Dabei bieten Bilderbücher gerade die Möglichkeit, eigene, fremde und besondere Fantasiewelten zu schaffen und diese kennenzulernen, welche wiederum neue Perspektiven und Denkweisen für Kinder bereithalten und eröffnen. 

Abbildungen von Figuren verschiedener Heterogenitätsdimensionen verhelfen allein mit ihrer Präsenz in Bilderbüchern zu einer toleranteren Gesellschaft, indem die Rezipient*innen diese als das wahrnehmen, was sie sein sollten, selbstverständlich. Das sogenannte KIMI-Siegel ist ein Siegel, welches sich in Bezug auf verschiedene Heterogenitätsdimensionen mit der deutschen Kinder- und Jugendliteratur auseinandersetzt und Bücher auszeichnet, die die unterschiedlichen Heterogenitätsdimensionen berücksichtigen. Auf der Seite des Siegels finden sich verschiedene Bücher, die entsprechend ihres Themas und ihrer Protagonist*innen ausgezeichnet werden. 

Im Januar 2019 ist im vielfältig aufgestellten Baobab Verlag das Bilderbuch Juju und Jojô erschienen, welches aufzeigt, wie selbstverständlich schwarze Protagonist*innen in Bilderbüchern auftauchen können. Dabei erzählt Eymard Toledo in Juju und Jojô die Geschichte zweier Schwestern, die in einem Hochhaus in einer brasilianischen Großstadt aufwachsen. Erzählt wird die Geschichte von der Protagonistin Juju, die Einblicke in ihr Familienleben, das Leben in der Stadt sowie ihre Faszination für Insekten gibt. Dabei teilt ihre Familie die Begeisterung für Insekten nicht wirklich, doch in ihrer älteren Nachbarin Dona Filó findet sie eine Verbündete. Neben dem Thema Insekten, welches im Anhang durch ein Glossar vertieft werden kann, erzählt Toledo auch vom teils mühsamen und teils aufregenden Leben in der Großstadt. So begleiten wir die Protagonistin und ihre Mutter in den vollen Bus, der die Putzkräfte früh morgens in die Büros der großen Firmen bringt und erfahren im Nebensatz, wie der Papa sein Geld im Spülbecken der Toilette versteckt. Aufgrund der Vielfalt an Themen, aber auch über durch den einzigartigen Collagenstil Toledos, öffnet das Buch den Rezipient*innen eine Tür, die weit weg aber aufgrund der vielfältigen Anknüpfungspunkte auch direkt vor der Haustür sein kann. Aus didaktischer Perspektive lässt sich das Buch in vielerlei Hinsicht nutzen und bearbeiten. Dabei helfen einerseits die verschiedenen Themen, die angesprochen werden, wie das Zusammenleben der Familie, die Bedeutung von Insekten für das Ökosystem als auch das Leben in einer (brasilianischen) Großstadt sowie andererseits die Ich-Erzählung der Protagonistin, die eine empathische Auseinandersetzung mit der Hauptfigur, aber auch aus anderer Perspektive ermöglicht. Künstlerisch ist sicherlich auch der collagenartige Stil interessant. Dieser lädt zum Nachahmen ein, sodass beispielsweise eigene Collagengroßstädte mit vielen Jabuticababäume gebastelt werden können. 

 

Sekundärliteratur: 

Felker, Olga / Jammeh-Siegel, Ndey Bassine / Niminde-Dundadengar, Tebbi / Fajembola, Olalolu / Heher, Carla (2020): Diversität in Kinderbüchern. Von Schwarzen Prinzessinnen und männlichen Meerjungfrauen. https://www.spiegel.de/familie/diversitaet-in-kinderbuechern-schwarze-prinzessinnen-und-maennliche-meerjungfrauen-a-dc349201-c14d-4ffd-a182-9436832b967d. Zugriff: 4.1.21. 

KIMI-Siegel (2020): https://kimi-siegel.de. Zugriff: 4.1.21.

Knödler, Christine (2019): Tabus im Bilderbuch. Alles ist erlaubt. Oder? https://www.deutschlandfunk.de/tabus-im-bilderbuch-alles-ist-erlaubt-oder.1202.de.html?dram:article_id=459004. Zugriff: 4.1.21.

Sandjon, Chantal-Fleur (2020): Schwarze Kinder, weiße Perspektiven. Wie divers ist die Kinderbuchbranche? https://heimatkunde.boell.de/de/2020/10/08/schwarze-kinder-weisse-perspektiven-wie-divers-ist-die-kinderbuchbranche?fbclid=IwAR1lSWuwbZlXluk9xO8h-QbSLnlIsuFhAPFfh8vHiW7khunDusThQw2Vq3I. Zugriff: 4.1.21.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Baobab Books

ISBN: 978390580492

 

Buch des Monats (August 2020):
Königin für eine Nacht von Leonora Leitl (Didaktische Rezension von Sarah Sudikatis)  

Die Königin für eine Nacht ist nicht nur eine besondere Kakteenart, die einmal im Jahr für wenige Stunden blüht, sondern in diesem Bilderbuch vor allem Roberta Tannenbaum. Mithilfe ihres Mannes und ihrer drei Kinder überwindet sie die „dunkle Decke der Traurigkeit“ ausgelöst durch ihren Jobverlust. Die Geschichte, behandelt somit die in Bilderbüchern selten thematisierte Arbeitslosigkeit der Eltern – hier der Mutter – und entwickelt sich dabei von anfänglicher Perspektiv- und Mutlosigkeit zu neuer Hoffnung. 

In metaphorischer Sprache und mit Vergleichen wird beschrieben, wie sich die Mutter fühlt und verhält, nachdem sie ihre Arbeit verloren hat: „Die Schwermut ist wie ein Sumpf, in dem alles langsam versinkt“, „Sie sagt, sie fühle sich wie ein ausgelatschtes Paar Schuhe, das man in den Altkleidercontainer geworfen hat.“ und zieht sich folglich „nicht mehr schick an und sitzt in ihrer Jogginghose vor dem Fernseher“. Da die Illustrationen die im übertragenen Sinne zu verstehenden Beschreibungen wörtlich aufgreifen (bspw. „ihr Kollege [habe] so lange an ihrem Sessel gesägt, bis er ihre Arbeit bekommen hat“), wird trotz ernster Grundthematik auf humorvolle Art erzählt. Dadurch wirken die Vorgänge nicht unerträglich und der Zugang zum Inhalt wird erleichtert. Diese Kombination aus Vergleichen auf der Sprachebene und den wörtlich dazu passenden Illustrationen lädt außerdem zum gemeinsamen Gespräch über die Gefühlswelt der Mutter ein: z.B. „Warum möchte sich die Mutter in der Hundehütte verkriechen?“ Weiterhin könnte dies didaktisch insofern aufgegriffen werden, als dass Kinder eigene Metaphern oder Vergleiche finden und diese bildnerisch umsetzen. 

Nachdem die drei Kinder anfänglich Vorteile darin sehen, dass ihre Mutter nun zu Hause ist, spüren sie auch die Konsequenzen, als bspw. der Urlaub im eigenen Garten verbracht wird. Am schlimmsten ist jedoch, dass ihre Mutter sich zu verändern scheint, indem sie keine Musik mehr macht und insgesamt immer trauriger wird. Einfühlsam wird vermittelt, welche Situationen Kinder arbeitsloser Eltern erleben und in welcher Hinsicht sie selbst davon betroffen sind. Dies bietet Möglichkeiten, über die Perspektive und Erfahrungen der Kinder zu sprechen und sich als kindliche Rezipient*in ggf. selbst darin wiederzufinden. 

Neben der im Bilderbuch unterrepräsentierten Thematik besteht die Besonderheit dieses Buches in der Auflösung von gesellschaftlichen Rollenklischees: Die Mutter ist Biologin, der Vater ist Erzieher. Im Zuge dessen wird der Wert einer Arbeit, die einem Freude bereitet, deutlich. Trotz der Arbeitslosigkeit ist an keiner Stelle eine Existenzangst wahrzunehmen, da die Familie über wertvolle Ressourcen wie Haus, Garten und Auto verfügt. Vielmehr stehen die psychischen Folgen einer Arbeitslosigkeit und der damit verbundene Wunsch eines Menschen nach einer Aufgabe im Zentrum. In allen Situationen – von verlorener Arbeit bis zur gemeinsamen Problemlösung – wird der Familienzusammenhalt als wichtigste Ressource aufgezeigt. Da die individuellen familiären Umstände betroffener kindlicher Rezipient*innen jedoch anders sein können, ist es wichtig, dies im Gespräch aufzugreifen und über weitere Unterstützungsnetzwerke, wie bspw. Freund- oder Nachbarschaften zu sprechen. 

Die Wendung geschieht durch die Idee der Kinder, ihre Mutter könne sich mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen als Biologin selbst eine Arbeit suchen, woraufhin sie sie mit dem Vater unterstützen, eine eigene Gärtnerei zu eröffnen. An dieser Stelle wird die Symbolik, die sich hinter dem Titel verbirgt und im Laufe des Buches immer wieder angedeutet wird, aufgeklärt: Der seltene Kaktus selenicereus grandiflorus blüht am Abend der Eröffnungsfeier und steht für einen langersehnten Neuanfang. Allerdings ist hier kritisch anzumerken, dass die Symbolik der „Königin der Nacht“ gleichzeitig einen negativen Anklang hat: Es erscheint, als sei eine Blütezeit – übertragen die Eröffnung der Gärtnerei – nur von kurzer Dauer. So sehr die Symbolik auch zum Gesprächsanlass dienen kann, umso mehr müsste diese Bedeutung kritisch reflektiert werden. Weiterhin ist die Problemlösung, die als sehr schnell und einfach umzusetzen dargestellt wird, kritisch zu sehen. Kindliche Rezipient*innen dürfen nicht den Eindruck bekommen, dies sei auch für ihre Situation zu Hause der Ausweg oder sie seien dafür verantwortlich, dass ihre Eltern wieder Arbeit finden. Auf diese Aspekte sollte in einem Gespräch deutlich hingewiesen werden. 

Nichtsdestotrotz zeigt das Bilderbuch hoffnungsvolle Perspektiven und gibt Mut, den Blick nicht auf Fehlendes zu richten, sondern auf die eigenen Möglichkeiten.  

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Kunstanstifter 

ISBN: 9783942795739

 

Buch des Monats (Juli 2020):
Ich bin ein Dieb! von Abigail Rayner/Molly Ruttan (Didaktische Rezension von Lina Marie Brinkmann) 

Das Bilderbuch Ich bin ein Dieb! handelt von der Protagonistin Elisa, die zu Beginn in der Schule einen grünen Stein entwendet. Geplagt von ihrem schlechten Gewissen, findet sie heraus, dass „es in ihrer Familie von diebischen Charakteren wimmelt, aber besser fühlt sie sich trotzdem nicht“ (NordSüd Verlag AG 2020). Ihre Schuldgefühle nehmen immer mehr zu, weshalb sie am Ende beschließt, den gestohlenen Stein zurückzugeben. Die Autorin sowie die Illustratorin schaffen es in diesem Werk, die kindliche Lebenswelt „der Protagonistin gewitzt in Szene [zu] setzen und kleinen menschliche[n] Schwächen mit einem wunderbaren Augenzwinkern [zu] begegnen“ (ebd.).  Im Frühjahr 2020 wurde das Werk aufgrund seiner unkonventionellen Thematik auf die Bestenliste für den HUCKEPACKPREIS aufgenommen. 

Inwiefern es auch für den Unterricht geeignet ist, lässt sich ausgehend von den Auswahlkriterien gegenwartsliterarischer Texte nach Sabine Pfäfflin (2010) erschließen. Hinsichtlich der thematisch-inhaltlichen Darstellung lässt sich anführen, dass es mit Diebstahl und schlechtem Gewissen Themen mit hohem Lebensweltbezug aufgreift. Durch die Fokussierung auf Gefühle und Gedanken der Protagonistin im Kontext des Diebstahls bietet es Wiedererkennungseffekte, aber auch eine Erweiterung des eigenen Blickwinkels, da es als mutig dargestellt wird, dass die Protagonistin Elisa ihre Tat zugibt. Dass sich keine negativen Konsequenzen für sie ergeben, kann einerseits zu einer positiven Bestärkung der Rezipierenden hinsichtlich ihrer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beitragen, bietet andererseits aber auch Diskussionsanlässe im Hinblick auf die Verharmlosung von Diebstahl als „Normalität“. Durch die dargelegten Gefühle wird der Diebstahl im Buch zwar als etwas Negatives dargestellt, dies relativiert sich allerdings durch das ironisierte und nie sanktionierte diebische Verhalten innerhalb der Familie.

Die formal-ästhetische Darstellung zeichnet sich besonders durch eine anschauliche Sprache aus, welche die Vorstellungbildung und das Weiterdenken in der Logik der Geschichte unterstützt. So werden die Gefühle der Protagonistin in Form von Sprachbildern veranschaulicht, wie z.B. durch die Schwere ihres Herzens oder ihre brennenden Wangen, die es den Kindern ermöglichen, sich das Gefühl intensiver vorzustellen. Die Textsprache wird zudem durch die Bildsprache ergänzt, z.B. wenn es im Text heißt, dass die Protagonistin das Gefühl habe, dass alles an ihr grün leuchte und im Bild dargestellt wird, wie ihr Oberkörper die Form des gestohlenen Steins annimmt. Dieses Zusammenspiel lässt sich auch im Unterricht aufgreifen, z.B. indem Kinder visualisieren, wie sich ihr schlechtes Gewissen anfühlt.

Das Bilderbuch bietet zudem ein hohes Identifikationspotential, da es sich bei der Protagonistin selbst um ein Kind im Grundschulalter handelt und die Erzählung aus der Sicht des Kindes erfolgt. Hierdurch wird die Innensicht in die Gefühlswelt der Hauptfigur ermöglicht, weshalb die Rezipierenden besonders mitfühlen und auch ihre Schuldgefühle möglicherweise nachempfinden können. Davon ausgehend lässt sich vor allem im Grundschulalter leicht an den Vorerfahrungen und Erlebnissen der Schüler*innen anknüpfen, indem man mit ihnen diesbezüglich ins Gespräch kommt. Wichtig ist dabei vor allem, dass die Kinder kritisch hinterfragen sollen, inwiefern es in Ordnung ist, etwas zu stehlen und dies damit zu begründen, dass andere dies auch tun. Dabei sollten sie auch stets reflektieren, welche Möglichkeiten es gibt, damit umzugehen und das Problem zu lösen.

Interessante didaktische Perspektiven ergeben sich darüber hinaus aus den Leerstellen und den damit verbundenen Deutungsspielräumen, z.B. in der Aussage: „Niemand ist einfach nur ein Dieb. Alle sind ganz viele Dinge gleichzeitig“. dass Kinder sich auf die Unabschließbarkeit von Sinnbildungsprozessen zunehmend mehr einlassen können. einen gedanklichen Impuls, mit welchem man sich in diesem Zusammenhang auseinandersetzen kann, wobei noch keine Zuweisung von Rollen vorgenommen wird. Es werden zwar verschiedene Rollen im Buch bildlich dargelegt, letztlich können sich jedoch die Rezipierenden selbst eine eigene Vorstellung davon machen und diese Aussage als Gedankenanstoß nehmen. Hierbei ist eine allumfassende Beantwortung nahezu unmöglich, weshalb die Aussage einen immensen Deutungsspielraum beinhaltet.

 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Werk Ich bin ein Dieb! Potential für den Einsatz im Elementarbereich aber auch im schulischen Kontext bietet, wobei beispielsweise die Gedanken und Gefühle der Protagonistin in den Blick genommen und in Verbindung mit ihrem sozialen Umfeld gebracht werden können. Außerdem lässt sich auch gemeinsam mit Kindern die Moral des Buches hinterfragen. Darüber hinaus bietet das Bilderbuch verschiedene didaktische Perspektiven.

 

Sekundärliteratur:

NordSüd Verlag AG (2020): Ich bin ein Dieb! https://nord-sued.com/programm/ich-bin-ein-dieb/. Zugriff: 28.08.2020.

Pfäfflin, Sabine (2010): Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht, Baltmannsweiler: Schneider

Verlag Hohengehren.

Spinner, Kasper (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch. Band 33. Heft 200. Velber: Friedrich, S. 6-16.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: NordSüd Verlag

ISBN: 9783314104701

 

Buch des Monats (Juni 2020):
Der Tag, an dem das Meer verschwand von Sam Haynes/Jago (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger)  

„Manche Dinge haben ihren ganz eigenen Zauber – die Art von Zauber, die im Bauch kribbelt, als hätte man Schmetterlinge verschluckt. Für Jack war das Meer ein solches Zauberding.“ 

 

Mit dieser Liebeserklärung beginnt die Geschichte von Jack, der unfreiwillig Zeuge davon wird, wie das Meer ausgerechnet am Tag, nachdem ihm ein Plastikstrohhalm hineingefallen ist, verschwindet. Die zurückbleibende Tristesse wird insbesondere im Vergleich der glitzernden Wasseroberfläche auf der ersten Doppelseite mit den Pfützen auf der fünften Doppelseite verdeutlicht und veranlasst Jack, sich auf die Suche nach dem geliebten Element zu begeben. Sein Weg über den ausgetrockneten Meeresgrund wird in mehreren Episoden erzählt, in denen er freigelegte Müllberge entdeckt, sechs Möwen aus ihrer Gefangenschaft in einer Getränkepackung befreit, eine Meerjungfrau aus verhedderten Fischernetzen löst, auf einen Plastiktüten ausstoßenden Wal trifft und schließlich einen Berg aus Plastikstrohhalmen besteigt, an dessen Spitze er auch seinen eigenen im Nasenloch einer Schildkröte wiederfindet. Die Vielfalt seiner Begegnungen spiegelt sich auf der Bildebene in unterschiedlichen Farbnuancen und wechselnden Perspektiven wider: So zeigen die Bilder Jack in der Weite der Müllberge aus der Vogelperspektive, sein Entsetzen über die aneinanderhängenden Möwen aus der Froschperspektive, seine Rettung der Meerjungfrau aus der Nahen und sein Gespräch mit dem Wal aus der Totale, um Größenverhältnisse und die damit einhergehende Wirkungsmacht bzw. Wirkungslosigkeit zu unterstreichen. Das langwierige Erklimmen des Berges wird in mehreren aufeinanderfolgenden, immer kleiner werdenden Abbildungen der Figur eingefangen und durch die schräg nach oben verlaufende Typografie verdeutlicht. Auch an anderen Stellen dient die Schrift durch Fettdruck, Größe der Hervorhebung zentraler Erkenntnisse („Es war einfach überall. Plastik. Plastik. Plastik.“) und Botschaften („In den Händen von Kindern wie dir.“).

Gerade weil Jack bereits von Anfang an als problembewusster Naturliebhaber in Erscheinung tritt, wird seine Entwicklung vom Umweltwissen zum Umwelthandeln nachvollziehbar inszeniert. Denn erst in der schrittweisen Konfrontation mit der Meeresverschmutzung und ihren Folgen erkennt der Protagonist, dass bereits ein einzelner Trinkhalm einer zuviel sein kann, dass also jede*r Einzelne einen entscheidenden Beitrag im positiven wie im negativen Sinne leisten kann. Dass es dem Jungen mit der Rücknahme seines eigenen Trinkhalms sowie seinem Versprechen weniger Plastik zu verbrauchen und mehr zu recyceln gelingt, das Meer zurückzuholen, erscheint in Anbetracht der weitreichenden Verschmutzung zunächst zu einfach und harmonisierend, setzt aber letztlich niedrigschwellig an den realen Gestaltungsspielräumen der Rezipient*innen an. Denn wie Jack verfügen sie weder über Macht noch über Mittel, die bisher entstandenen Schäden zu beseitigen. Wie Jack können sie aber aktiv dazu beitragen, diese Schäden künftig in Grenzen zu halten. 

