Die didaktischen Rezensionen werden regelmäßig von verschiedenen Teammitgliedern aus dem Bereich Deutschdidaktik verfasst. Sie analysieren jeweils ein ausgewähltes Bilderbuch hinsichtlich seines inhaltlichen Kerns sowie mit Blick auf einen geeigneten Einsatz in der Praxis.

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Buch des Monats (Juli 2018): Das Spiel von Jean Baptiste, Jacqueline Alcántara (didaktische Rezension von Mats Pieper)

Was braucht man zum Fußballspielen? Mitspieler*innen, einen Ball, ein Feld zum Spielen, zwei Tore und im besten Fall noch eine*n Schiedsrichter*in. All das wird am Anfang des Bilderbuches Das Spiel von der Hauptfigur in kürzester Zeit organisiert. Zuerst werden die Freunde abgeholt. Vini! Kommt! Das Feld ruft. Dann geht es weiter. Ball. Schuhe. Tor. Es werden Mannschaften eingeteilt und die Kühe von der Weide gescheucht. Shoo! Weg da! Dann geht es los ...Annou alé!

Zusammen mit den unterschiedlichen Figuren tauchen wir mitten in ein Fußballspiel ein und erleben das Geschehen auf der Wiese live mit. Pass! Schieß! Knapp! Als es danach anfängt zu regnen, steht das Spiel schon auf der Kippe, aber... Weiterspielen! Nur die vermehrten Rufe der Mütter: Vini abwezan! Komm sofort!, können das Spiel am Abend schließlich stoppen. Es bleiben: Klatschnasse Schuhe. Schmutzige Hemden. Verdreckte Kinder. Zerwühltes Feld. Als die Kinder nach dem Baden zu Hause in ihr Bett fallen, wird in der Nacht vom Futbol geträumt bis am nächsten Tag das Feld wieder ruft und das Spiel von Neuem beginnt.

Das Spiel beschreibt die Faszination für den Sport Fußball und den Wunsch am liebsten den ganzen Tag draußen mit den Freunden zu spielen und Probleme und Herausforderungen des Alltags zu vergessen. Dabei zieht das Bilderbuch die Leser*innen in den Bann, indem die Handlung vor allem über farbenfrohe und dynamische Illustrationen erzählt wird, die die Bewegungen beim Fußball in gelungener Art und Weise abbilden. Begleitend nutzt das Buch kurze einfache Sätze auf Kreol und Deutsch, die es den Lesern*Leserinnen ermöglichen, mit dem Spiel und dem Geschehen mitzufiebern. Fußballbegeisterte und weniger Fußballbegeisterte können somit leicht einen Zugang zum Buch finden und ohne große Sprachkenntnisse die Geschichte verfolgen. Dadurch wird ein problemloser Übergang von der Handlung zu den Erfahrungen und (mehrsprachigen) Fußballbegriffen der Kinder möglich, der mithilfe eines deutsch-kreolischen Glossars am Ende des Buches unterstützt wird.

Im Anschluss an die Geschichte lässt sich zusammen mit den Kindern über schwierige (Fußball-) Begriffe sprechen und mehrsprachige Wörter lernen. Eventuell können mehrsprachig aufwachsende Kinder eigene Wörter einbringen oder man kann gemeinsam bestimmte Ausrufe in andere Sprachen übersetzen. Anschließend bietet es sich an Fußball zu spielen und dabei erlernte (mehrsprachige) Fußballbegriffe zu verwenden.

In einem anschließenden Gespräch lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Fußballspiels in der Welt besprechen. Der Autor, Jean Baptiste, beschreibt in einer Anmerkung am Ende der Geschichte seine Kindheit auf der karibischen Insel Saint Lucia ohne Elektrizität, fließendes Wasser und viele Spielsachen in der der Fußball eine zentral Beschäftigung darstellt, die nach wie vor Freude auslöst und alles andere Drumherum vergessen macht.

 

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Buch des Monats (Juni 2018): Ein roter Schuh von Karin Gruß / Tobias Krejtschi (didaktische Rezension von Dr. Elisabeth Hollerweger)

Drei Jungen, die zwischen zertrümmerten Häusern Basketball spielen, ein Stacheldrahtzaun, an dem ein roter Schuh baumelt und ein weiterer Junge, der der Szenerie mit einem Ball unter dem Arm den Rücken kehrt: dieses Setting auf dem Buchdeckel bildet den materiellen Rahmen der Geschichte und bringt zugleich die Ambivalenz auf den Punkt, die ihr zugrunde liegt. Denn inmitten von Zerstörung und Gewalt weiterzumachen, nach vorne zu schauen und sich auf sinnstiftende Details zu fokussieren, ist auch die tägliche Herausforderung des Protagonisten, der als Kriegsfotograf für die Zeitung den Nahostkonflikt dokumentiert. Welche Auswirkungen eine solche Tätigkeit auf Leben und Psyche der Betroffenen haben kann, war eine der zentralen Fragen, der Illustrator Tobias Krejtschi in seiner Recherche nachgegangen ist, um seinen Stil für den künstlerischen Umgang mit Karin Gruß` Text zu finden. Im Rahmen der Bremer Bilderbuchdialoge hat er am 5.6.18 im Kulturzentrum Kubo Entstehungshintergründe und Überlegungen zu dem Buch erläutert und das Publikum mit auf die Reise genommen – auf die Reise hinter die Kulissen seines Ateliers und auf die Reise in die Geschichte.


Ausgangspunkt der Handlung ist ein Anruf, der den Ich-Erzähler an seinen nächsten Einsatzort ruft; eine Klinik, in die nach einem Angriff auf einen Schulbus verletzte Kinder eingeliefert werden. Bei dem Versuch, an Hintergrundinformationen und Bilder zu den Opfern zu gelangen, richtet sich die Aufmerksamkeit des Fotografen vor allem auf „einen Jungen in Jeans und T-Shirt, der vor mir auf einer Trage lag. Am linken Fuß trug er einen roten Basketballschuh. Genau solche Schuhe hatte ich meinem Neffen zu seinem achten Geburtstag geschenkt.“ Mit dieser Erkenntnis verschwimmen zunehmend die Grenzen seiner Wahrnehmung. Denn obwohl er nach wie vor darum bemüht ist, an seiner Arbeitsroutine festzuhalten und seine Professionalität zu wahren, suchen sich seine Gedanken Fluchtpunkte in der vergleichsweise heilen Welt seines Neffen sowie in seiner Phantasie. Der titelgebende Schuh wird damit zu einem irritierenden Bindeglied zwischen zwei weit voneinander entfernten Kindheiten, zwischen Sportwettkampf und Überlebenskampf.


Diese Bedeutung des Schuhs als zentrale Metapher ist auch auf Bildebene eindrucksvoll umgesetzt, denn sein Rot sticht durchweg aus den in Grautönen gehaltenen Szenerien heraus. Einzige Ausnahme bildet die Vision des Fotografen, die auf einer Doppelseite farbig ausgestaltet wird. Die Entscheidung für die reduzierte Colorierung hat Krejtschi relativ früh getroffen und trotz der vorherrschenden Marktmechanismen nicht in Frage gestellt: „Das Buch verkauft sich schlecht, aber darum geht es auch nicht immer.“ So rücken statt bunter Farben eher Formen, Schatten, Größenverhältnisse und Mimik der Figuren in den Fokus. Den künstlerischen Prozess hat Krejtschi kleinschrittig am Beispiel des Vorsatzblattes veranschaulicht, das die emotionale Belastung des Bildjournalisten durch seine abgewandte gebückte Körperhaltung und den angedeuteten Alkohol- und Zigarettenkonsum atmosphärisch dicht in Szene setzt. Die Omnipräsenz der Zeitung als Arbeitsumfeld und Zielmedium unterstreicht Krejtschi, indem er Zeitungspapier als Gestaltungselement und Bildgrundlage nutzt, das immer wieder durchschimmert.


Von außen wird der Protagonist nur auf den ersten und letzten beiden Doppelseiten dargestellt, ansonsten folgt man seinem Blick und nimmt das Geschehen dadurch letztlich mit seinen Augen bzw. durch seine Kamera wahr. Dieses Changieren zwischen den Perspektiven, das Erkennen des Eigenen im Fremden sowie die Konfrontation von Wunsch und Wirklichkeit machen den ästhetischen Reiz des Buches aus und bieten vielschichtige Möglichkeiten, Figurenverstehen und Empathiebildung zu fördern. Diese Intention verfolgt auch Krejtschi, wenn er mit dem Buch an Schulen unterwegs ist und sein Publikum zunächst Assoziationen zu Cover und Vorsatzblatt sammeln lässt, bevor er mit ihm in die Geschichte eintaucht. Damit schlägt er die Brücke in eine Welt, aus der es für viele keinen Ausweg und keine Fluchtoption gibt und in der es nur darauf ankommt, unter gegebenen Umständen bestmöglich zu leben. Diese realistische Konsequenz zeichnet das Werk auch innerhalb der aktuellen Bilderbuchlandschaft besonders aus, setzt wichtige Impulse für weiterführende Diskussionen – wie sich nach Krejtschis Vortrag auch im Kubo gezeigt hat – und verdient nicht zuletzt in der didaktischen Umsetzung eine noch breitere Resonanz.