Für die didaktische Arbeit mit dem Buch bietet sich demnach die subjektive Annäherung an die Erlebnisse der Figur Jack an. Die episodische Struktur der Erzählung in Verbindung der Einzelepisoden mit der übergreifenden Müllthematik lassen sich durch ein Episodenpuzzle aufgreifen, im Rahmen dessen die Kinder die Figuren dem jeweils problemrelevanten Müll zuordnen (Möwen-Getränkepackung, Meerjungfrau-Fischernetz, Wal-Plastiktüten, Schildkröte-Trinkhalm) und daraus eine Episode auswählen, mit der sie sich näher beschäftigen wollen. Um trotz dieser individuellen Auswahl zu gemeinsamen Ergebnissen zu gelangen, eignen sich Arbeitsaufträge, die sowohl das zentrale Kernproblem der jeweiligen Episode, Jacks Lösungsstrategie als auch die spezifische Darstellung in Text und Bild umfassen. Die Ergänzung eigener Episoden kann an dieser Stelle sowohl als kreative Variation als auch zur Differenzierung eingesetzt werden. Indem die Kinder der Chronologie der Geschichte folgend ihre Bearbeitung der Einzelepisoden präsentieren, lassen sich Parallelen und Entwicklungen zwischen den Episoden nach und nach erschließen, bevor die Rahmung der Episoden durch das Verschwinden und die Rückkehr des Meeres in den Fokus einer gemeinsamen Betrachtung rückt. Hierbei eröffnen sich verschiedene Möglichkeiten zur personalen und sozialen Applikation, indem die Kinder mit Jack in Interaktion treten, seine Entscheidungen im Laufe der Handlung sowie sein finales Versprechen bewerten, ihm weitere Vorschläge machen, Müll zu reduzieren oder indem sie mit ihm Versprechen formulieren, um das „Schicksal des Meeres“ in die Hand zu nehmen, wie es das Ende der Geschichte nahelegt. Literarisches Verstehen im identitätsorientierten Literaturunterricht lässt sich auf diese Weise mit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung verbinden.

 

Erscheinungsjahr: 2020

Verlag: Knesebeck Verlag

ISBN: 978-3957283986 

 

Buch des Monats (Mai 2020) und Huckepackpreisträger 2020:
Adrian hat gar KEIN Pferd von Marcy Campbell und Corinna Luyken (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger) 

Der HUCKEPACKPREIS, der am 15.05.2020 an Adrian hat gar KEIN Pferd vergeben wurde, zeichnet Bilderbücher aus, die Kinder in ihrer Identitätsentwicklung unterstützen und im übertragenen Sinne Huckepack nehmen können. Dieses Huckepackpotential entfaltet sich nicht zuletzt durch die Zugänge, die den Kindern zu den Büchern und den darin gestalteten Welten eröffnet werden. 

In Adrian hat gar KEIN Pferd prallen zunächst gleich zwei Welten aufeinander: die fantastische Welt von Adrian Simmer und die realistische Welt der Ich-Erzählerin Zoe. Dass Adrians detailgenaue Beschreibungen seines Pferdes für Zoe nichts weiter als Lügen sind, wird auf den ersten Doppelseiten durch die Ich-Erzählung aus der Sicht von Zoe sowie durch Zoes Gespräche mit ihrer Schulfreundin Jenny und ihrer Mutter schrittweise entfaltet. Welche Wirkung Zoes Beschuldigung auf Adrian hat, schlägt sich vor allem auf der Bildebene nieder, wenn Adrian zunächst umringt von Kindern voller Elan Straßenkreidepferde malt und auf der nächsten Seite mit eingezogenem Kopf in unförmigen blauen Kreideflecken steht. Das Buch lädt bereits an dieser Stelle dazu ein, mit den Kindern über die Situation zu sprechen und sie zu einer ersten Einschätzung zu ermuntern. Fragen wie „Was ist das Problem in dieser Szene? Wie verhält / fühlt sich Zoe? Wie verhält / fühlt sich Adrian? Woran kannst du das erkennen? Wen von beiden kannst du besser verstehen? Warum? Was würdest du in der Situation tun, wenn du eines der anderen Kinder wärst?“ ermöglichen eine schrittweise Annäherung an die Figuren, ohne dass deren Perspektiven oder Rollen übernommen werden müssen. Gleichzeitig kann auf diese Weise der Wortschatz der Gefühlswörter erweitert und das genaue Lesen der Bildsprache gefördert werden.

Eine Schlüsselrolle bei der Lösung des Konflikts nimmt schließlich Zoes Mutter ein, die auf die Schimpftiraden ihrer Tochter nicht mit vorgefertigten Belehrungen reagiert, sondern ihr stattdessen die Gelegenheit gibt, Adrian besser kennenzulernen und ihr Urteil eigenständig zu relativieren. So bleiben Zoe in Anbetracht von Adrians Lebensumfeld die anklagenden Worte sprichwörtlich im Halse stecken und statt weiterhin auf dem Dualismus von Wahrheit und Lüge zu beharren gelingt es ihr, sich auf Adrians Welt einzulassen, Fantasie von Lüge zu unterscheiden und die Wahrheit der Fantasie zu erkennen. Durch die Verortung von Adrians Fantasiewelt in einem heruntergekommenen Umfeld wird die im Bilderbuch unterrepräsentierte Thematik der sozialen Ungleichheit auf hintergründige Weise erfahrbar, ohne dass fantastischer Reichtum darauf reduziert wird, materielle Armut zu kompensieren. Vielmehr öffnet Adrians `Geschichte vom Pferd´ den Raum für ein erweitertes Selbst- und Weltverstehen unabhängig von Herkunft oder Geschlecht. Um dies auch in der Rezeption erfahrbar zu machen, können Adrians bildhafte Umschreibungen seines Pferdes "mit weißem Fell, einer goldenen Mähne und den größten und braunsten Augen von allen Pferden auf der Welt..." aufgegriffen und erweitert werden. Das Sammeln selbst kreierter Formulierungen für Adrians Pferd verbindet Empathiebildung mit Wortschatzerweiterung. Darüber hinaus lassen sich nach dem Vorbild des Buches Fantasietiere gestalten (z.B. mit Straßenkreide oder Naturmaterialien wie Blättern, Ästen und Halmen) oder entdecken (z.B. in Wolken, Baumrinde und Gebüsch). 

Insbesondere der behutsame und wertschätzende Umgang der Mutter mit den Eindrücken ihrer Tochter lässt sich auf die didaktische Arbeit mit dem Buch übertragen, indem die Kinder durch deutungsoffene Impulse dazu angeregt werden, die einzelnen Situationen genau zu betrachten, sich eine eigene Meinung dazu zu bilden und Zoes Erkenntnisprozess eigenständig nachzuvollziehen. Im Gespräch über die gesamte Geschichte bietet es sich daher an, die Gründe für Zoes Veränderung sowie für Adrians Verhalten zu hinterfragen. 

  

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: cbj

ISBN: 978-3702659349

 

Buch des Monats (April 2020): 
Dinos gibt’s doch nicht! von Mark Janssen (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

Dinosaurier haben ähnlich wie bestimmte wilde Tiere einen besonderen Reiz, der sie zum Mittelpunkt unzähliger Filme macht. Dabei faszinieren sie neben Groß auch Klein. Denn beeindruckend oder auch beängstigend erscheinen solche Figuren in Erzählungen sowohl Erwachsenen als auch Kindern. In die Welt der Dinosaurier einzutauchen hat dabei auch immer etwas Phantastisches. Denn die Existenz dieser Wesen liegt nun mal schon etwas zurück. Mark Janssen greift diese phantastische Welt auf und spielt, wie der Titel bereits verrät, mit der Existenz oder Nichtexistenz der Dinosaurier. Denn der Protagonist Tim will einen Riesendino fangen. Gemeinsam mit Jonas spaziert er abends durch einen Wald. Dabei entwickelt sich ein Dialog zwischen dem großspurigen Tim und dem ängstlichen Jonas, der die eingangs erwähnte Furcht vor und Faszination für Dinosaurier perfekt inszeniert, jedoch auch an andere gruselige (Alltags-)Situationen denken lässt.

„Jede Wette, der schreit nach seiner Mama“, sagte Tim. 

„Was machen wir bloß, wenn er ganz plötzlich auftaucht?“, fragte Jonas“

„Dann packen wir ihn und wirbeln ihn am Schwanz durch die Luft. 

Die einzigartigen Bilder von Mark Janssen und das große Buchformat (24,8*33,5) geben der furchtsamen Dinojagd den perfekten Rahmen. In kräftigen, vornehmlich dunklen, aber auch teilweise grellen Farben erweckt Janssen den Wald und die darin lebenden Kreaturen und Pflanzen zum Leben. Mithilfe wasserlöslicher, deckender Farben schafft er starke Kontraste und Verwaschungen, die eine beeindruckende, düstere Atmosphäre entstehen lassen. Jede zweite Doppelseite ist zudem eine ausklappbare Doppelseite, die dem dunklen Wald eine bedrohliche Größe verleihen. Die Doppelseiten und der Dialog der beiden Dinojäger laden die Rezipient*innen so zur eignen Jagd nach Dinospuren ein. Denn die Bilder lassen schemenhafte Beine und Panzer, Köpfe, Schnäbel sowie glühende Augen und Zähne erahnen, sodass jede*r aufmerksame*r  Leser*in über die Existenz von Dinosauriern ins Grübeln kommt, aber Moment mal... „Wir tun ja nur so als ob. Das weißt du doch oder? Pass auf, ich sag dir was ...“ Dinos gibt’s doch nicht!“ An dieser Stelle kommt es nun zum unausweichlichen Höhepunkt der Geschichte und zum besagten Satz, den die beiden Hauptfiguren am Ende nie wieder aussprechen wollen. 

Wird das didaktische Potenzial in den Blick genommen, ist festzuhalten, dass das Buch bei vielen Kindern eine hohe intrinsische Motivation auslösen kann. Der geringe Text, das für viele Kinder faszinierende Thema Dinosaurier und die ausdrucksstarken Ausklappbilder motivieren und sprechen für ein Lesealter ab 4 Jahren und den Einsatz in den ersten beiden Jahrgangsstufen der Grundschule. Speziell die oft als lesefaul und nicht immer literaturbegeistert geltende Gruppe der Jungen findet mit Dinos gibt’s doch nicht! ein Buch, das Abenteuer verspricht und auch einhält. Dabei ist diese Auslegung der Erzählung natürlich zu hinterfragen, da gerade die großflächigen Bilder fernab von Geschlecht oder anderen Heterogenitätsdimensionen Spannung und Spaß versprechen, jedoch ohne Identifikationsfiguren auskommen müssen. Dennoch lassen sich eigene Dinosaurierspuren aufspüren oder beim Vorlesen Diskussionen über die (Nicht-)Existenz von Dinos führen, was definitiv auch bereits als erster didaktischer Ansatz (für die KiTa) zu sehen ist. Ebenso können an verschiedenen Leerstellen durch die vielseitigen Bilder Vorausdeutungen zur Handlung gemacht und diese weitergesponnen werden. 

Die Gefühle der Protagonisten und die beschriebene Situation lassen sich im Sinne eines Verständnisses von literarischen Figuren und deren Grunderfahrungen aufgreifen und thematisieren. Mit den Protagonisten Tim und Jonas finden sich hier zwei verschiedene Figuren, die in unterschiedlicher Art und Weise agieren und verschiedene Gefühlslagen nach außen verkörpern. Hier lässt sich anknüpfen, um Aufgaben zu formulieren, die vor dem Höhepunkt der Geschichte behandelt werden können. Warum fühlt sich Jonas unwohl? Meinst du, Tim hat auch Angst? Warum? Außerdem lässt sich diese Situation in die Lebenswelt der Kinder übertragen. Habt ihr euch schon mal so wie Jonas gefühlt? Warum? Kennt ihr ähnliche gruselige Situationen?  

Lässt sich nicht „identitätsstiftend“ an die Figuren anknüpfen, eignet sich das Buch auf jeden Fall für produktive Aufgabenformate, die die riesigen Dinolandschaften als Rahmen für eigene kleine Texte über Dinojagden mit der*dem besten Freund*in nutzt oder ausgehend von dieser ersten „Grusel- und Abenteuergeschichte“ ein bisschen Grusel- und Abenteuerfieber entfacht und so der Anstoß für eigene gruselige Geschichten gegeben wird. Hier bietet speziell der Dialog der beiden Protagonisten weiterführend auch Analysepotenzial und es lässt sich erforschen, warum die beiden Protagonisten denn ängstlich oder großspurig klingen und an welchen Wörtern und Sätzen sich dies festmachen lässt. 

 

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: FISCHER Sauerländer

ISBN: 978-3737356114

 

Buch des Monats (März 2020): 
Julian is a mermaid von Jessica Love (Didaktische Rezension von Juliane Reichmann) 

"Das ist ein Junge namens Julian. Und das ist seine Nana. Und das sind ein paar Meerjungfrauen. Julian LIEBT Meerjungfrauen." Gerade schaut er gedankenverloren zu den dreien, die mit ihm und seiner Nana in die Straßenbahn eingestiegen sind. Moment! Meerjungfrauen? In der Bahn? Die drei glitzernden Schönheiten in ihren eng anliegenden, meerestürkisfarbenen Kleidern scheinen wirklich geradewegs aus dem Ozean zu kommen. Und schon träumt Julian sich selber ins Meer hinein. Im Tagtraum ist alles möglich und so wird aus Julian in der schillernden Unterwasserwelt eine wunderschöne Meerjungfrau. Zu Hause angekommen hat Julian eine Idee. Nana nimmt ein Bad. Das gibt Julian Zeit, sich mithilfe der Blätter ihres Zimmerfarns, ihres Spitzenvorhangs, ihrer Tulpen und ihres Lippenstifts tatsächlich in eine kleine Meerjungfrau zu verwandeln. Stolz posiert er in seiner schicken Aufmachung, da kommt Nana aus dem Bad. Sie mustert ihn streng. Dann wendet sie sich ab. Julian ist wie erstarrt. Schon schaut er verunsichert an sich hinunter und sieht bekümmert in den Spiegel. Doch dann reagiert Nana ganz anders, als zunächst erwartet. Sie hält ihm etwas entgegen. "Für mich, Nana?" ,fragt Julian. "Für dich, Julian."lächelt Nana. Mit der rosafarbenen Perlenkette zusätzlich geschmückt, flaniert Julian mit seiner Nana in die Stadt. Dort gibt es noch eine Überraschung für Julian. Die beiden schließen sich einer großen Parade voller Meerjungfrauen an, mit der sie bis zum Ozean laufen. Kaum ein Buch zelebriert Vielfalt auf eine solch herzerwärmende Art und Weise wie Julian is a mermaid. Die beeindruckende, feinfühlige Bildsprache schafft es, ohne viel Text alles zu erzählen. Vor dem packpapier-farbenen Karton als Hintergrund leuchten Julian und die anderen Meerjungfrauen ganz besonders schön. Jessica Love hat mit ihrem verträumten Protagonisten und weiteren Charakteren wunderbare Identifikationsfiguren geschaffen, die sich ganz selbstverständlich den gängigen Gender-Stereotypen widersetzen. So macht das Buch seinen Leser*innen Mut, ganz sie selbst zu sein.

Anregungen zur sprachlichen Arbeit

Einsatz von Julian is a mermaid im Englischunterricht sowie in anderen Fächern der Grundschule

Schulung des Hörverstehens durch Storytelling (Englischunterricht)

Da Julian is a mermaid ein sehr bildstarkes und eher textreduziertes sowie gut verständlich formuliertes Bilderbuch ist, eignet es sich hervorragend für das Storytellingim Grundschul-Englischunterricht. Idealerweise als Bilderbuchkino, damit die Bilder ihre volle Wirkung entfalten können. Im Anschluss wird im Plenum der Inhalt des Buches besprochen. Es folgt die

Wortschatzarbeit (Englischunterricht)

Bevor mit dem Text weitergearbeitet werden kann, müssen gemeinsam die unbekannten Wörter unter die Lupe werden. Hierfür eignen sich teilweise Flashcards (Bildkarten) z.B. für mermaid, to take a bath, Nana, an idea. Andere Wörter wie z.B. Verben oder Abstrakteres (to love, like you) müssen erörtert werden. Hier eine Liste der wichtigen Wörter.

a mermaid – eine Meerjungfrau

to love -lieben

honey -Schätzchen (Achtung, Doppeldeutigkeit besprechen – interkulturelle Kompetenz)

Nana -Kindlicher Kosename für Großmutter in einigen englischsprachigen Kulturen

to take a bath -ein Bad nehmen

Be good! -Sei brav!

an idea -eine Idee

for me – für mich

for you -für dich

You will see. – Du wirst schon sehen.

like you – wie du

Let’s join them. – Lass uns uns ihnen anschließen.

Role Play -Rollenspiel (Englischunterricht)

Durch den kurzen, eingängigen Text des Bilderbuches ist es möglich, das Buch als Rollenspiel in Dreiergruppen einzuüben. Dafür braucht es einen sprachbegeisterten English expert als Erzähler*in sowie eine Nana, einen Julian und drei Mermaids für Kinder, die sich das Sprechen vielleicht noch nicht zutrauen.

Anregungen zur inhaltlichen Arbeit

Erzählanlässe (Sachunterricht)

Das Buch lädt zum gemeinsamen Nachdenken über Vielfalt und Gender ein und macht darauf aufmerksam, wie beflügelnd es ist, wenn jemand uns in unseren Träumen und Wünschen unterstützt. Das Gespräch über Gender bietet sich nur dann an, wenn aus der Gruppe der Kinder Zweifel darüber aufkommen, dass Julian eine Meerjungfrau sein möchte. Dann kann darüber gesprochen werden, wo solche Zweifel herkommen: Sind Meerjungfrauen wirklich nur etwas für Mädchen? Warum? Ist es sinnvoll, dass bestimmte Sachen nur Mädchen oder nur Jungen dürfen? Wie findet Nana es, dass Julian eine Meerjungfrau sein möchte? Hattest du auch schon mal einen Traum wie Julian? Hat dich schon mal jemand so unterstützt wie Nana Julian? 

Anregungen zur ästhetischen Arbeit

Meerjungfrau gestalten mit Meerjungfrauen-Schwanz zum Hin- und Wegklappen (Kunstunterricht)

Passend zum Buch können die Kinder auch sich selber als Meerjungfrau gestalten. Dafür kann ein Foto des Kindes in Sommer- oder Badekleidung genutzt werden, auf das ein Meerjungfrauenschwanz aus Pappe aufgebracht werden kann. Den Meerjungfrauenschwanz können die Kinder mit Glitzer und schillernden Farben gestalten. Er kann wegklappbar sein, sodass darunter immer noch die Beine des Kindes versteckt sind. 

 

 

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Walker Books 

ISBN: 9781406380637

Das Buch ist mittlerweile auch auf Deutsch erschienen:

Julian ist eine Meerjungfrau

Verlag: Knesebeck Verlag

ISBN: 9783957283641

 

Buch des Monats (Februar 2020): 
Das blaue Herz von Finn von Katharina Sieg und Thomas J. Hauck (Didaktische Rezension von Mats Pieper) 

„[...]vielleicht bin ich ja komisch, denkt der Finn, vielleicht ist er deswegen weggerannt, weil er glaubt, ich bin komisch“ sinniert die Ich-Erzählerin Lena über ihren neuen Freund Finn und legt damit nahe, dass „komisch“ letztlich immer eine Frage der Perspektive und nicht bestimmter Eigenschaften ist. Während für Leser*innen mit entsprechendem Kontextwissen bald klar ist, dass Finn Trisomie 21 hat und folglich zu den Kindern gehört, die in einer normorientierten Welt häufig als „komisch“ abgestempelt werden, durchbricht Lena diese etablierten Wahrnehmungsstrukturen. Sie kehrt die Rollen um und hinterfragt zunächst sich selbst statt ihren neuen Freund. Aufgrund dessen eignet sich diese Textstelle, um mit Kindern über das Thema Behinderung und Anderssein ins Gespräch zu kommen. Wann ist jemand normal? Wann ist man komisch? Welche Eigenschaften sind komisch? Kann man das überhaupt sagen oder sein? Warum lässt sich das nicht genau sagen? Hier lässt sich bei einem gemeinsamen Gespräch sicherlich aufzeigen, dass „normal“ für jede*n etwas anderes ist. Vielleicht lässt sich dies auch durch Fragespiele, Zeichnungen oder Umfragen abstrahieren und darstellen. Abschließend lässt sich dazu überleiten, warum es positiv seien kann, dass nicht alle Menschen gleich sind und es eine „Norm“ gibt. 

Dass Finn im Verlauf des Buches mit diversen absurden Kopfbedeckungen dargestellt wird, reproduziert im Gegensatz dazu allerdings eher das Klischee des witzigen, seltsamen Kindes mit Downsyndrom, was mit Kindern insofern kritisch hinterfragt werden kann. Weiter fällt leider auch das Gefälle zwischen Finn und Lena auf Ebene der Figurenkonstellation negativ auf. Die Tatsache, dass Finns eigene Perspektive konstant und in deutlich geringem Maße hinter Lenas Erläuterungen zurücktritt, lässt sich zwar mit der Erzählperspektive begründen, aber ebenso die Perspektive und Absichten Finns in den Hintergrund rücken. Dieses Gefälle findet sich ebenso im Kernproblem der Handlung und der darin beschriebenen Abhängigkeit - Lena soll Finn (zum Einschlafen) ein Lied vorsingen. Dieses Problem löst die Protagonistin im Alleingang ohne, dass Finn dazu etwas beiträgt. Didaktisch lässt sich dies aufgreifen, indem die Kinder dazu aufgerufen werden können die Geschichte aus Finns Perspektive zu erzählen oder zu spielen. Ebenso lässt sich das Buch eher beenden und gemeinsam mit den Kindern ein eigenes Ende mit beiden Protagonist*innen als handelnde Figuren gestalten.

Trotz dieser teilweise problematischen Aspekte erzählt Das blaue Herz von Finn aber in erster Linie die Geschichte einer entstehenden Freundschaft zwischen zwei Kindern, wovon eins Trisomie 21 hat. Dies ist auf dem Bilderbuchmarkt eine Ausnahme und ist auf dem Weg zur Abbildung von Kindern mit Behinderungen im Bilderbuch ein wichtiger Schritt. Wenn Lena erzählt, dass beide zusammen Trommeln oder Finn, wegrennt, wenn Lena ihn komisch nennt, dann wird er eine handelnde Figur und nicht das „Subjekt“, welches „erklärt“ werden soll. So finden sich viele Bücher im Spannungsverhältnis zwischen guter literarischer Umsetzung und einer um Adressatennähe bemühten Erklärung von Heterogenitätsdimensionen, derer es (oft) nicht bedarf und die auch innerhalb von didaktischen Umsetzung mit Vorsicht zu genießen ist. Eine (zu) erklärende Sichtweise auf Kinder mit Behinderung führt dazu, dass viele Kinder mit Abstand und „Angst“ reagieren und sich eine Sichtweise, „dass mit denen doch was nicht stimmt“, eher verfestigt. 

Die Abbildung der Vielfalt der Gesellschaft ist eine zentrale Aufgabe des Bilderbuchmarkts, da Identifikationsfiguren dazu beitragen können, dass sich Menschen als zugehörig zu einer Gesellschaft sehen. Für Kinder sind sie „Türöffner“ in andere Lebensbereiche und –welten. Aufgrund dessen ist es essenziell, dass es inzwischen Auszeichnungen, wie das KIMI-Siegel gibt, welche diese Bedeutung unterstreichen. Dies sind wichtige Instanzen, die eine vielfältige Kinder- und Jugendliteratur immer wieder einfordern und den aktuellen Markt hinterfragen.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Kunstanstifter 

ISBN: 9783942795791

 

Bücher des Monats (Januar 2020): 
Anthropomorphisierte Liebe (Themenschwerpunkt von Elisa Hollerweger) 

 

„Liebe ist noch wichtiger als ein Goldschatz.“ „Wenn man verliebt ist, kriegt man so einen förmigen Herzkopf.“ „Liebe ist unsichtbar.“ „Wenn ich Liebe probieren würde, hätte ich das als Thunfischpizza bezeichnet – das ist mein Lieblingsgericht.“ (WDR 2020) – diese und weitere Kinderaussagen aus einem Video der Sendung mit der Maus verdeutlichen, dass Fragen rund um das große Menschheitsthema Liebe nicht nur für Erwachsene relevant sind, sondern auch Kinder betreffen: sowohl direkt im Erleben eigener Freundschafts- und Familienbeziehungen als auch indirekt in der Wahrnehmung von Beziehungen anderer Personen ihres Lebensumfeldes. Die Herausforderung, das ebenso vertraute wie abstrakte Gefühl in Worte und Bilder zu übersetzen, nehmen auch immer mehr Bilderbuchkünstler*innen an und bedienen sich dabei ganz unterschiedlicher Ausdrucksformen.  Eine dieser Bilderbuchkünstlerinnen ist Daniela Kulot, die im Rahmen der literarischen Woche bei den Bremer Bilderbuchdialogen zu Gast war und unter dem übergreifenden Motto „Liebe in unübersichtlichen Zeiten“ Einblicke in bereits veröffentlichte Werke sowie in aktuelle Entstehungsprozesse gegeben.

Liebe durch anthropomorphisierte Tiere darzustellen ermöglicht ihr einerseits eine spielerische Annäherung an die Thematik, aber auch eine Zuspitzung zentraler Aussagen. So veranschaulicht sie durch ihre beiden Protagonisten Krokodil und Giraffe einerseits die Komplikationen, die eine Liebe zwischen zwei sehr unterschiedlichen Charakteren mit sich bringt, andererseits aber auch die kreative Energie, die ein ungewöhnliches Paar zu entwickeln vermag, um ein gemeinsames Leben zu realisieren. Herausragend an den Geschichten ist, dass sie nicht nur die Anfänge der Liebe, sondern die verschiedenen Phasen einer dauerhaften Beziehung beleuchten: von den Bemühungen des verliebten Krokodils, die Giraffe auf sich aufmerksam zu machen über die Suche nach einer gemeinsamen Bleibe bis hin zu Familiengründung und Familienleben. Dabei weichen die symbolträchtigen sieben Wolken, die im ersten Band auf jeder Seite wiederkehren, den humorvoll ausgestalteten Höhen und Tiefen des gemeinsamen Alltags, ohne dass die Geschichten ihren bodenständigen Charme verlieren. Die Charakterisierung der Figuren und ihrer Beziehung erfolgt dabei vor allem durch die detailreichen Bilder und wird im Text durch teilweise augenzwinkernd doppeldeutige Sätze wie „Der einzige Ort, an dem es keine Schwierigkeiten gab, war das Bett.“ ergänzt. Dass in den 20 Jahren internationaler Erfolgsgeschichte immer wieder neue Themen an Bedeutung gewinnen und im neuesten Band beispielsweise ein Bild von Greta Thunberg die Wand von Krokodil und Giraffe schmückt, zeugt von einer funktionierenden Langzeitbeziehung nicht nur zwischen den beiden Protagonisten, sondern auch zwischen Künstlerin und ihren Figuren. Aufgrund ihrer Liebe zum Detail bieten sich die Bücher insbesondere für die gemeinsame Betrachtung an, die durch spezielle Suchaufgaben ergänzt werden kann. Darüber hinaus lässt sich in allen Büchern das Grundproblem herausarbeiten, vor dem Krokodil und Giraffe jeweils stehen und aus Perspektive der beiden Figuren zum Ausdruck bringen. In diesem Zusammenhang können in Giraffen- und Krokodilgruppen auch die Eigenschaften und Unterschiede der Figuren herausgearbeitet werden. Über Fragen wie „Kennst du auch solche Beziehungen wie die zwischen Krokodil und Giraffe? Welche Ähnlichkeiten haben Krokodil und Giraffe mit Menschen, die du kennst? Welche Probleme, die Krokodil und Giraffe haben, gibt es auch zwischen Menschen?“ lässt sich zudem das Symbolverstehen sowie der Transfer auf die eigene Lebenswelt anregen. 

Ein weiteres tierisches Liebespaar, dessen Beziehungsgeschichte über mehrere Bücher hinweg erzählt wird und das mit Kalendern, Kuscheltieren, Schlüsselanhängern etc. einen breiten Produktverbund vorweisen kann, sind die beiden Schweine Rosalie und Trüffel. Das im ersten Band erfolgreiche Konzept des Wendebilderbuchs, das von einer Seite gelesen Rosalies Perspektive und von der anderen Seite gelesen Trüffels Perspektive in den Fokus rückt, ist auch in den Folgebänden beibehalten worden. Anders als zwischen Krokodil und Giraffe stehen zwischen Hausschwein Rosalie und Wildschwein Trüffel keine nennenswerten körperlichen Unterschiede, sondern die (gender-) stereotypen Vorstellungen ihrer jeweiligen Familien und Freundeskreise. Dabei werden diverse Klischees weiblicher und männlicher Selbstrepräsentation als herrschende Ordnung reproduziert, von der Rosalie und Trüffel erst abweichen müssen, bevor sie in der Mitte des Buches zueinander finden. Denn im Versuch, sich den von außen an sie herangetragenen gesellschaftlichen Normen anzupassen, verlieren sie sich nicht nur selbst, sondern auch gegenseitig aus den Augen. Diese Verortung des alternativen Liebespaars innerhalb eines eher konservativen sozialen Gefüges setzt sich auch fort, als Rosalie und Trüffel ein glückliches Liebespaar und schließlich Eltern werden und wird durch die teilweise skizzenhaften, teilweise überzeichnenden Bilder verstärkt. Die zentralen Themen wie Zugehörigkeit, Anpassung, geschlechtsspezifisches Verhalten bieten sich für die didaktische Arbeit besonders an, müssten aber noch expliziter aufgegriffen werden, als dies in den Büchern geschieht. Insbesondere das Format der Wendebilderbücher eröffnet die Möglichkeit eines Genderrollentauschs, indem zum Beispiel die Jungen sich die Perspektive von Rosalie und die Mädchen die Perspektive von Trüffel erschließen und durch Impulse wie „Was ist in der Welt vom Rosalie und Trüffel typisch für weibliche und typisch für männliche Schweine? Was kommt dir daran bekannt vor? Welche Unterschiede gibt es zwischen der Schweinewelt und deiner Welt?“ bewusst zur Auseinandersetzung mit Klischees aufgefordert werden.
Diese – aus den Erfolgen des jeweiligen Erstlings resultierenden – Erzählungen von Liebesbeziehungen im Bilderbuch unterscheiden sich grundlegend von den zahlreichen Werken, die mit der Erfüllung der Liebe enden und damit Kurt Tucholskys lyrische Bestandsaufnahme „Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abgeblendet“ (Tucholsky 1952) auch für das Bilderbuch bestätigen. Dazu gehören zum Beispiel Alberta geht die Liebe suchen, in dem zwei Mäusekinder sich auf der Suche nach der Liebe begegnen, bis ihnen klar wird, sie mit dem jeweils anderen bereits gefunden zu haben, Wie der kleine Fuchs die Liebe entdeckt, in dem ein Fuchs entgegen der Warnungen anderer Tiere vor der Liebe aufbricht und merkt, dass Liebe nur selbst erfahren werden kann, Das kleine Schwein und die große Liebe, in dem das kleine Schwein nach einigen Missverständnissen feststellt, dass der kleine Hund es nicht ablehnt, sondern nur schüchtern ist, Frosch ist verliebt, in dem der Frosch der Ente durch spektakuläre Aktionen seine Zuneigung beweisen möchte, ohne dass das am Ende wirklich nötig ist und Erpel liebt Ente, in dem das Glück zu zweit sich erst einstellt, als Erpel den Versuch aufgibt, seine Gefühle für Ente geheim zu halten. Kunst und Kitsch gehen dabei oft fließend ineinander über, wofür in der didaktischen Arbeit mit den Büchern auch sensibilisiert werden könnte und müsste. 

 

Aufgrund des wiederkehrenden Kernthemas und des einfachen Handlungsmusters, das eine Geschichte zwischen der Komplikation unerfüllte Liebe und der Lösung erfüllte Liebe entwickelt sowie die episodische Erzählstruktur, eignet sich eine Büchertheke, an der sich die Kinder eine Geschichte aussuchen können und diese unter vergleichbaren Fragen erschließen, wie z.B. „Welches Problem mit der Liebe hat die Hauptfigur zu Beginn der Geschichte? Mit welchen Bildern und Vergleichen wird die Liebe von der Hauptfigur oder anderen Figuren beschrieben? Welche Stationen durchläuft die Hauptfigur bei ihrem Versuch ihr Problem zu lösen? Wie kommt es schließlich zum Happy End? Was gefällt dir an der Geschichte, was eher nicht? Welche Adjektive treffen deiner Meinung nach auf die Geschichte zu (lustig, traurig, gefühlvoll, kitschig etc.) und an welcher Stelle des Buches kannst du das besonders gut erkennen?“ Neben dieser analytischen Zugangsweise ließe sich auch jeweils eine Episode der Geschichte ergänzen, in der die Kinder zwar das Strukturprinzip des Buches übernehmen sollen, aber eigene Erfahrungen oder Sichtweisen auf die Liebe einfließen lassen können. Die von Kulturanthropologin Ingelore Ebberfeld kritisierte „ständig [stattfindende] Liebesberieselung, die selbst in Bilderbüchern für die Kleinsten nicht halt macht“ (Ebberfeld 2009) könnte dadurch bewusst gemacht und konstruktiv aufgegriffen werden. 

 

Weitere Primärliteratur: 

Kulot, Daniela (2000): Ein kleines Krokodil mit ziemlich viel Gefühl. 2. Aktualisierte Auflage. Stuttgart: Thienemann Verlag. Die weiteren Bücher sind ebenso im Thienemann-Esslinger Verlag erschienen.

Reider, Katja / Bücker, Judith (2004): Rosalie und Trüffel - Trüffel und Rosalie. Eine Geschichte über die Liebe. München: Sanssouci Verlag. 

Abedi, Isabel / Hebrock, Andrea (2011): Alberta geht die Liebe suchen. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer. 

Motschiunig, Ulrike / Dailleux, Florence (2013): Wie der kleine Fuchs die Liebe entdeckt. Wien: G. & G. Kinder- und Jugendbuch. 

Badstuber, Martina (2006): Das kleine Schwein und die große Liebe. Frankfurt am Main: Fischer. 

Velthuijs, Max (2004): Frosch ist verliebt. Düsseldorf: Sauerländer.  Auch als MINIMAX bei Beltz & Gelberg 2015.

Gouichoux, René / Boutavant, Marc (2017): Erpel liebt Ente. Bamberg: Magellan.

Sekundärliteratur: 

Ebberfeld, Ingelore (2009): Von der Unmöglichkeit der Liebe. München: mvg Verlag.

Tucholsky, Kurt (1952): Danach. In: Zwischen gestern und morgen. Hamburg: Rowohlt.

WDR: Was denkst du über die Liebe? https://vimeo.com/85179954. Zugriff: 30.03.2020.

 

Buch des Monats (Dezember 2019): 
DISCO! von Julia Dürr und Frauke Angel (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger)

Disco! – dieser prägnante und durch das Ausrufezeichen zusätzlich hervorgehobene Titel ist für die Geschichte Programm. Denn ob zu Hause oder im Kindergarten: „Disco machen“ gehört eindeutig zu den Lieblingsbeschäftigungen des namenlos bleibenden Protagonisten und seiner neuen Freundin Pina. Dabei ist völlig klar: „Für Disco muss man hübsch sein.“ Was darunter genau zu verstehen ist, erweist sich innerhalb der Handlung allerdings als durchaus komplexe Frage, die polarisierende Positionen insbesondere zu geschlechtsadäquatem und -inadäquatem Verhalten hervorbringt. Während es für die „forsche“ Pina selbstverständlich ist, dass es „keine Jungen- und Mädchenfarben […] nur Lieblingsfarben“ gibt und man „jeden Tag anziehen [darf], was man will“, stoßen die Erwachsenen in unterschiedlichem Ausmaß an ihre Toleranzgrenzen und repräsentieren dadurch ein breites Spektrum an gesellschaftlichen Genderkonstruktionen. Setzen sich Pinas Eltern als „verrückte Künstler“ auch auf Bildebene über eindeutige Geschlechterzuschreibungen hinweg, halten Eddies Vater sowie die Erzieherin mit dem sprechenden Namen Frau Zwinger zunächst an einer binären Geschlechterordnung mit klaren Männlichkeits- und Weiblichkeitsattributen fest. Zwischen diesen Polen bewegen sich die Eltern des Ich-Erzählers, denn obwohl die Mutter zunächst andeutet, von den neuen Lieblingsfarben und -gewohnheiten ihres Sohnes „augenkrank“ zu werden und einen „schönen Herzinfarkt“ zu bekommen, üben letztlich beide Kritik an einer heteronormativen Gender-Ordnung. Den unter den Erwachsenen (ab-)wertend diskutierten Kausalitäten von Lieblingsfarben, Kleidungsstil und sexueller Orientierung setzen die Kinder eine wertfreie Offenheit für verschiedene Lebens- und Beziehungsmodelle entgegen: „schwul kannst du ja später noch werden“. Erst einmal steht jedoch gemeinsames Fußballspielen, „wie verrückt“ tanzen und es „richtig bunt treiben“ auf der Prioritätenliste. 

Dieses auf Handlungsebene ausgestaltete Credo für Vielfalt findet auf der Darstellungsebene eine Entsprechung: Unterschiedliche Schrifttypen und -größen tragen zur Akzentuierung zentraler Aussagen bei, multiszenische Darstellungen unterstützen ein Eintauchen in das lebendige Setting der erzählten Welt, mehrdeutige Formulierungen wie „weil Frau Zwinger wirklich eine Granate im Tor ist“ adressieren augenzwinkernd auch eine erwachsene Leser*innenschaft und das enge Wechselverhältnis von Text und Bild entfaltet eine ganz eigene Situationskomik, z.B. wenn Pina die braun angezogene Frau Zwinger fragt, warum sie als Würstchen verkleidet ist. Neben der genderbezogenen Codierung von Kleidungsstücken und Farben fungiert insbesondere der Fußball als Leitsymbol, in dem sich Entwicklung des Männlichkeitsbildes vom Konflikt (zwischen den Vätern), über Zerstörung (des Balls durch den wütenden Eddie) bis zur Neudefinition (in Form eines geschenkten neuen Balls für Eddie) widerspiegelt. Die authentische Ich-Erzählung wird durch die Wiedergabe der wörtlichen Rede verschiedener Akteure ergänzt und regt nicht zuletzt durch die kindliche Übernahme von Adjektiven wie „forsch“, „verrückt“ und „schwul“ zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken über implizite Diskreditierungen erwachsenen (Sprach-)Handelns an.

Ein solches geschlechter- und generationenübergreifendes Konfliktfeld, in dem unterschiedliche Dimensionen von Gender sowie unterschiedliche Perspektiven auf Gender verhandelt werden, bietet für den gendersensiblen und identitätsorientierten Literaturunterricht vielversprechende Anknüpfungspunkte. Die Verschiedenheit sowohl der kindlichen als auch der erwachsenen Charaktere öffnet den Raum für individuelle Identifikations- und Abgrenzungserfahrungen, die laut Spinner (2006) die Grundlage literarischen Lernens darstellen. Diese können insbesondere in einem identitätsorientierten Setting unterstützt werden, indem die Kinder zunächst ihre Lieblingsfigur auswählen und sich mit deren Charakteristika und Bedeutung, z.B. durch fiktive Einträge in ein Freund*innenbuch, genauer auseinandersetzen. Um ein über die erste Identifikation hinausgehendes Verständnis zu fördern sind Denkblasen geeignet, die gerade für die Figuren erstellt werden, deren Perspektiven den Kindern abhängig von den subjektiven Vorerfahrungen auf den ersten Blick am wenigsten nachvollziehbar erscheinen. Eine eigene Positionierung lässt sich anregen, indem die Kinder sich selber an einer Szene ihrer Wahl in die Geschichte malen/schreiben und sich produktiv damit auseinandersetzen, wie sie darin agieren würden. Dieser von Frederking (2010) vorgeschlagene Dreischritt von subjektiver Annäherung, objektivierender Erschließung und personaler Applikation kann in der Arbeit mit Disco! dazu beitragen, gängige Stereotypisierungen und daraus resultierende Probleme zu hinterfragen und ggf. auch zu überwinden.

 

Sekundärliteratur:

Frederking, Volker (2010): Identitätsorientierter Literaturunterricht. In: Frederking, Volker / Huneke, Hans-Werner / Krommer, Axel / Meier, Christel (Hrsg.): Taschenbuch des Deutschunterrichts. Band 2. Literatur-und Mediendidaktik. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S. 414-451.

Spinner, Kasper (2006): Literarisches Lernen. In: Praxis Deutsch. Band 33. Heft 200. Velber: Friedrich, S. 6-16.

Unter Berücksichtigung der Studierendenideen aus dem Seminar „Völlig von der Rolle? Erzählte Rollen- und Beziehungsmuster im gendersensiblen Literaturunterricht“ 

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Jungbrunnen

ISBN: 978-3702659349

 

Buch des Monats (November 2019): 
Ausflug zum Mond von John Hare (Didaktische Rezension von Roberta Enzmann)

Was passiert, wenn eine Schulklasse zum Mond reist und dabei ein Kind versehentlich zurücklässt? Diese Frage stellt sich das Bilderbuch des Monats Ausflug zum Mond von John Hare. Die Narration beginnt bereits im Peritext auf der Titelseite, mit den einsteigenden Passagieren durch einen Glastunnel in ein gelbes, schulbusartiges Raumschiff. Dieses Raumschiff gleitet dann über die Titeleiseiten im Vorsatz durch das Weltall, bis es auf der ersten Seite des Haupttextes schließlich auf dem Mond landet. Während die Schulklasse aufgeregt der Lehrperson folgt, fällt ein Kind immer weiter zurück. Schließlich setzt sich das Kind hin und in seiner Faszination vom Erscheinungsbild des Planeten Erde, fängt es an diese Wahrnehmung in einer farbigen Zeichnung einzufangen. Dabei schläft das Kind ein und als es erschrocken wieder aufwacht, sieht es nur noch das Raumschiff wegfliegen.

Pragmatisch und auch humorvoll ist der Umgang des Kindes mit dieser Situation, die durch eine starke Ungewissheit und Not geprägt ist. Nach einem vorläufigen Gefühl der Ohnmacht, fängt das Kind wieder an zu zeichnen, wobei sich hinter dem Kind eine Gruppe von Mondlebewesen ansammelt und den Prozess neugierig bewundert. Diese Mondlebewesen bestehen aus runden, klobigen Formelementen, mit einem weichen Erscheinungsbild und mit jeweils einem weit geöffneten Auge, sodass sie friedlich aussehen. Als das Kind seine Zuschauer*innen bemerkt und die Mondlebewesen zurückschrecken, geht es auf sie zu und bietet ihnen seine farbigen Stifte an. Über dieses geteilte Interesse, findet eine Interaktion statt und überbrückt das ursprüngliche Misstrauen und Gefühl der Fremdheit – eine Erfahrung, die alle Akteur*innen nachhaltig beeinflusst. Farben spielen dabei eine wesentliche Rolle, auch in ihrem Kontrast zu der öden, monochromen Landschaft.

In dieser Begegnung mit den Mondlebewesen verwandelt sich das Gefühl der Stille und Fremdheit, in eine Art Verbindung und Gemeinsamkeit von Erfahrungen. Allerdings blühen die Mondlebewesen in ihrer Kreativität mit den freudespendenden, bunten Farben auf und bemalen sich gegenseitig sowie die Gesteine. So fängt das Kind mit seinem letzten Farbstift – einem tristen Weißgrau – wieder an zu zeichnen, bis das Raumschiff plötzlich doch zurückkommt und das verlorene Kind abgeholt wird. Die Mondlebewesen verstecken sich wieder, während die Lehrperson mit dem Kind die Kritzeleien und Unordnung aufräumen, da die Lehrperson annimmt, dass das Kind die Gesteine bemalt hat. Zum Abschied winken das Kind und die Mondlebewesen freudig, mit ihren Farben in der Hand.

Ganz ohne Schrifttext, werden diese mitreißenden Erlebnisse ausschließlich visuell erzählt. Hinzu kommt noch, dass die menschlichen Figuren keine Mimik vermitteln, da ihre Gesichter von Helmen bedeckt sind. Mittels stark expressiver Gestik und richtungsweisenden Blicken, sowie Auflockerungen im Layout durch die Kombination comicartiger Panels neben ganzseitigen Illustrationen, schafft es John Hare trotzdem eine emotive und spannende Erzählung durch den Bildtext zu entwickeln. Diese Spannung in der Narration spiegelt sich im Hell-Dunkel-Kontrast, von der monochromen weiß-gräulichen Mondlandschaft gegen das schwarze Universum im Hintergrund, wieder. Insbesondere wird dieser starke räumliche Eindruck durch die Textur der Mondoberfläche in der Faktur der Pinselstriche betont. Insgesamt entfaltet sich somit eine narrative Spannung durch die gestalterischen Mittel im Bildtext, wie das plastische Bild der Landschaft, zusammen mit einer weitwinkligen, einladenden Perspektive und den emotiven Bewegungen der Figuren. Zugleich erzeugen die rundlichen, weichen Formen eine beruhigende Atmosphäre.

Durch die Begegnung des Kindes mit den Mondlebewesen, findet ein interkultureller Austausch – oder genauer gesagt ein interplanetarischer Austausch – statt und eine wechselseitige Veränderung: Das Kind schenkt den Mondbewohner*innen Farbe und Freude, durch die Malutensilien, mit denen sie ihre Lebenswelt gestalten können. Im Gegenzug schenken die Mondlebewesen dem Kind etwas Gesellschaft, als es zurückgelassen wird sowie eine neue, einzigartige Erfahrung, die es bewegt und weiterhin längerfristig beschäftigt, da das Kind seine Erlebnisse in einer neuen Zeichnung im Raumschiff auf dem Nachhauseweg lächelnd festhält.

Im Bilderbuch lassen sich eine Vielzahl unterschiedlicher didaktischer Anknüpfungspunkte entdecken, für eine praktische Auseinandersetzung mit dem Buch. Zum einen fördert die Erzählung, in der Form eines textlosen Bilderbuches, vor allem eine bestimmte Art von literarischer Kompetenz: der Visual Literacy. Die textlose Gestaltung des Buches regt zum Erzählen und dialogischen Lesen an, welches bei weniger erfahrenen jungen Leser*innen stärkere Unterstützung Bedarf, damit Erzählschemata sowie visuelle Hinweise und Symbole in der Narration entdeckt werden können. Weiterhin kann didaktisch direkt beim offenen Ende der Geschichte angeknüpft werden, um zu fantasieren, wie die Geschichte sich weiter entwickeln könnte: Wird das Kind die Mondbewohner*innen wiedersehen oder während weiteren Schulausflügen ins Weltall auf andere Lebewesen treffen? Wie wird der Mond aussehen, nachdem die Mondlebewesen ihre Umgebung mit den Farbstiften gestaltet haben? Im Hinblick auf die Betonung der Mondlandschaft, durch weitwinklige Panoramaperspektiven und der daraus resultierenden Nähe, könnte das Bilderbuch als Impuls gesehen werden, um über den Mond zu recherchieren oder um das Sonnensystem sowie das Weltall zu thematisieren, sodass ein Übergang zu sachunterrichtlichen Inhalten entsteht. Darüber hinaus lassen sich mittels der Geschichte auch Erkundungen vom Weltall oder Erkundungen von neuen Orten im Allgemeinen gemeinsam diskutieren, entlang von sozialen oder ökologischen Perspektiven. Beispielhafte Ankerpunkte können dabei Aspekte bilden wie Expeditionen und Wissenszuwachs, Fremdheit, Nähe und Distanz, Mensch-Natur-Verhältnis, interkultureller Austausch und Freundschaft. Wie hier schon ersichtlich wird, bietet das Bilderbuch mit seiner spannenden Erzählung und ansprechenden Narrationsform ein breites Spektrum an pädagogischen Einsatzmöglichkeiten.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Moritz Verlag

ISBN:  9783895653810

 

Buch des Monats (Oktober 2019): 
Polka mit Igor von Iris Anemone Paul (Didaktische Rezension von Jack Lindner) 

Ein „Gesamtkunstwerk“ (Arbeitskreis für Jugendliteratur 2019) sei Polka für Igor von Iris Anemone Paul, resümiert die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises in ihrer Begründung für den Preisträger. Diese Einschätzung lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen nachvollziehen. Die Idee für die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem Leben der Autorin. Wie die Hauptfigur des Buches nahm auch sie einen kleinen Hund auf, der eine Vergangenheit in einem Zirkus hatte. In ihrem Debüt hat sie dieses realistische Kernelement ideenreich ausgestaltet. Das fast quadratische Buch (30,2cmx29,7cm) sticht schon auf den ersten Blick durch das große Format aus den anderen Nominierungen heraus und lädt mit den freundlichen im Spotlight stehenden Figuren zu einer genaueren Betrachtung ein. Assoziationen mit einem Zirkus werden bereits auf dem Cover geweckt und im Laufe der Geschichte konkretisiert, wenn der Hund Igor, der seinen Lebensabend in vollen Zügen genießt, von seiner Vergangenheit in einem Wanderzirkus erzählt. Dabei – so die Jury- „werden [wir] mitgenommen in Igors großen Reichtum der Erinnerungen aus Wahrhaftigkeit, Flunkerei und Phantasie […]“ (ebd.), diese Berichte sind so fabulierend, dass man Igor ohne Probleme das Münchhausen-Syndrom attestieren könnte. Besonders das kleine Mädchen Ola lauscht diesen Geschichten fasziniert und taucht mit Igor in seine alte Zirkuswelt ein.

 

Dabei weckt sie Igors Nostalgie, indem sie Polkamusik über den Schallplattenspieler erklingen lässt. Die detaillierten Beschreibungen und Illustrationen lassen Rezipient*innen in die durch Polka angeheiterte und wohlige Atmosphäre des Wohnzimmers eintauchen und erzeugen nostalgische Momente. Dem Schallplattenspieler kommt hierbei eine Schlüsselfunktion zu, die im gesamten Buch präsent ist.  Als weiterer Aspekt wird von der Jury der zunächst „spröde Charme der wirkungsstarken Siebdrucke“ (ebd.) angeführt. Innerhalb der Illustrationen sind immer wieder kleine Details zu entdecken, die sich teilweise auch erst bei wiederholtem Betrachten offenbaren. So steht an der Stelle des bekannten Apple- Symbols eine Katze oder kleine Papierboote gleiten durch die Wogen des Hintergrundes. Der Wechsel zwischen Rahmenhandlung und erzählten Binnenhandlungen, zwischen extradiegetischer und intradiegetischer Erzählebene schlägt sich auch in der Seitengestaltung nieder, indem sich als Panorama gestaltete textlose Doppelseiten mit Seiten, auf denen Text und Bild nebeneinander und ineinander erscheinen, wechseln.             

Die Gestaltung der Bilder in der aus Filmen entlehnten Fischaugenoptik lässt die*den Rezipient*in auf neue Welten hinabschauen oder vermittelt das Gefühl, sich auf der Oberfläche einer Schallplatte zu befinden. So entsteht ein dynamischer Kontrast zwischen Groß und Klein. Iris Anemone Paul „begeistert, verwundert und verwirrt, sie führt uns auf schönste Art vor Augen, wie Erzählkunst sich entfalten kann, wenn Text und Bild in ästhetischer Spannung zueinander stehen“ (ebd.).                   

Die im Workshop zu den nominierten Büchern erstellten didaktischen Materialien, fokussieren die Panoramabilder als Schreib- und Gesprächsanlass. Dafür sollen Erzählkarten, die die Situationen aus dem Buch, in denen Igor Ola über seine Tage im Wanderzirkus berichtet, darstellen, als Einstieg thematisiert werden. Nachdem die Kinder eine ausgewählte Situation sich gegenseitig beschrieben haben, werden die Figuren eingeführt. Anschließend sollen die Kinder die passende Panoramaseite des Buches finden. Die Aufgabe ist, selbst eine Geschichte zu einem ausgewählten Gegenstand oder einer Figur, die in der Szenerie zu finden sind, zu schreiben oder zu erzählen.   

Diese Aufgabenstellung spricht verschiedene Aspekte des literarischen Lernens nach Kaspar Spinner an. Die Kinder können beim Lesen und Hören Vorstellungen entwickeln, dies geschieht zum einen durch die genaue Beobachtung einer Panoramaseite und der Schilderung des Abgebildeten und zum anderen durch die weiterführende Entwicklung einer Kurzgeschichte zu dem ausgewählten Gegenstand oder der ausgewählten Figur. Dadurch dass die klare Trennung zwischen Erzählsituation und erzählter Situation verdeutlicht wird, kann die narrative und dramaturgische Handlungslogik und insbesondere die Figurenkonstellationen erschlossen werden. Außerdem führt dies zu einem bewussten Umgang mit Fiktionalität, zumal die Fiktionen Igors getrennt von der Erzählsituation thematisiert werden. Die Aufgabe bietet vielfältige Möglichkeiten zur Differenzierung. Jüngere Kinder können, neben der Schilderung ihrer Beobachtungen zu den Einzelheiten, eine kleine Geschichte zu einem Gegenstand erfinden und mündlich erzählen. Kinder, die sich schon in einer der nächsten Zonen der Entwicklung befinden, können die Geschichte in unterschiedlicher Ausführlichkeit verschriftlichen. Der Aufbau des episodischen Erzählens im Buch bietet die Möglichkeit nur bestimmte Seiten zu thematisieren und somit ein Potenzial für eine quantitative und qualitative Differenzierung auf unterschiedlichen Niveaustufen.         

 

Sekundärliteratur:

Arbeitskreis für Jugendliteratur (2019): https://www.jugendliteratur.org/_files_media/djlp_titel_pdf/4161.pdf. Zugriff: 4.1.21.

Eder, Katja (2019): https://www.jugendliteratur.org/buch/polka-fuer-igor-4161-9783942795708/?page_id=1. Zugriff: 4.1.21. 

  

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: Kunstanstifter

ISBN:  9783942795708

 

Buch des Monats (September 2019):
Zähnchen, Zähnchen auf das Dach! von Liu Xun (Didaktische Rezensionen von Mats Pieper)

 

„Der Weg ist das Ziel.“ ist ein Spruch, der in verschiedenen Lebenssituationen Anwendung findet und sowohl sensibilisieren als auch nerven kann. Ersteres trifft für "Zähnchen, Zähnchen, auf das Dach!" zu, denn dort ermöglicht der Weg ein Eintauchen in eine spannende und fremde Welt. Man könnte sagen, man befindet sich auf einem kleinen kulturellen Spaziergang, der viele aufregende und interessante Dinge für die Rezipient*innen bereithält. Der Anfang dieses Weges liegt bei der Protagonistin des Buches, die ihren Milchzahn verliert und ihren Opa sucht. Der hat ihr erzählt, dass sie ihren ersten Milchzahn auf das Dach des Hauses werfen soll, damit sie wächst und später groß wird. Am Ende des Weges ist der Opa zwar gefunden und der Zahn auf dem Dach, aber es stellen sich andere weitaus tiefgreifendere und komplexere Fragen.

In "Zähnchen, Zähnchen, auf das Dach!" folgen die Rezipient*innen der Ich-Erzählerin auf der Suche nach ihrem Opa durch die Gassen des chinesischen Viertels und lernen diese und ihre Eigenheiten aus der Perspektive des kleinen Mädchens kennen. Die Atmosphäre der jeweiligen Gassen wird dabei nicht nur durch die Erzählperspektive, sondern auch durch die Bild- und Textebene erlebbar. Sprachlich gelingt es Leonie Weidel in ihrer Übersetzung, viele passende Vergleiche, Personifikationen und Metaphern zu erhalten, die die Stimmungen der Gassen einfangen. Zu Beginn ist die Gasse „träge wie eine Katze“, sodass sich die Protagonistin entsprechend langsam und vorsichtig bewegen muss, dann ist ihr wiederum etwas unheimlich, wenn die Mauerreste an den Wänden in der engen Gasse an wilde Tiere und dunkle Gestalten aus der Nacht erinnern. Bis die Gasse schließlich „aufwacht“ und lebhaft und laut zu einem bunten Treiben wird, dass auf Bildebene die Leser*innen zum Entdecken von Unbekanntem und Aufregendem einlädt – Messerschleifer, Aquarien voller Goldfische, eine Blechtonne, in der Popcorn trommelt und noch mehr. Neben den vielen Entdeckungen trifft die Protagonistin auf ihrem Weg auch viele Freunde, ihren Onkel Liu und Bekannte. Die Bedeutung, die die Gasse, wie die Szenen eindrucksvoll vermitteln, für die Figuren im Text hat, fasst der Satz: „Opa sagt, die Gasse ist so wie ein richtig großes Zuhause.“ in gelungener Weise zusammen. Nun könnte man meinen, hier könnte eine schöne Geschichte mit dem Zahnwurf auf das Dach ihr Ende finden, doch der Wendepunkt und das Ende der Geschichte konterkarieren das Bisherige und berichten von Wandel, Modernisierung und Urbanisierung in chinesischen Städten.

Was sind das für gesprayte Schriftzeichen an den Wänden? Die Gassen werden abgerissen und „die großgewachsenen Wolkenkratzer in ihrer glitzernden Kleidung“ werden aufgebaut. „Opa, ist es so wie bei Kindern, die mit Bauklötzen spielen?“, fragt die Protagonistin. „Hmhm, das wird nun eine andere Art von Leben“, murmelt Opa. Den Kontrast zwischen beiden Lebensformen zeigen erste und letzte Seite: die alten Häuser und Gassen „dicht zusammengekuschelt“ im Kontrast zu den modernen Wolkenkratzern und Baukränen, die den alten Häusern immer näherkommen.

In ihrem Nachwort zum Buch erklärt Liu Xun, dass sie mit der Aufgabe, den Wandel der Stadt abzubilden das vorliegende Buch als eine Art Erinnerung an die entsprechenden Lebensweisen und Familien entwerfen wollte und der herausfallende Milchzahn ihrer Tochter ein entsprechendes Symbol des Wandels darstellt. Wie schwer solch ein radikaler Wandel fällt und wie sich Menschen nach einem solchen Wandel fühlen, lässt sich im Artikel „Der große Stadtplan“ von Justin Jin aus dem Jahre 2017 nachempfinden.

Modernisierung- und Urbanisierungsprozesse in China liegen fern von der Lebensrealität vieler Kinder in Deutschland und verlangen ein großes Verständnis für Zusammenhänge in der Welt. Der Ansatz für eine didaktische Auseinandersetzung muss jedoch nicht dort ansetzen, sondern kann zunächst auch bei der Faszination für eine andere kulturelle Welt, dem interkulturellem Lernen, oder aber auch dem Verlust eines Milchzahns liegen, welche eher der kindlichen Perspektive entspricht. Hier bietet das Buch auf der Bildebene viele Elemente, Situationen oder auch Lebensweisen, die mit Kindern aufgegriffen und teilweise praktisch erprobt werden können – Popcorn lässt sich selbst machen, Kinder können sich an der chinesischen Schrift und den Schriftzeichen erproben oder Lebensweisen in China können untersucht werden. Darüber hinaus lassen sich auch die angesprochenen sprachlichen Besonderheiten (v.a. die Vergleiche) heraussuchen und mit den Kindern besprechen. Im Rahmen einer Themenwoche können mit Kindern im fortgeschrittenen Alter sicherlich auch der Wandel, die entsprechenden Urbanisierungsprozesse und entsprechende Hintergründe beleuchtet werden. Diskussionen über das eigene Wohnumfeld und dessen Bedeutung für die Menschen bieten sich ebenso an wie das gemeinsame Nachdenken über urbane oder moderne Veränderungen in der eigenen Stadt oder dem eigenen Dorf. Welche Veränderungen ergeben sich dadurch für die lebenden Menschen? Welche kulturellen oder ökologischen Lebensweisen gehen eventuell verloren? Das Buch bietet trotz des komplexen Themas so viele Möglichkeiten, je nach Altersstufe unterschiedliche Aspekte mit Kindern zu fokussieren. 

 

Sekundärliteratur: 

Jin, Justin (2017): Der große Stadtplan. https://www.zeit.de/2017/53/china-wachstum-wohlstand-umsiedlung-bauern-hochhaeuser/komplettansicht. Zugriff: 4.1.21.

 

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: edition Bracklo

ISBN:  978-3946986058

 

Bücher des Monats (August 2019):
Namibia (Themenschwerpunkt von Elisa Hollerweger)

Ähnlich wie das Bremer Institut für Bilderbuchforschung verfolgt auch das Namibian Children`s Book Forum das Ziel, Bücher für junge Adressat*innen sowie entsprechende Multiplikator*innen zugänglich zu machen und somit einen konstruktiven Beitrag zur literarischen Sozialisation und Enkulturation zu leisten. Während der deutsche Bilderbuchmarkt stetig wächst, vielfältiger und internationaler, gleichzeitig aber auch unübersichtlicher und schnelllebiger wird, liegt der Fokus in Namibia derzeit vor allem darauf, zunächst eine nationale Kinderliteraturszene zu fördern und zu etablieren. Als Herausforderung erweist sich dabei insbesondere die Kombination aus begrenzten monetären Mitteln und verschiedenen nebeneinander existierenden Nationalsprachen, die sowohl Produktion als auch Rezeption dahingehend beeinträchtigen, dass a) nicht für alle Muttersprachen Bücher geschrieben und gedruckt werden und b) die vorliegenden Bücher nur sehr begrenzt Verbreitung finden. Gerade in Anbetracht dieser unterschiedlichen Rahmenbedingungen scheint es interessant, sich einen Überblick über das bestehende Buchangebot zu verschaffen und dieses inhaltlich und gestalterisch näher zu beleuchten.

Textlose Erzählung mit haptischen Elementen: Tutala`s Journey

Zur Überwindung sprachlicher Barrieren bieten sich textlose Erzählungen besonders gut an, weil sie auch in multilingualen Lerngruppen gemeinsam rezipiert werden und zu einem Austausch über einzelne Wörter, Szenen oder Handlungsstränge anregen können. Tutala`s journey erzählt ohne Worte von einem Mädchen, das sich mit einer vollen Obstschale auf dem Kopf auf den Weg macht, an verschiedenen Tieren vorbeikommt, die sich unbemerkt an ihrer Fracht bedienen und die schließlich durch einen Zufall mit anderen Früchten in der Schale ihr Ziel erreicht. Narrativ zeichnet sich das Buch durch eine einfache Struktur und den Witz, der durch den Wissensvorsprung des Rezipienten gegenüber Tutala entsteht, aus. Die eingenähten Fäden, die Tutalas Weg auch haptisch erfahrbar machen und durch unterschiedliche Farben und Muster jedes Buch zu einem Unikat werden lassen, stellen eine zusätzliche Besonderheit dar. Der Handlungsraum weist durch die Kulisse, die Pflanzen, die Tiere und die Kleidung und Hautfarbe der Protagonistin Wiedererkennungswert für namibische Kinder auf und ermöglicht Kindern aus anderen Kulturräumen das Eintauchen in eine andere Welt. In einer gemeinsamen Rekonstruktion des Geschehens können die Tiere in der Reihenfolge ihres Auftauchens und die Früchte in der Reihenfolge ihres Verschwindens zusammengetragen werden, was sowohl Wortschatzarbeit als auch Erinnerungsvermögen schult. Kurz vor dem Wendepunkt ließe sich auch mit den Kindern gemeinsam überlegen oder bildnerisch gestalten, wie die Geschichte weitergehen könnte, wodurch die Auseinandersetzung mit der Handlungslogik gefördert wird. Trotz oder gerade wegen seiner Einfachheit kann das von Penduka Books verlegte Buch also auch über Namibias Grenzen hinweg zum Einsatz kommen. 

Episodische Selbstfindungsparabel: Wat is jy, Kartoffel?

Die im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger bekannten Bilderbuchfiguren Das kleine Ich bin Ich, Rosa Monsterund Pink Pinguin haben nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihren Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe gemeinsam. Ähnlich geht es dem vermeintlichen Strandwolf Kartoffel in dem auf Afrikaans erschienenen Buch Was bist du, Kartoffel? der afrikanischen Schriftstellerin Marga Jonker. Während Kartoffel im Gespräch mit verschiedenen hilfsbereiten Tieren wortspielreich (wolli, woffel, waffel), aber vergeblich hinterfragt, welcher Art er zuzuordnen ist, bringt ihn letztlich ein Geruch auf die richtige Fährte. Das Buch muss nicht ins Deutsche übersetzt werden, um der Geschichte folgen zu können und bietet sich vor allem für einen Vergleich von ähnlichen Erzählmustern an. In Namibia wurde es 2012 als bestes illustriertes Kinderbuch mit dem Namibian Children`s Book Award ausgezeichnet und ist thematisch eher eine Ausnahmeerscheinung.  

Abenteuergeschichten afrikanischer Tiere:  The Warthog`s tail and The giraffe who got a knot

Im Gegensatz zu der philosophisch anmutenden Identitätssuche von Kartoffel stehen in den Geschichten der englischsprachigen Reihe Storytime Africa verschiedene Abenteuer von und mit typisch afrikanischen Tieren im Fokus. Während The giraffe who got a knot auf unterhaltsame Weise davon erzählt, wie die Giraffe versucht, ihren Knoten im Hals aufzulösen und mit einer amüsanten Bild-Text-Erweiterung endet, bildet in The warthog`s tail der aufrecht stehende Schwanz der Warzenschweine den Ausgangspunkt der Geschichte: „The warthog`s tail is a wonderful wonder,/When he runs it stands up,/When he stands it goes under./But the warthog`s tail was not always so./ Have you heard what happened?/Do you know? Do you know?“ Die natürliche Besonderheit wird innerhalb des Buches als Resultat einer bewussten Entscheidung der Tiere inszeniert, um sich in Gefahrensituationen nicht mehr zu verlieren wie es im Handlungsverlauf der Fall ist. Gereimte Texte, cartoonhafte Bilder und beliebte tierische Protagonisten machen die Reihe auch über Afrikas Grenzen hinaus zu einer überschaubaren Lektüre im Englischunterricht, die die Erweiterung des Vokabulars ebenso unterstützen kann wie das Verständnis unterschiedlicher narrativer Strukturen. 

Plädoyer für den Mut zur Hässlichkeit: Die lelike Fyf

Dass es in Afrika neben den prominenten Big Five auch noch andere Tiere zu sehen gibt, greift das Erfolgsduo Scheffler/Donaldson in The ugly five auf, in dem sich ähnlich wie die verstoßenen Bremer Stadtmusikanten nacheinander die fünf hässlichsten Tiere – wilderbeest, hyena, lapper-faced vulture, warthog, marabou storch – zusammenfinden und sich singend ihrer Hässlichkeit erfreuen. Gerade weil sie sich selber und gegenseitig so anerkennen, wie sie sind und als „club“, „crew“, „clan“ und „mob“ Lebensfreude und Dynamik ausstrahlen, wirkt der Wendepunkt, an dem sie von ihren Kindern erwartet werden, die sie als „lovely five“ hochleben lassen und gerade ihre hässlichen Körperteile als besonders liebenswürdig hervorheben, überflüssig idyllisierend und konstruiert. Gerade diese Schwäche der ansonsten sprachlich wie bilderisch ansprechenden Geschichte kann in der (multilingualen) Auseinandersetzung mit dem Buch aufgegriffen werden, um sich zum Beispiel nach dem Vorbild der Bremer Stadtmusikanten interessantere und spannendere Begebenheiten für die fünf – auf alternative Art schönen – Protagonisten auszudenken. Diese können sowohl mündlich, szenisch oder schriftlich realisiert werden und auch die am Ende des Buches vorgestellten weiteren unbekannteren Quintette wie the little five und the shy five einbeziehen. 

Postkartenimpressionen: Meerkat Mail

Dass man erst woanders gewesen sein muss, um die eigene Familie und das eigene Zuhause wieder bewusster wertschätzen zu können erfährt das Erdmännchen Sunny im Rahmen seiner Rundreise durch seine große Verwandtschaft, von der das auch auf Deutsch und Afrikaans erschienene Buch Meerkat Mail der international bekannten Bilderbuchkünstlerin Emily Gravett erzählt. Die titelgebende Post vom Erdmännchen besteht innerhalb des Buches aus ausklappbaren Postkarten, die Sunny an seine Eltern, Großeltern und Geschwister schreibt. Anders als die populären Briefe von Felix sind sie weniger darauf ausgelegt, Wissen über verschiedene Städte und kulturelle Gepflogenheiten zu vermitteln, sondern dienen vielmehr dazu, Sunnys subjektive Eindrücke zu dokumentieren und die sehr knapp gehaltenen Erzählerkommentare zu ergänzen und teilweise auch zu kontrastieren. Dieses Spannungsverhältnis, das nicht nur zwischen Text und Bild, sondern auch zwischen Postkartentexten und Erzählerkommentaren entsteht, bietet auch für die didaktische Arbeit vielfältiges Potential. So können zunächst Sunnys teilweise krakelige Buchstaben entziffert und ggf. noch einmal schöner abgeschrieben oder abgetippt und mit den Erzählerkommentaren und Bildern verglichen werden. Um die Kinder zu kreativer Produktion anzuregen, kann Sunnys Reise um eine weitere Station mit einer entsprechenden Postkarte aus Sunnys Perspektive ergänzt oder eine eigene Postkarte an Sunny z.B. von einem Verwandtschaftsbesuch geschrieben werden.

In Relation zu dem quantitativ überschaubaren Angebot lässt sich also eine Vielfalt an Erzählformen verzeichnen, die nicht nur innerhalb Namibias oder Afrikas, sondern auch für einen interkulturellen Literaturunterricht in Deutschland interessante Anknüpfungspunkte bietet. 

 

Weitere Primärliteratur: 

Bush, John / Geraghty, Paul (1987): The giraffe who got in a knot. o. A.: Huchtinson. 

Bush, John / van Blerk, Lindasay (o.A.): The Warthog`s tail. o.A.: Storytime Africa.

De Dios, Olga (2018): Rosa Monster. Barcelona: Àbac Verlag

Donaldson, Julia / Scheffler, Axel (2017): Die lelike Fyf. Afrikaans Übersetzung. o.A. 

Gravett, Emily (2007): Meerkat Mail. o.A.: Pan Books.  

Jonker, Marga / Prins, Alzette (2010): Wat is jy Kartoffel? Südafrika: LAPA Publishers (Pty) Ltd / LAPA Uitgewers (Edms) Bpk.

Lobe, Mira / Weigel, Susi (1972): Das kleine Ich bin Ich. Wien: Jungbrunnen Verlag.

Sim, Youngshin (o.A.) Tutala's Journey. o.A.: Penduka Verlag. 

Rickards, Lynne / Chamberlain, Margaret (2016): Pink Pinguin. Aschaffenburg: Alibri.  

 

Buch des Monats (Juli 2019): 
Alles Rosa von Maurizio Onano (Didaktische Rezension von Mats Pieper) 

„Die Welt durch eine rosarote Brille zu sehen“ bedeutet die Augen vor Problemen zu verschließen und sich seine eigene „Traumwelt“ zu erschaffen. In Alles Rosa haben die Leser*innen zwar das Gefühl eine solche rosarote Brille zu tragen, doch durch diese werden die Probleme erst richtig sichtbar. Denn in der Welt, in die Maurizio Onano die Leser*innen eintauchen lässt, werden Geschlechterstereotypen von Männern und Frauen verkehrt: Jungen mögen gerne rosa und Puppen, rechnen ungern und wollen später gerne Prinz werden. Doch der Protagonist der Geschichte ist anders. Er würde gerne Feuerwehrmann werden, kann gut rechnen und wäre am liebsten so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Doch seit er klein ist, hört er immer wieder die gleiche Frage: "Was stimmt denn nicht mit ihm?" Das fragen ihn die Erzieher*innen, die Kinder in der Kita und in der Schule, die Leute im Supermarkt und im Restaurant, seine Lehrerin und das fragt schließlich auch David sich selbst...

 

In einem traurigen, unverständigen Ton erklärt der Protagonist anhand eigener Erlebnisse, wie wichtig es ist, dass die Leute wissen, was man sei, ein Junge oder ein Mädchen, und dass man sich entsprechend verhalten und sich anpassen müsste. Dabei bezieht er immer wieder die Leser*innen in seinen Bericht mit ein, indem er diese adressiert oder rhetorische Fragen stellt, was zur Aktivierung der Leser*innen beitragen kann. Zudem verstärkt die Filz- und Buntstifttechnik die kindliche Sicht auf die Welt und verweist gleichzeitig auf die geschaffene Welt. 

In Alles Rosa gelingt es dem Autor durch die Umkehrung der Klischees auf lustige Art und Weise, die Problematik von starren, einschränkenden und einflussreichen Rollenbildern innerhalb der Gesellschaft offenzulegen und deren (verstörende) Auswirkungen aufzuzeigen. Die Ich-Perspektive, die geschilderten Situationen und das offene Ende tragen zudem dazu bei, die Reichweite und Schwierigkeit dieser Rollenbilder zu verdeutlichen. Indem die Absurdität von Klischees gespiegelt werden, werden die (erwachsene) Leser*innen dafür sensibilisiert, sie bewusster wahrzunehmen und konkret zu hinterfragen. 

Im Hinblick auf das didaktische Potenzial des Buches bieten besonders die Möglichkeiten einer fiktiven Welt, die identitätsstiftende Erzählsituation und die Komik durch die Umkehrung der Stereotypen viele Anknüpfungspunkte, um mit Kindern über Geschlechterrollen ins Gespräch zu kommen. Die Geschichte setzt Impulse, um Kinder auf Geschlechterstereotype und Rollenbilder ihrer Umgebung aufmerksam zu machen. Fragen wie: Was ist an Davids Welt anders, was ist ähnlich? Wie gefällt dir Davids Welt? Was würdest du in Davids Welt verändern? können dabei zur Reflexion anregen.

Dabei weisen sowohl das Thema als auch das Buch Schwierigkeiten auf, die es innerhalb der didaktischen Aufbereitung zu beachten gilt. Der anspruchsvolle Wortschatz des Buches (z.B. "Bredouille", "Gleichberechtigung", "Hormonen") gepaart mit entsprechenden Redewendungen (z.B. "wie mir der Schnabel gewachsen ist", "falsch ticke") sind sprachliche Hindernisse, die Erklärungen der vorlesenden Personen bedürfen, jedoch auch als Gesprächsanlass genutzt werden können. Aufgrund dessen und im Hinblick auf die teilweise den Klischees innewohnende Komplexität, empfiehlt es sich das Buch erst in einem fortgeschrittenen Alter, gegen Ende der Grundschulzeit zu nutzen. Mithilfe der Umschlagsgestaltung und unterschiedlicher Medien können entsprechende Klischees zum Gesprächs- und Diskussionsthema werden. Weiter bietet die verdrehte Klischeewelt das Potenzial diese spielerisch nachzuahmen, literarisch fortzuführen oder die Perspektive Davids und seine Gefühle z.B. mithilfe eines Stimmungsbarometers. 

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: jaja Verlag

ISBN: 978-3946642770 

 

Buch des Monats (Juni 2019): Eine Hommage an den Mut
Nicht um die Ecke von Dirk Steinhöfel (Didaktische Rezension von Jennifer Reiske) 

Wer kennt es nicht, den Schritt in neues Terrain. Am Anfang stehen sich Neugierde und Angst gegenüber. Wir wägen ab, sollen wir Neues wagen oder im Altbekannten verweilen? Diesen Chancen und Möglichkeiten begegnen wir immer wieder im Leben. Überwiegt die Neugierde, machen wir uns auf den Weg in ein neues Abenteuer. Und diese Abenteuer starten früh: die erste Loslösung, das erste Wagnis, das eingegangen wird oder das erste Verbot, das gebrochen wird.  

Emma, Hauptprotagonistin des Buches Nicht um die Ecke, ist neugierig. Neugierig genug, um sich der Warnung der Mutter zu widersetzen: „Du fährst nicht um die Ecke. Hörst Du?“ Auch der Zusatz „Nicht um die Ecke. Da ist es gefährlich.“ kann sie nicht abschrecken. Die Mutter ist nicht präsent, sitzt für das kleine Mädchen abwesend, mit dem Handy beschäftigt auf der Bank zwischen grauen Steinmauern, die an das Holocaust Mahnmal Berlins erinnern. Kein Platz für Kinder. Emma ist sauer. Und Emma bleibt nicht gelangweilt neben der Mutter sitzen und starrt auf die grauen Wände des Parks. Emma tritt in die Pedale ihres roten Dreirades und macht sich auf den Weg. Ganz berauscht saust sie durch die goldenen Herbstblätter um die Ecke. 

Was das mutige kleine Mädchen erwartet ist der Eintritt in eine fantastische Welt. Das Grau wird erst durchzogen von goldenem Staub, dann von immer stärkeren Farben. Es hält an und staunt - über Federn, die vom Himmel segeln, Pferdeäpfel, so warm, dass sie noch dampfen, eine Kokosnuss vor Lianen und das peitschende Meer. Und dahinter tänzeln Schatten auf der Steinwand, für den Betrachter sofort sichtbar, aber erst nicht im Blickfeld der Hauptprotagonistin. Schließlich in ihr Blickfeld gerutscht scheint sie doch etwas verunsichert und fährt schnell weiter, um in die nächste fantastische Welt abzutauchen. Verzaubert steht sie vor einem Tor – dahinter bunte Farbnebelwolken. Emma begutachten auf Knie, riechend, bewundernd. 

Die Bilder dieser fantastischen Welt kommen ganz ohne Text aus. Sie scheinen surreal, wie Traumbilder, faszinieren und beängstigen den jungen Betrachter zugleich. Es wird nicht deutlich, was real und was Emmas Fantasie entsprungen ist. Deutlich wird aber, dass keine Langeweile im tristen Grau mehr herrscht. Gleichzeitig bleibt hier eben durch den mangelnden Text Platz für die eigene Interpretation der Szenen. Das Gespräch darüber entsteht mit manchen Kindern während des Betrachtens, mit anderen erst am Ende des Buches, ganz überwältigt von den unterschiedlichen Eindrücken. 

 

Sekundärliteratur:  

Reiske, Jennifer (2019): Das Glück die Welt zu erkunden. Eine Hommage an den Mut. In: Jochen Hering (Hrsg.): Vom Glück der Kinder. In Bilderbüchern dem Glück begegnen. Verlag das Netz, Weimar 2019.

Mehr Ideen zum Einsatz des Bilderbuches in: Jochen Hering (Hrsg.), Vom Glück der Kinder. In Bilderbüchern dem Glück begegnen. Verlag das Netz, Weimar 2019

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: Fischer Sauerländer

ISBN: 978-3737355315 

 

Buch des Monats (Mai 2019) und Huckepackpreisträger 2019
Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte von Beatrice Alemagna (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger) 

Ein Ferienhäuschen mitten im verregneten Wald, eine dauerbeschäftigte Mutter, ein abwesender Vater und ein auf sich selbst zurückgeworfenes Kind bilden im aktuellen Buch des Monats den Ausgangspunkt für den titelgebenden großen Tag, an dem fast nichts passierte. Farbliche Eintönigkeit und sprachliche Wiederholungen fangen die Tristesse der Hauptfigur authentisch ein: „Mama und ich im selben Ferienhäuschen. Im selben Wald. Mit demselben Regen.“ Und: „Wieder mal wetterte Mama […] Wieder mal riss sie mir das Spiel aus der Hand. Wieder mal holte ich es mir heimlich zurück.“ So vergeblich das Kind versucht, seine innere Leere durch das Töten virtueller Marsmännchen zu füllen, so vergeblich versucht die Mutter, ihren Mangel an Zeit und Empathie durch Disziplinarmaßnahmen zu kompensieren. Der Rückzug ins Freie ist somit ein Rückzug vor der Mutter, die die kindliche Mediennutzung kategorisch verurteilt statt sie selbstkritisch zu hinterfragen. Mit dem Öffnen der Tür verschiebt sich der Fokus auf das Kind, das sich im neonorangenen Regenmantel deutlich von seinem Umfeld abhebt und dessen empfundenes Elend durch die frontale Darstellung seines missmutigen Gesichts sowie die detailliert beschriebenen Sinneseindrücke regelrecht spürbar wird: „Die Füße im Matsch, die Brille pitschnass. […] Der Regen wehte mir bis unter die Kapuze.“ Das einzige, woran es sich wörtlich (fest-) halten kann, ist sein Minicomputer, der sogar Steine im Teich wie Köpfe von Marsmännchen wirken lässt. In diesem Übergang zwischen virtueller und natürlicher Welt erscheint die über das Wasser hinweghüpfende Hauptfigur selbst wie der Held eines Jump´n´Run-Computerspiels, wird also bereits vom Konsumenten zum Akteur, bevor ihm mit dem Verlust des Geräts „das Schlimmste, was auf der Welt passieren konnte“ widerfährt.  

Die Bedeutung der Natur für die Krisenbewältigung schlägt sich zuerst in den Vergleichen nieder, durch die das Kind seine diffuse Verzweiflung konkret ausdrücken kann: Während Steinregentropfen auf seinen Rücken schlagen, empfindet es sich selbst als „einsamer Baum mitten im Sturm“. Diese Sprachbilder finden in der Bildsprache ein Pendant, wenn die grauen Regenschlieren mit runden Elementen durchsetzt werden und die überdimensional langen Beine die Maserung des Baumstammes annehmen. Überwiegen an dieser Stelle noch negative Konnotationen mit den Naturelementen, tragen die vier Riesenschnecken dazu bei, dass sich die Stimmung von traurig zu mutig wandelt und die zunächst selbstbezogene Frage „Gibt’s hier irgendwas zu sehen?“ zum Impuls für den Aufbruch wird. Die Erfahrungen gehen dabei weit über das Sehen hinaus: das „Meer von Pilzen“ weckt über den Geruchssinn Erinnerungen an Opas Keller, die Schätze des Bodens werden mit den Händen „begriffen“, die herabfallenden Sonnenstrahlen lösen Herzklopfen aus und das Kullern über den Hügel verändert die eigene Position zur Welt. Diese neue Wahrnehmung der Natur wird auf einer Doppelseite in acht kleinen Szenen faszinationsreich ausgestaltet und führt letztlich auch zu einer neuen Selbstwahrnehmung: „Ohhhh…dort [im Spiegel] konnte ich das breite, staunende Lächeln meines Vaters sehen.“ Wird die Verbundenheit mit dem Vater für das Kind also im eigenen Spiegelbild sichtbar, erlebt es die Verbundenheit mit der Mutter schließlich mit allen Sinnen, wenn sie erstmals derselben Stille lauschen, sich an die Hand nehmen, wortlos anschauen und den Duft von Schokolade einatmen.  

Durch diese Sinnlichkeit lässt das Buch die Rezipient*innen den Entwicklungsprozess des Kindes schrittweise miterleben. Die Ich-Perspektive des Kindes verhindert moralisierende Appelle und bietet nicht nur für kleine Medienjunkies und Frischluftmuffel vielfältige Anknüpfungspunkte, sondern auch für erwachsene Bezugspersonen, die den Zugang zu ihren Schützlingen – vielleicht ohne es zu merken – verloren haben. Dass es nicht um eine Verteufelung von Medien zugunsten der Natur geht, unterstreicht die vorangestellte Doppelseite, auf der das Kind mit Computerspiel UND Riesenschnecken in einem Sessel liegt.  

An dieser Verschmelzung von Umwelt und Medienwelt kann auch die praktische Arbeit mit dem Buch ansetzen. Während der Anfang der Geschichte sich vor allem anbietet, um die unterschiedlichen Perspektiven von Mutter und Kind zu übernehmen, zu reflektieren und zu bewerten, lädt die facettenreich inszenierte Naturerfahrung zur Nachahmung und Fortsetzung ein, die sich dann wiederum im Rahmen von Fotostorys oder Kurzfilmen dokumentieren und präsentieren lässt.

  

Erscheinungsjahr: 2019

Verlag: Beltz & Gelberg

ISBN: 978-3-407-82381-6  

 

Buch des Monats (April 2019):
Total verrückte Wörter: Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus der ganzen Welt von Nicola Edwards / Luisa Uribe (Didaktische Rezension von Mats Pieper) 

Was eine Verschlimmbesserung ist, ist in Deutschland hinlänglich bekannt und falls nicht, jedem zumindest schon einmal passiert. Man möchte in einem Text, auf einem Bild oder bei einer Reparatur etwas ausbessern und am Ende hat sich die Situation eher verschlechtert als verbessert. Eine Verschlimmbesserung. Ein ziemlich passendes Wort für ein allerdings weniger schönes Erlebnis. Sucht man dagegen im Deutschen ein passendes Wort für Freunde, die für einen wie die eigene Familie sind, fällt das schwer. Ebenso bekommt man Probleme, wenn man diesen unschönen Moment beschreiben muss, in dem man heißes Essen im Mund hin- und herjongliert, damit es abkühlt oder wenn ein Wort für ein Kind gefunden werden muss, das ständig „Warum?“ fragt, beziehungsweise jemanden, der permanent Fragen stellt. Würde man hingegen Japanisch, Buli und Russisch sprechen, wäre das kein Problem: Seine Freunde würde man ab sofort „Nakama“ nennen, den unschönen Moment „Pelinti“ taufen und die dauerfragende Person als „Pochemuchka“ bezeichnen. Das Bilderbuch „Total verrückte Wörter“ stellt eine Vielzahl solcher eigentlich unübersetzbaren Wörter aus den unterschiedlichsten Sprachen vor und erklärt diese. 

Jede Doppelseite des Buches bietet die Möglichkeit ein neues „unübersetzbares“ Wort kennenzulernen. Verdeckt der*die Vorlesende das Wort, kann mithilfe der entsprechenden Illustration zunächst überlegt und gerätselt werden, worum es sich bei dem Wort wohl handelt und was es beschreiben könnte. So entstehen eventuell auch eigene witzige oder erstaunliche Interpretationen. Nach dem Raten kann über das Wort und seine Anwendung diskutiert werden, um im Anschluss auf der Seite noch weitere interessante, lustige oder spannende Informationen zu Land, Kultur oder Sprache zu lesen. So finden sich lustige Wortursprünge wie bei dem Wort „Gobbledygook“, Informationen über die teuerste Pizza der Welt, jüdische Bräuche, die Leber als Symbol der Liebe oder aber auch Essensempfehlungen aus Ghana usw. … 

Mithilfe des Buches kann somit auf jeder neuen Seite ein kurzer Blick auf eine andere Kultur und Sprache geworfen werden, sodass die Leser*innen am Ende nicht nur 30 neue verrückte Wörter kennen, sondern auch neue Einblicke in andere Kulturen und Sprachen erhalten haben. Diese dreißig Einblicke sind ebenso vielseitig und divers wie die Wortbedeutungen an sich, sodass wir neben den europäischen Standardsprachen auch Sprachen wir Wagiman, Buli oder Sanskrit kennenlernen. Damit die neuen Wörter auch direkt richtig angewendet werden können, findet sich am Ende des Buches Hinweise zur Aussprache, die in einer leichten Lautschrift verfasst sind. 

Außerdem bieten die total verrückten Wörter einen Zugang zu anderen Kulturen, der durch die Ähnlichkeit von solchen verrückten Wörtern und die Verschiedenheit der Sprachen und Kulturen gleichzeitig die Einzigartigkeit und Gemeinsamkeiten verbindet. Dementsprechend eignet sich das Buch in hervorragender Weise für das interkulturelle Lernen. Mehrsprachige Kinder finden hier eventuell ihre eigene(n) Sprache(n) im Buch wieder und können noch mehr über ihre Sprache oder gegebenenfalls die eigene Kultur erzählen. Falls die eigene Sprache nicht vertreten ist, kann nach einem eigenen total verrückten Wort gesucht werden. Im Zuge dessen lässt sich ebenso in der deutschen wie in anderen Sprachen oder Dialekten nach ähnlichen Phänomenen suchen und deren Ursprung oder Bedeutung enträtseln. Durch die eher ungewöhnlichen Wörter und die verschiedenen Sprachen kann man mit Kindern über Sprache ins Gespräch kommen und Bedeutung und Entstehung von Wörtern hinterfragen. Dabei hält das Buch Onomatopoetika wie „Gobbledygook“ oder Komposita wie „Verschlimmbesserung“ bereit, die einen spielerischen Einstieg für das Experimentieren und Untersuchen von Sprache darstellt. Dementsprechend kann die eigene Sprachreflexion vorangetrieben sowie gleichzeitig eine mehrsprachige Bewusstheit sowie die metasprachlichen Kompetenzen erweitert werden. Ein anderer Ansatz wäre einzelne Wörter eventuell sogar auch künstlerisch oder in Form von Standbildern, Pantomimen oder szenischem Spiel darzustellen. Durch die unterschiedlichen Wörter können so verschiedene Herausforderungen entstehen, die es künstlerisch oder ästhetisch umzusetzen gilt. Neben diesen sehr spezifischen Vorschlägen eignet sich das Buch vor allem für Kinder zum Stöbern oder Diskutieren oder als alternativer Morgenkreiseinstieg. Kinder dürfen Vermutungen äußern, im Anschluss erörtern und bekommen darüber hinaus einen etwas „verrückten“ Einblick in eine andere Kultur und Sprache. 

 

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: 360 Grad Verlag

ISBN: 978-3-96185-008-2

 

Buch des Monats (März 2019):
Der Lorax von Theodor Seuss Geisler (Didaktische Rezension von Celina und Laura (14 Jahre alt) im Rahmen des "Kids Day") 

Während unseres Kid`s Days in der Bilderbuchbibliothek haben wir dieses Buch als Buch des Monats ausgewählt, da es darin um Umweltprobleme geht, auf die im Moment viele Jugendliche und auch Kinder bei den Fridays for future Demonstrationen aufmerksam machen. Die Originalausgabe von Dr. Seuss erschien im Jahr 1971 und wurde 2012 von Nadia Budde anlässlich der Kinoverfilmung neu übersetzt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Streit um Zerstörung vs. Schutz der Natur am Beispiel von sogenannten Truffelabäumen. Diese werden vom Einstler gefällt und können vom Lorax trotz aller Bemühungen nicht gerettet werden. Somit zeigt dieses Buch, dass das Problem der übermäßigen Abholzung nicht so neu ist, wie es uns manchmal erscheint, sondern auch schon im Jahr 1971 kritisiert wurde und bereits damals hätte gestoppt werden müssen.

 Das Buch ist also nach wie vor sehr aktuell und macht Kinder darauf aufmerksam, dass auch sie etwas für die Natur tun können. Denn am Anfang begibt sich ein Kind auf die Suche nach dem Lorax, der gemeinsam mit den Trüffelabäumen verschwunden ist und am Ende fängt dieses Kind vom Einstler den letzten Trüffelasamen auf. Die Botschaft: „Es sei denn jemand so wie du, kümmert sich darum und sieht zu. Denn sonst, das garantier ich dir, wird niemals etwas besser hier.“ richtet sich auf den ersten Blick an das Kind im Buch lässt sich auf den zweiten Blick aber auch auf die Leser*innen beziehen. Wir finden das Buch sehr gut, da es spannend erzählt ist und eine wichtige Message hat, die die Kinder durch die Geschichte, die vielen comicähnlichen Bilder und die einprägsamen Reime leicht verstehen können. Es ist wichtig, dass Umweltschutz auch schon kleineren Kindern nahe gebracht wird, da sie direkt von den Folgen menschlicher Ressourcenverschwendung betroffen sind und auch etwas dagegen tun müssen. Deswegen empfehlen wir dieses Buch Kindergärten und Grundschulen. Da es in der Geschichte unterschiedliche Perspektiven des „Bösewichts“, des „Umweltschützers“ und der „Opfer“ und damit verbundene gibt, könnte man sie gut als Theaterstück nachspielen. Dabei dürfen die Kinder abwechselnd in die Rolle von Einstler, Lorax, Braunfelliwullis, Schwippschwänen, Summerfischen und der Loraxfamilie schlüpfen, Dialoge frei nachsprechen oder umgestalten und auch den Figuren Text geben, die im Buch keinen haben. Außerdem eignet sich das offene Ende, um mit den Kindern zu überlegen, wie die Geschichte nach der Übergabe des letzten Samens an den Jungen im Buch weitergehen könnte. In diesem Zusammenhang könnten die Kinder dazu angeregt werden, dem Jungen einen Tipp zu geben, indem sie selbst einen Lorax gestalten (Quelle: http://www.supercoloring.com/de/ausmalbilder/lorax) und die Sprechblase ausfüllen. 

 Auch ein Vergleich der Geschichte mit der Realität ist gut geeignet, um die Kinder darauf aufmerksam zu machen, was sie selbst in ihrer Welt tun können, um so eine Zerstörung wie sie im Buch passiert zu verhindern und die Umwelt zu schützen. Dabei ist es interessant, die Kinder zu fragen, was für sie ein „Schnauch“ ist, den „jedermann braucht“, welche Konsequenzen das hat und was man daran verbessern könnte. 

 

Erscheinungsjahr: 2012 [Original 1971]

Verlag: Antje Kunstmann

ISBN: 978-3888977596

 

Buch/Bücher des Monats (Februar 2019):
Nominierungsliste Huckepack-Preis 

Mit Bilderbüchern Kinderseelen zu stärken, mit Geschichten und Bildern Kinder zu tragen, ihnen zu mehr Stärke und Weitsicht zu verhelfen − das sind die Ziele des 2016 in Wetzlar ins Leben gerufenen Bilderbuchpreises HUCKEPACK. Aus 304 im Jahr 2018 eingereichten Bilderbüchern haben es 11 auf die Nominierungsliste geschafft − ergänzt um einen 12., der als „besonderes Bilderbuch“ ebenfalls ausgezeichnet werden soll. (Die Reihenfolge entspricht keiner Wertung):


 

Beatrice Alemagna: Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte. Aus dem Französischen von Anja Kootz. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg, 2018.

 

Ein Tag voller Langeweile … Wie ein Kind hier einen Weg findet, sich auf die Welt einzulassen und den Zauber der Natur um sich herum entdeckt, ist Thema dieses in Erdtönen und kontrastivem Orange gestalteten Bilderbuchs, das ohne pädagogischen Zeigefinger auch die Erwachsenen HUCKEPACK nimmt.





Duncan Beedie: Willibarts Wald.

Aus dem Englischen von Kristina Kreuzer. Bamberg: Magellan, 2018.


Holzfäller Willibart löst Probleme immer erst dann, wenn sie auftauchen. Dass er mit seiner Arbeit den Tieren des Waldes ihr Zuhause nimmt, merkt er erst, als sie vor seiner Hütte auftauchen. Da hat er eine kreative Idee … Ein Bilderbuch um das Thema Nachhaltigkeit, das zeigt, dass auch die Kleinen gehört werden und Großes bewirken können!



 

Astrid Henn: Emil im Schnee.

Ravensburg: Ravensburger Buchverlag, 2018.


Emil möchte nicht in der großen Gruppe rodeln. Lieber bleibt er für sich und erlebt phantasievoll sein ganz eigenes Schneeabenteuer. Ein Bilderbuch, das liebevoll auf die Bedeutung unsichtbarer Gefährten verweist und zeigt, wie man Kinder zu ihrem eigenen Weg in ihrem eigenen Tempo ermutigen kann, ohne sie dabei allein zu lassen.



 

Kerascoët: Mein Weg mit Vanessa.

Hamburg: Aladin, 2018.


Wie ein kleines Mädchen auf Ausgrenzung nicht nur aufmerksam wird, sondern eigenständig einen Weg findet, ihr sehr wirkungsvoll zu begegnen, davon erzählt dieses Bilderbuch ganz ohne Worte. Ein beeindruckender Aufruf zu mehr Achtsamkeit und Zivilcourage.



 

Fifi Kuo: Ich kann fliegen.

Aus dem Englischen von Seraina Maria Sievi. Zürich: orell Füssli, 2018.


„Gib niemals auf!“ - so könnte die Botschaft dieses in Blau- und Grautönen illustrierten Bilderbuchs lauten, in dem sich ein Pinguinkind nichts so sehr wünscht, wie fliegen zu können. Ein starkes Plädoyer dafür, Kinder in ihren Träumen und Möglichkeiten zu bestärken.



 

Meg McKinlay (Text) & Leila Rudge (Illustration): Kleines Nashorn, wo fährst du hin?

Aus dem Englischen von Inge Wehrmann. Stuttgart: Thienemann, 2018.


Ein Nashornleben in Schlamm und Gras - das kleine Nashorn träumt von so viel mehr. Dass es mit seiner Vorstellungskraft zu großen Abenteuern aufbricht und schließlich auch kleinere Nashörner ermutigt, ihren Traum zu leben, zeichnet dieses bestärkende Bilderbuch besonders aus.



 

Nikolaus Ober (Text) & Angela Holzmann (Illustration): Schau mal, was ich kann.

Wien: Picus, 2018.


Was das kleine Känguru alles kann? Was es an Möglichkeiten entdeckt, sich auszuprobieren! Und immer wieder sucht und braucht die Bestätigung und Zuwendung seiner Mama. Ein Bilderbuch, das Kinder liebevoll annimmt und Erwachsene darin bestärkt, immer wieder zu ermutigen.



 

Reynolds, Peter H.: Ramons Atelier. Malen kann jeder.

Aus dem Englischen von Ebi Naumann. Hildesheim: Gerstenberg, 2018.


Weil der Bruder ihn für seine Bilder auslacht, verliert Ramon die Freude am Malen. Es braucht den Blick seiner kleinen Schwester, die das Besondere an Ramons Bildern erkennt, um ihm den Glauben an seine kreative Kraft zurückzugeben. Ein kleinformatiges Bilderbuch mit großer Wirkung.



 

Sarihi, Sepideh (Text) & Julie Völk (Illustration): Meine liebsten Dinge müssen mit.

Weinheim, Basel: Beltz&Gelberg, 2018.


Vor einem Umzug muss das Mädchen entscheiden, welche Dinge es mitnimmt. Doch was macht es mit Freunden, dem netten Busfahrer und all dem, was für den Koffer viel zu groß ist? Eine nachdenklich machende Geschichte um Abschied und Neubeginn, die auf die innere Kraft des Kindes vertraut.



 

Dirk Steinhöfel: Nicht um die Ecke.

Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2018.


Weil es sich nicht an das Verbot der Mutter hält, erlebt das kleine Mädchen im Park ein herrliches Abenteuer, an dessen Ende keine Strafe steht, sondern die Bereitschaft der Mutter, so einen Ausflug am kommenden Tag gemeinsam mit dem Kind zu wiederholen. Ein graphisch starkes Buch, das Erwachsene dazu einlädt, über manche Regeln und das eigene Verhalten nachzudenken.

 

Annemarie van der Eem (Text) & Mark Janssen (Illustration): Ich will einen Löwen!

Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart. Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer, 2018. 


Dem riesigen Wunsch nach einem Löwen als Haustier begegnet die Mutter mit dem Zugeständnis einer winzigen Stabheuschrecke … Das lässt Finn nicht auf sich beruhen, und so beginnt eine farbexplosive Diskussion mit überraschendem Ausgang. Ein augenzwinkerndes Plädoyer für die Diskussion mit Kindern auf Augenhöhe!



 

Ilona Lammertink (Text) & Nynke Talsma (Illustration): Für das Geheimnis bin ich zu klein.

Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp. Hamburg: Ellermann, 2018.


Geheimnisse können spannend und aufregend sein. Aber es gibt auch Geheimnisse, an denen Kinder schwer zu tragen haben. Das Thema Missbrauch wird hier behutsam angesprochen. Das Bilderbuch bestärkt Kinder darin, zwischen schönen und schlimmen Geheimnissen zu unterscheiden und sich einen Ansprechpartner zu suchen, wenn sie sich für die Wahrung eines falschen Geheimnisses zu klein fühlen.

 


Der Gewinner des diesjährigen HUCKEPACK-Bilderbuchpreises wird am 11. Mai 2019 im Rahmen der fachpädagogischen Tagung In Bilderbüchern dem Glück in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar bekanntgegeben.

 

 

Buch des Monats (Januar 2019):
Was WÜRDEst du tun?  von Karin Gruß / Tobias Kejtschi (Didaktische Rezension von Dr. Katrin Alt) 

Die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Nicht nur der Staat ist verpflichtet die Menschenrechte umzusetzen und ihre Einhaltung zu kontrollieren, sondern auch das Volk selbst, so heißt es weiter in Artikel 1 (2): „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt“.

Wie können mit Kindern Themen wie Gerechtigkeit, Gemeinschaft und ein würdevoller Umgang miteinander thematisiert werden, so dass Kinder ihre eigenen Haltungen und Standpunkte entdecken und auch kritisch zu hinterfragen lernen?

Das Bilderbuch „Was WÜRDEst du tun?“ bietet dafür einige Anlässe. So fragt es die Betrachter und Betrachterinnen nach ihrem moralischen Ermessen und ihren (möglichen) Entscheidungen in elf verschiedenen Situationen: Wen würdest du in deine Mannschaft wählen? Was würdest du tun, wenn du siehst, dass ein anderes Kind geärgert wird? Welche Kommentare würdest du auf deinem Handy posten? Was würde dem Obdachlosen Harry helfen?

Die Illustrationen zeigen Szenen, auf die es unterschiedliche Antwortmöglichkeiten gibt und die (glücklicherweise) nicht immer eindeutig zu beantworten sind. Wen würdest du in deine Mannschaft wählen? - Diese Frage lässt sich aus verschiedenen Perspektiven beantworten: Möchte ich mit meiner Mannschaft gewinnen und wähle deshalb die sportlichsten und leistungsstärksten Kinder der Klasse zuerst? Oder ist der Teamgeist, die Gemeinschaft, die Würde des Einzelnen wichtiger und der Sieg tritt daher in den Hintergrund? Eine schwierige Frage, die auch das Nachdenken über Alternativen zur Mannschaftswahl bei der Lehrkraft auslösen wird.

Was das Buch besonders spannend macht, sind die unterschiedlichen „Täter-“ und „Opfer-“ Konstellationen der Geschichte, die zum Wechsel der Perspektiven einladen. Die beiden Mädchen mit den braunen Zöpfen, die eben noch als Letzte schamhaft auf der Turnhallenbank saßen, werden in einer späteren Szene zu „Mobbing-Täterinnen“, die über ein gepostetes Bild einer Klassenkameradin im Internet herziehen. So spannen die Autoren hier jenseits von „gut“ und „böse“ einen kleinen Handlungsbogen, der zeigt:

Der Mensch ist ein Wesen, das geachtet und geschätzt werden möchte aber diesen (hohen) Maßstäben eines würdevollen und achtsamen Umgangs mit Anderen selbst nicht in jeder Situation gerecht wird.

Damit eignet sich dieses Bilderbuch von Gruß und Krejtschi zur Initiierung nachdenklicher, philosophischer Gespräche zum Wert eines würdevollen Miteinanders in unserer Gesellschaft. Sensible Themen wie Armut, Mobbing und Diskriminierung stehen in engem Zusammenhang mit den dargestellten Ausgrenzungen in den vielen kleinen Geschichten innerhalb dieses Bilderbuchs, die durch die Farbgebung unterstützt werden.

Die zentrale Frage des Buches „Was würdest du tun?“ regt neben der inhaltlichen Auseinandersetzung auch den Gebrauch des Konjunktivs bei den Kindern an. In Ergänzung zu dieser Fragestellung können die Kinder auch gefragt werden: Was hättest du in dieser Situation getan/wie hättest du dich verhalten? Das Denken in Möglichkeiten und verschiedenen Varianten regt sprachliche Handlungen bei den Kindern an, die in der Alltagssprache oft keine Verwendung finden. Werden die Kinder im zweiten Schritt auch nach ihren Gründen gefragt: Warum hättest du dich so verhalten?  entwickeln die Kinder ihre Argumentationsfähigkeiten. Sie üben sich darin ihre Meinungen und Haltungen zu begründen, dafür nutzen sie komplexe Konnektoren wie zum Beispiel „weil“, „damit“, „darum“, „deshalb“ und „trotzdem“.

Zu empfehlen ist dieses Bilderbuch von daher für zwei Entwicklungsbereiche: Zum einen unterstützt es Gesprächsfähigkeiten wie das Argumentieren aber auch soziale Kompetenzen wie die Fähigkeiten des Perspektivwechsels werden angeregt. Inhaltlich ist dieses Bilderbuch zudem auch im Bereich der der politischen Bildung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ab 5 Jahren einsetzbar.

 

Erscheinungsjahr: 2017

Verlag: Minedition

ISBN: 978-3865663085

 

Buch des Monats (November 2018): Und was wünschst du dir zu Weihnachten?
Das größte Geschenk der Welt von Dorothée de Monfreid (Didaktische Rezension von Annika Baldaeus)

Diese Frage stellen sich Nono, Zaza und die restliche Hundebande, während sie ein gemütliches Bettenlager vor dem Weihnachtsbaum aufschlagen. In diesem Jahr möchten die Hunde am Weihnachtsmorgen die ersten sein, die ihre Geschenke auspacken. Das Bilderbuch „Das größte Geschenk der Welt“ ist der aktuelle Band einer Serie von Dorothée de Monfreid, in der man die Hundebande bei ihren aufregenden Erlebnissen des Alltags begleiten kann. 

In dieser Weihnachtsepisode gibt es für die Freunde zunächst nur ein Thema: Das perfekte Weihnachtsgeschenk. Je länger die Hunde darüber nachdenken, desto länger wird ihre Wunschliste: ein Feuerwehrauto, eine Schaukel, eine getigerte Katze… „Ich möchte das größte Geschenk der Welt!“ ruft Micha schließlich. Am Weihnachtsmorgen müssen die Freunde jedoch enttäuscht feststellen, dass für sie gar keine Geschenke unter dem Baum liegen. 

Hat der Weihnachtsmann sie vergessen?

Das Geheimnis wird gelüftet, als einer der Hunde vor dem Fenster etwas Großes und Pinkes, mit einer goldenen Schleife drumherum entdeckt. Ein wenig skeptisch betrachten die Freunde das riesige Paket. Ein Geschenk für alle? Das hatte zuvor keiner von ihnen im Sinn gehabt. Doch am Ende siegt die Neugier und gemeinsam machen sie sich daran, das riesige Paket auszupacken. Langsam lüftet sich das Geheimnis und unter dem Papier kommt etwas zum Vorschein, das die Hunde nicht erwartet hatten: ein Geschenk, das alle Wünsche miteinander vereint. 

Die Machart dieses Werks ist, wie auch die zuvor veröffentlichten Bilderbücher dieser Reihe, geprägt durch den Einsatz von Comicelementen. Der Dialog der Hundebande wird beispielsweise über Sprechblasen dargestellt, die in Reihe gebracht wurden, sodass sich der Inhalt über das Lesen von links nach rechts erschließt. Obwohl zu jeder Zeit viele Hunde auf dem Bild zu sehen sind, gibt es, neben dem gemeinsamen Dialog, keine parallel verlaufende Rahmenhandlung. Die Hunde, die nicht aktiv am Gespräch beteiligt sind, hören zu und rücken dabei lediglich ihre Kissen und Decken zurecht. Als weiteres Comicelement werden Lautmalereien eingesetzt, die z.B. die Schnarchgeräusche der Hundebande verdeutlichen. Statt mit den für den Comic typischen Panels arbeitet Monfreid mit einem lange Zeit gleichbleibendem Hintergrundbild, dessen Hintergrundfarbe lediglich den Tageszeiten angepasst wird. Erst mit dem Einsetzen des Höhepunktes in der Geschichte verändert sich die Perspektive auf den Raum und führt aus dem Wohnzimmer hinaus vor das Haus, wo sich dann, über die letzten drei Seiten, die Situation auflöst. 

Dieses Buch eignet sich besonders für das dialogische Lesen, da die Frage Und was wünschst du Dir dieses Jahr zu Weihnachten? einen gelungenen Einstieg für ein Gespräch über den Inhalt bieten kann. 

Fragen wie diese regen Kinder dazu an, den Inhalt des Buches auf Situationen oder Gegenstände außerhalb der Geschichte zu beziehen (Beispiel: Wie feierst Du denn Weihnachten?), weshalb sie als Dekontextualisierungsfragen bezeichnet werden. Sie gehören zu den sprachförderlichen Strategien, die im Rahmen des dialogischen Lesens genutzt werden, um die Sprachproduktion der Kinder anzuregen. Auch Erinnerungsfragen, die Kinder dazu anregen, sich an bestimmte Aspekte einer Geschichte zu erinnern, gehören zu dieser Gruppe von Fragen. Sie können, neben ihrer sprachanregenden Funktion, die Kinder dabei unterstützen sich auf die Details der Geschichte zu fokussieren: Was haben sich die einzelnen Hunde zu Weihnachten gewünscht? Und was davon haben sie am Ende wirklich bekommen? Als Reaktionen auf die Äußerungen der Kinder können dann z.B. semantische und/oder syntaktische Erweiterungen durch die Fachkraft angeboten werden. Diese Modellierungstechnik hat die Funktion, den Kindern einen auf ihre Bedürfnisse angepassten sprachlichen Input anzubieten und kann durch das sprachanregende Potenzial des Buches häufig wiederholt werden. 

 

Fachkraft: Was hat sich Micha gewünscht? 

Kind: Das größte Geschenk!  

Fachkraft: Richtig, er hat sich das größte Geschenk der Welt gewünscht.  

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: Reprodukt Verlag

ISBN: 9783956401596 

 

Buch des Monats (Oktober 2018):
Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladeglas von Øyvind Torseter (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

„Ein außergewöhnlich kunstvolles Bilderbuch, das dem Betrachter einiges abverlangt – ihm aber auch unendlich viel bietet“ (Arbeitskreis für Jugendliteratur 2018), so schließt die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch ihre Begründung des diesjährigen Preisträgers ab. An dieser Stelle lässt sich jedoch nicht nur enden, sondern ebenso gut ansetzen, um die für die Jury entscheidenden und besonderen Merkmale des Bilderbuches herauszustellen und unter die Lupe zu nehmen. In „Der siebente Bruder“ entwirft Øyvind Torseter ein norwegisches Märchen neu, indem er dieses als Graphic Novel inszeniert. Dabei mischt er traditionelle Aspekte des Märchens mit Elementen der Graphic Novel, sodass die angesprochene herausfordernde Vielfalt entsteht. Die Jury bezieht sich in ihrer Begründung unter anderem auf die vielfältige bildnerische Gestaltung und lobt: „Perfekt und gleichzeitig skizzenhaft wirken die in schwarzer Tinte gezeichneten Protagonisten. Torseter reduziert sie auf Konturen und schafft durch Collagen verschiedene Bildebenen, die er ausdrucksvoll in Aquarell-, Acryl- und Pastellfarben koloriert“ (ebd.). Die „verschiedenste[n] lllustrationsstile [führen] zu einem künstlerisch höchst anspruchsvollen, gelungenen Ganzen“ (ebd.).

Neben diesen vielfältigen künstlerischen Stilen überzeugt das Buch ebenso durch den „Wechsel zwischen Panels und ganzseitigen Bildern“ (ebd.), die sich als stark spannungssteigernde Elemente auszeichnen. Die eingangs erwähnte Mischung zwischen Märchen und Graphic Novel wird vielfach spielerisch und kunstvoll aufgelöst. So werden etwa die Zahlensymbolik des Märchens – drei zu bewältigende Aufgaben, sieben Brüder usw. – oder klassische Figuren und Figurenkonstellationen übernommen, jedoch alternativ dargestellt und gestaltet. „Die skurrile Komik der Gestalten spielt mit bekannten Protagonisten aus Märchenwelt und Literatur“ (ebd.), sodass Torseter etwa „dem Unheimlichen [im Märchen] mit seinem witzig und karikaturhaft gezeichneten Helden und dessen sarkastischem Pferd [begegnet]“ (ebd.). Die beschriebenen Elemente tragen dazu bei, dass die Leser*innen permanent mit dem komischen Protagonisten und seinen Begleiter*innen mitfiebern, sie zwischen den Zeilen und Bildern jedoch auch zum Schmunzeln gebracht werden. Dennoch bleibt die Spannung der Geschichte vom Anfang bis zum Ende erhalten.

 

Doch wovon handelt das Märchen überhaupt? – Am Anfang der Geschichte steht eine Märchenbuchseite, die die Ausgangslage schildert: Ein König hat sieben Söhne, von denen sechs prachtvoll in die Welt ziehen, um für sich und den jüngsten daheimgebliebenen Bruder eine Prinzessin zu finden. Als alle eine Prinzessin erobert haben, werden sie auf dem Weg zurück von einem Troll samt ihren Gattinnen versteinert. Darüber ist der König sehr traurig und so will der jüngste Bruder losziehen, um seine Brüder zu befreien. Der Vater lässt ihn nur ungern ziehen, doch zusammen mit einem nervösen Klepper macht er sich auf den Weg. Auf ihrer Reise meistern sie mehrere gefährliche und weniger gefährliche Begegnungen und erfahren schließlich von einem Wolf, wo der Troll zu finden ist und, dass es gilt, das Herz zu zerstören. Heimlich schleicht sich Hans in die Höhle des Trolls und trifft dort eine Prinzessin, die zunächst etwas ernüchtert auf sein Auftauchen reagiert, zusammen mit ihm jedoch den Troll überlistet. Nun liegt es in der Hand des Heldens das Herz zu finden und seine Brüder und die Prinzessin zu befreien....

 

Werden die zum Buch vom Arbeitskreis für Jugendliteratur erstellten didaktischen Materialien betrachtet, so sticht vornehmlich die Aufgabe heraus, innerhalb derer eine Skizze angefertigt werden soll. Die Schüler*innen sollen einzeichnen, wo sich das Trollherz befindet und wie es gesichert ist. Diese Aufgabe regt die Kinder dazu an, sich nach Spinner eigene Vorstellungen zum Text zu machen und diese künstlerisch in ihrer Skizze auszudrücken. Des Weiteren wird das Verständnis für die Handlungslogik gefördert, indem die Schüler*innen sich an die vom Protagonisten erworbenen Gegenstände und Gefallen erinnern müssen, die der Protagonist auf dem Weg zum Trollherz benötigt. Die weiteren Vorschläge des Arbeitskreises für Jugendliteratur fokussieren sich weniger auf die beschriebenen Besonderheiten des Buches und bewegen sich zu weit vom Text weg. Aufgrund dessen wäre es eher interessant, die gestalterischen Elemente der Graphic Novel oder spezifische Märchenmerkmale in den Fokus zu rücken und so nach Spinner prototypische Vorstellungen von Genres und Gattungen zu thematisieren. Ebenso ließen sich beispielsweise andere Märchen mit diesem vergleichen oder andere Figurenperspektiven einnehmen (Prinzessin, Brüder, Klepper, Troll etc.). Außerdem bieten die unterschiedlichen künstlerischen Stile Potenzial für weitere künstlerische Aufgabenstellungen und Anregungen.

 

Sekundärliteratur: 

Arbeitskreis für Jugendliteratur (2018): https://www.jugendliteratur.org/www_global/downloads/praxiskonzepte/DJLP2018_Praxiskonzepte_Bilderbuch.pdf  / http://www.djlp.jugendliteratur.org/preistraeger_bilderbuch-14.html. Zugriff. 11.11.18.

 

Erscheinungsjahr: 2017

Verlag: Gerstenberg Verlag

ISBN: 978-3-8369-5900-1

 

Buch des Monats (September 2018):
Schläfst du? von Dorothée de Monfreid (Didaktische Rezension von Dr. Detta Schütz)

Die acht Hunde Micha, Popow, Jane, Pedro, Omar, Zaza, Nono und Kaki liegen in ihren Etagenbetten und schlafen. Jedes der zwei Betten hat vier Etagen. Popow schnarcht laut und weckt dadurch Nono, dem über ihm schläft. Nono macht sein Licht an und weckt Micha: "Micha, schläfst Du?"  Er klettert aus seinem Bett, läuft hinüber zum anderen Etagenbett und klettert bis ganz oben zu Micha, der ihm nun etwas vorliest.

In der Zwischenzeit werden nacheinander alle Hunde bis auf Popow wach. Pedro möchte ein Kuscheltier ausleihen, Zaza möchte weiter oben schlafen, Kaki möchte etwas trinken und Omar möchte wissen, was denn eigentlich alle anderen gerade tun. Schließlich klettern sie alle mit zu Micha ins Bett, der ihnen eine Geschichte vorliest. Darüber schlafen alle aneinander gekuschelt wieder ein.

Als Popow am Ende der Geschichte aufwacht, die Gardinen aufzieht und all die leeren Betten sieht, wundert er sich: "Na, aber... Wo sind denn alle hin?"

Schläfst Du? greift ein Thema auf, das jedes Kind kennt: Ich kann nicht (wieder) einschlafen. Es werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, was man in diesen Momenten tun kann: Ein Buch lesen, etwas trinken, einen anderen Schlafplatz aufsuchen, ein Kuscheltier in den Arm nehmen oder sich zu jemand anderem ins Bett kuscheln.

Die gesamte Geschichte spielt sich in den beiden vierstöckigen Etagenbetten ab und die einzigen Veränderungen der Bilder bestehen darin, dass sieben Hunde (alle außer Micha) ihre Position verändern. So entstehen mehrere parallele Erzählstränge und es bietet sich die Möglichkeit nachzuverfolgen, was die einzelnen Hunde tun: In welchem Bett sie aufwachen, welches Problem sie haben, was sie dagegen tun und wie sie am Ende in Michas Bett landen.

Vorleser*innen können dabei den Kindern viel Raum zum Erzählen geben, das Gespräch durch Fragen am Laufen halten und die Sprachentwicklung der Kinder durch Modellierungstechniken fördern. Die Kinder können zudem dazu angeleitet werden, einzelne Erzählstränge der Geschichte nachzuerzählen. Die Erwachsenen können die Kinder dabei durch gezielte Fragen unterstützen, z. B.: Warum wird Kaki wach? Was möchte Kaki tun? Was fragt er Zaza? Warum klettert Kaki in Michas Bett? Warum schläft er wieder ein? Wenn die Kinder sprachliche Fehler machen, kann man die Äußerung des Kindes aufgreifen, inhaltlich passend darauf reagieren und es korrigiert wiederholen.

 

Erscheinungsjahr: 2017

Verlag: Reprodukt Verlag

ISBN: 978-3956401381   

 

Buch des Monats (August 2018):
Krokodrillo von Giovanna Zoboli / Mariachiara di Giorgio (Didaktische Rezension von Dr. Detta Schütz) 

Krokodrillo ist ein anspruchsvolles textfreies Bilderbuch voller Überraschungen und spannender Details. Es befinden sich unterschiedlich viele Abbildungen auf den einzelnen Seiten. Einige Zeichnungen sind recht klein und es sind bis zu fünf Bilder auf einer einzelnen Seite angeordnet. Andere Illustrationen erstrecken sich über eine ganze Doppelseite. Wir begleiten ein Krokodil, das sich wie ein Mensch verhält, einen ganzen Morgen über: Die Geschichte beginnt, als das Krokodil noch träumend im Bett liegt. Der Wecker klingelt und es wird nun jede einzelne Aktivität des Krokodils gezeigt: Aufstehen, Toilettengang, Zähneputzen, Krawattenwahl, Frühstück...

 

Das Krokodil verlässt das Haus und legt einen längeren Weg zurück, unter anderem mit der U-Bahn. Dabei interagiert es selten mit den vielen Personen, von denen es umgeben ist. Die Anonymität der Großstadt beherrscht die Atmosphäre des Buches. Für Kinder, die nicht in einer größeren Stadt leben, sind viele der abgebildeten Dinge sicherlich nicht vertraut und können besprochen werden. Kennst du die U-Bahn? Bist du selbst schon einmal damit gefahren? Warum reden die Menschen, die sich in den Straßen und der U-Bahn begegnen, nicht miteinander? Welche Transportmittel gibt es noch in der Stadt?

 

Besonders spannend ist, dass auf mehreren Zeichnungen andere Tiere zu entdecken sind, die sich – ebenso wie unser Krokodil – wie Menschen kleiden und verhalten. Sie scheinen einfach zur Gesellschaft dazuzugehören. Umso überraschender ist das Ende des Buches, an dem das Krokodil seine Arbeitsstelle erreicht. Raten Sie mal, wo das Krokodil arbeitet und was es dort tut?

 

Das Bilderbuch Krokodrillo ist aufgrund des anspruchsvollen Handlungsverlaufs und der detaillierten Bilder eher für sprachlich gut entwickelte Kinder zu empfehlen Es eignet sich sehr gut zur dialogischen Bilderbuchbetrachtung und bietet viele Erzählanlässe. Zu einzelnen Bildern kann auch mit Kindern, die am Anfang ihrer Erzählfähigkeit stehen, ein Gespräch initiiert werden. Indem die Erzählung von einer erwachsenen Person eingeleitet wird (beispielsweise mit den Worten: Es war einmal ein Krokodil...) und die Kinder dazu aufgefordert werden, die Geschichte fortzusetzen, kann die Vergangenheitsform Präteritum geübt werden. Wenn die Kinder diese Vergangenheitsform noch nicht beherrschen, kann die erwachsene Person unterstützen und das Präteritum immer wieder als korrektives Feedback anbieten.

 

Kind: Das Krokodil ist aufgewacht.

Vorleser*in: Genau, das Krokodil wachte auf. Und was tat es dann?

 

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: Bohem Press

ISBN: 978-3-95939-056-9 

 

Buch des Monats (Juli 2018):
Das Spiel von Jean Baptiste, Jacqueline Alcántara (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

Was braucht man zum Fußballspielen? Mitspieler*innen, einen Ball, ein Feld zum Spielen, zwei Tore und im besten Fall noch eine*n Schiedsrichter*in. All das wird am Anfang des Bilderbuches "Das Spiel" von der Hauptfigur in kürzester Zeit organisiert. Zuerst werden die Freunde abgeholt. Vini! Kommt! Das Feld ruft. Dann geht es weiter. Ball. Schuhe. Tor. Es werden Mannschaften eingeteilt und die Kühe von der Weide gescheucht. "Shoo! Weg da! Dann geht es los ...Annou alé!"

Zusammen mit den unterschiedlichen Figuren tauchen wir mitten in ein Fußballspiel ein und erleben das Geschehen auf der Wiese live mit. Pass! Schieß! Knapp! Als es danach anfängt zu regnen, steht das Spiel schon auf der Kippe, aber... Weiterspielen! Nur die vermehrten Rufe der Mütter: Vini abwezan! Komm sofort!, können das Spiel am Abend schließlich stoppen. Es bleiben: Klatschnasse Schuhe. Schmutzige Hemden. Verdreckte Kinder. Zerwühltes Feld. Als die Kinder nach dem Baden zu Hause in ihr Bett fallen, wird in der Nacht vom Futbol geträumt bis am nächsten Tag das Feld wieder ruft und das Spiel von Neuem beginnt.

Das Spiel beschreibt die Faszination für den Sport Fußball und den Wunsch am liebsten den ganzen Tag draußen mit den Freunden zu spielen und Probleme und Herausforderungen des Alltags zu vergessen. Dabei zieht das Bilderbuch die Leser*innen in den Bann, indem die Handlung vor allem über farbenfrohe und dynamische Illustrationen erzählt wird, die die Bewegungen beim Fußball in gelungener Art und Weise abbilden. Begleitend nutzt das Buch kurze einfache Sätze auf Kreol und Deutsch, die es den Lesern*Leserinnen ermöglichen, mit dem Spiel und dem Geschehen mitzufiebern. Fußballbegeisterte und weniger Fußballbegeisterte können somit leicht einen Zugang zum Buch finden und ohne große Sprachkenntnisse die Geschichte verfolgen. Dadurch wird ein problemloser Übergang von der Handlung zu den Erfahrungen und (mehrsprachigen) Fußballbegriffen der Kinder möglich, der mithilfe eines deutsch-kreolischen Glossars am Ende des Buches unterstützt wird.

Im Anschluss an die Geschichte lässt sich zusammen mit den Kindern über schwierige (Fußball-) Begriffe sprechen und mehrsprachige Wörter lernen. Eventuell können mehrsprachig aufwachsende Kinder eigene Wörter einbringen oder man kann gemeinsam bestimmte Ausrufe in andere Sprachen übersetzen. Anschließend bietet es sich an Fußball zu spielen und dabei erlernte (mehrsprachige) Fußballbegriffe zu verwenden.

In einem anschließenden Gespräch lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Fußballspiels in der Welt besprechen. Der Autor, Jean Baptiste, beschreibt in einer Anmerkung am Ende der Geschichte seine Kindheit auf der karibischen Insel Saint Lucia ohne Elektrizität, fließendes Wasser und viele Spielsachen in der der Fußball eine zentral Beschäftigung darstellt, die nach wie vor Freude auslöst und alles andere Drumherum vergessen macht. 

 

Erscheinungsjahr: 2018

Verlag: NordSüd Verlag

ISBN: 978-3314104343  

 

Buch des Monats (Juni 2018):
Ein roter Schuh von Karin Gruß und Tobias Krejtschi (Didaktische Rezension von Elisa Hollerweger)

Drei Jungen, die zwischen zertrümmerten Häusern Basketball spielen, ein Stacheldrahtzaun, an dem ein roter Schuh baumelt und ein weiterer Junge, der der Szenerie mit einem Ball unter dem Arm den Rücken kehrt: dieses Setting auf dem Buchdeckel bildet den materiellen Rahmen der Geschichte und bringt zugleich die Ambivalenz auf den Punkt, die ihr zugrunde liegt. Denn inmitten von Zerstörung und Gewalt weiterzumachen, nach vorne zu schauen und sich auf sinnstiftende Details zu fokussieren, ist auch die tägliche Herausforderung des Protagonisten, der als Kriegsfotograf für die Zeitung den Nahostkonflikt dokumentiert. Welche Auswirkungen eine solche Tätigkeit auf Leben und Psyche der Betroffenen haben kann, war eine der zentralen Fragen, der Illustrator Tobias Krejtschi in seiner Recherche nachgegangen ist, um seinen Stil für den künstlerischen Umgang mit Karin Gruß` Text zu finden. Im Rahmen der Bremer Bilderbuchdialoge hat er am 5.6.18 im Kulturzentrum Kubo Entstehungshintergründe und Überlegungen zu dem Buch erläutert und das Publikum mit auf die Reise genommen – auf die Reise hinter die Kulissen seines Ateliers und auf die Reise in die Geschichte.

 

Ausgangspunkt der Handlung ist ein Anruf, der den Ich-Erzähler an seinen nächsten Einsatzort ruft; eine Klinik, in die nach einem Angriff auf einen Schulbus verletzte Kinder eingeliefert werden. Bei dem Versuch, an Hintergrundinformationen und Bilder zu den Opfern zu gelangen, richtet sich die Aufmerksamkeit des Fotografen vor allem auf „einen Jungen in Jeans und T-Shirt, der vor mir auf einer Trage lag. Am linken Fuß trug er einen roten Basketballschuh. Genau solche Schuhe hatte ich meinem Neffen zu seinem achten Geburtstag geschenkt.“ Mit dieser Erkenntnis verschwimmen zunehmend die Grenzen seiner Wahrnehmung. Denn obwohl er nach wie vor darum bemüht ist, an seiner Arbeitsroutine festzuhalten und seine Professionalität zu wahren, suchen sich seine Gedanken Fluchtpunkte in der vergleichsweise heilen Welt seines Neffen sowie in seiner Phantasie. Der titelgebende Schuh wird damit zu einem irritierenden Bindeglied zwischen zwei weit voneinander entfernten Kindheiten, zwischen Sportwettkampf und Überlebenskampf.

 

Diese Bedeutung des Schuhs als zentrale Metapher ist auch auf Bildebene eindrucksvoll umgesetzt, denn sein Rot sticht durchweg aus den in Grautönen gehaltenen Szenerien heraus. Einzige Ausnahme bildet die Vision des Fotografen, die auf einer Doppelseite farbig ausgestaltet wird. Die Entscheidung für die reduzierte Colorierung hat Krejtschi relativ früh getroffen und trotz der vorherrschenden Marktmechanismen nicht in Frage gestellt: „Das Buch verkauft sich schlecht, aber darum geht es auch nicht immer.“ So rücken statt bunter Farben eher Formen, Schatten, Größenverhältnisse und Mimik der Figuren in den Fokus. Den künstlerischen Prozess hat Krejtschi kleinschrittig am Beispiel des Vorsatzblattes veranschaulicht, das die emotionale Belastung des Bildjournalisten durch seine abgewandte gebückte Körperhaltung und den angedeuteten Alkohol- und Zigarettenkonsum atmosphärisch dicht in Szene setzt. Die Omnipräsenz der Zeitung als Arbeitsumfeld und Zielmedium unterstreicht Krejtschi, indem er Zeitungspapier als Gestaltungselement und Bildgrundlage nutzt, das immer wieder durchschimmert.

 

Von außen wird der Protagonist nur auf den ersten und letzten beiden Doppelseiten dargestellt, ansonsten folgt man seinem Blick und nimmt das Geschehen dadurch letztlich mit seinen Augen bzw. durch seine Kamera wahr. Dieses Changieren zwischen den Perspektiven, das Erkennen des Eigenen im Fremden sowie die Konfrontation von Wunsch und Wirklichkeit machen den ästhetischen Reiz des Buches aus und bieten vielschichtige Möglichkeiten, Figurenverstehen und Empathiebildung zu fördern. Diese Intention verfolgt auch Krejtschi, wenn er mit dem Buch an Schulen unterwegs ist und sein Publikum zunächst Assoziationen zu Cover und Vorsatzblatt sammeln lässt, bevor er mit ihm in die Geschichte eintaucht. Damit schlägt er die Brücke in eine Welt, aus der es für viele keinen Ausweg und keine Fluchtoption gibt und in der es nur darauf ankommt, unter gegebenen Umständen bestmöglich zu leben. Diese realistische Konsequenz zeichnet das Werk auch innerhalb der aktuellen Bilderbuchlandschaft besonders aus, setzt wichtige Impulse für weiterführende Diskussionen – wie sich nach Krejtschis Vortrag auch im Kubo gezeigt hat – und verdient nicht zuletzt in der didaktischen Umsetzung eine noch breitere Resonanz.

 

Erscheinungsjahr: 2013

Verlag: Boje Verlag

ISBN: 978-3414823410

 

Buch des Monats (Mai 2018):
Anton auf dem Baum von Michael Wrede (Didaktische Rezension von Mats Pieper)

Du darfst nicht mitspielen!, Dafür bist du noch zu klein!, Du kannst nur mitspielen, wenn... - sowas hat sicher jedes Kind schon einmal gehört und war darüber verärgert oder verletzt. Das Bilderbuch Anton auf dem Baum erzählt mithilfe warmer Illustrationen und kurzer Dialoge die Geschichte von Anton, der gerne mitspielen möchte, aber immer abgewiesen wird, bis er am Ende für seine Ausdauer belohnt wird....  

 Zu Beginn der Geschichte, am Montag, erfahren wir alles über Anton. Wir erfahren, dass Anton in Hausnummer 2 wohnt, gerne bastelt, kocht oder isst und einiges mehr. Von da an fiebern wir in kurzen täglichen Episoden mit Anton mit. Denn Anton würde gerne mitspielen, sei es bei den Vögeln, den Mäusen, den Fröschen oder den Igeln, aber alle Tiere haben etwas dagegen und denken sich Regeln aus, weshalb Anton nicht mitspielen darf. Anton gibt jedoch nicht auf und hat kreative Lösungen für die Regeln der Tiere parat und antwortet stets nur: "Ich komme gleich wieder!" Dann bastelt er sich einen Schwanz, Federn und Stacheln oder holt seine Taucherausrüstung, doch jedes Mal, wenn er zurückkommt, ist es zu spät, bis er am Samstag den Waschbären trifft.

 Anton: "Was machst du da?"

Waschbär: "Ich baue eine Schaukel."

Anton: "Kann ich mitmachen?"

Waschbär: "Das wäre toll!"

Zusammen bauen beide eine Schaukel für den Baum. Als kurz darauf die anderen Tiere auf den Baum wollen, ist das für Anton kein Problem, denn auf dem Baum ist Platz für alle. Am Sonntag malt Anton mit dem Waschbären ein großes Bild, auf dem beide malen können, was sie wollen.

Die innovative dramenähnliche Gestaltung des Bilderbuches mit verteilten Sprecherrollen, kurzen einfachen Dialogen und dem ausdauernden Helden Anton lädt dazu ein, gemeinsam das Bilderbuch zu betrachten und über die Erlebnisse von Anton und eigene Erfahrungen der Kinder ins Gespräch zu kommen. Die realitätsnahen Situationen und leichtverständlichen Dialoge helfen Kindern dabei, sich mit den Erlebnissen Antons auseinanderzusetzen. Innerhalb eines Gesprächskreises könnten folgende Impulse gegeben werden:

- Wem ist es auch schon einmal so gegangen wie Anton? Wie hast du dich gefühlt? Was hast du gemacht?

- Die anderen Tiere lassen Anton nicht mitspielen? Was denkst du, warum machen Sie das?

- Anton fragt die anderen Tiere immer wieder neu, ob er mitspielen kann. Was hättest du gemacht?

- Am Ende lässt Anton die anderen Tiere mitspielen. Hättest du das auch so gemacht?

Anton auf dem Baum bringt die Problematik des Ausgeschlossenseins in einfacher und ansprechender Weise mithilfe einer außergewöhnlichen Gestaltung auf den Punkt und bietet Anknüpfungspunkte für das gemeinsame Gespräch über diese schwierige kindheitstypische Situation. Neben einem gemeinsamen Gespräch bietet es sich ebenso an Rollenspiele, selbstgestaltete Theaterstücke oder Erzählsituationen (z.B. mit einem Kamishibai) zu initiieren. 

 

Erscheinungsjahr: 2017

Verlag: minedition

ISBN: 978-3-86566-315-3 

 

Öffnungszeiten Bilderbuchbibliothek

Im Wintersemester 2021/2022 gibt es folgende Öffnungszeiten: 

Montag: 9-11 Uhr

Dienstag 9-11 Uhr

Mittwoch: 15-17 Uhr

Donnerstag: 15-17 Uhr

Derzeit ist es auch wieder möglich im Rahmen der 3G-Regel die Bücher persönlich abzugeben oder sich diese auszuleihen. Falls euch dies nicht möglich ist, ruft bitte die untenstehende Nummer an. Dann kommen wir in den Innenhof des GW2s und machen dort eine Bücherübergabe.

Unseren Bücherbestand findet ihr in unserem Onlinekatalog (hier).

Innerhalb der Uhrzeiten erreicht ihr uns auch telefonisch unter 0421/21869430.

Falls Ihr andere Fragen habt, schreibt gerne eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Die Öffnungszeiten können je nach aktuellen Einschränkungen durch die Pandemie und die Univerordnungen abweichen.  

 

Der HUCKEPACK-Preis

Heute schon ein Bilderbuch vorgelesen? Heute schon ein Kind gestärkt? HUCKEPACK zeichnet Bilderbücher aus, die das Potential haben, Kinder emotional zu stärken. Der HUCKEPACK-Bilderbuchpreis ist in dieser Form einmalig in Deutschland.

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