 

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Buch des Monats (Mai 2018): Anton auf dem Baum von Michael Wrede, Bargteheide 2017 (Michael Neugebauer Edition GmbH), didaktische Rezension von Mats Pieper

Du darfst nicht mitspielen!, Dafür bist du noch zu klein!, Du kannst nur mitspielen, wenn... - sowas hat sicher jedes Kind schon einmal gehört und war darüber verärgert oder verletzt. Das Bilderbuch Anton auf dem Baum erzählt mithilfe warmer Illustrationen und kurzer Dialoge die Geschichte von Anton, der gerne mitspielen möchte, aber immer abgewiesen wird, bis er am Ende für seine Ausdauer belohnt wird.... 

Zu Beginn der Geschichte, am Montag, erfahren wir alles über Anton. Wir erfahren, dass Anton in Hausnummer 2 wohnt, gerne bastelt, kocht oder isst und einiges mehr. Von da an fiebern wir in kurzen täglichen Episoden mit Anton mit. Denn Anton würde gerne mitspielen, sei es bei den Vögeln, den Mäusen, den Fröschen oder den Igeln, aber alle Tiere haben etwas dagegen und denken sich Regeln aus, weshalb Anton nicht mitspielen darf. Anton gibt jedoch nicht auf und hat kreative Lösungen für die Regeln der Tiere parat und antwortet stets nur: Ich komme gleich wieder! Dann bastelt er sich einen Schwanz, Federn und Stacheln oder holt seine Taucherausrüstung, doch jedes Mal, wenn er zurückkommt, ist es zu spät, bis er am Samstag den Waschbären trifft.

Anton: Was machst du da?
Waschbär: Ich baue eine Schaukel.
Anton: Kann ich mitmachen?
Waschbär: Das wäre toll!

Zusammen bauen beide eine Schaukel für den Baum. Als kurz darauf die anderen Tiere auf den Baum wollen, ist das für Anton kein Problem, denn auf dem Baum ist Platz für alle. Am Sonntag malt Anton mit dem Waschbären ein großes Bild, auf dem beide malen können, was sie wollen.

Die innovative dramenähnliche Gestaltung des Bilderbuches mit verteilten Sprecherrollen, kurzen einfachen Dialogen und dem ausdauernden Helden Anton lädt dazu ein, gemeinsam das Bilderbuch zu betrachten und über die Erlebnisse von Anton und eigene Erfahrungen der Kinder ins Gespräch zu kommen. Die realitätsnahen Situationen und leichtverständlichen Dialoge helfen Kindern dabei, sich mit den Erlebnissen Antons auseinanderzusetzen. Innerhalb eines Gesprächskreises könnten folgende Impulse gegeben werden:

- Wem ist es auch schon einmal so gegangen wie Anton? Wie hast du dich gefühlt? Was hast du gemacht?
- Die anderen Tiere lassen Anton nicht mitspielen? Was denkst du, warum machen Sie das?
- Anton fragt die anderen Tiere immer wieder neu, ob er mitspielen kann. Was hättest du gemacht?
- Am Ende lässt Anton die anderen Tiere mitspielen. Hättest du das auch so gemacht?

Anton auf dem Baum bringt die Problematik des Ausgeschlossenseins in einfacher und ansprechender Weise mithilfe einer außergewöhnlichen Gestaltung auf den Punkt und bietet Anknüpfungspunkte für das gemeinsame Gespräch über diese schwierige kindheitstypische Situation. Neben einem gemeinsamen Gespräch bietet es sich ebenso an Rollenspiele, selbstgestaltete Theaterstücke oder Erzählsituationen (z.B. mit einem Kamishibai) zu initiieren.

 

 

Öffnungszeiten Bilderbuchbibliothek

Während der Vorlesungszeit ist die Bibliothek montags bis freitags jeweils von 12-13 Uhr geöffnet.

Eingeschränkte Öffnungszeit während der vorlesungsfreien Zeit:
Do 12-13 Uhr.

Der HUCKEPACK-Preis

Heute schon ein Bilderbuch vorgelesen? Heute schon ein Kind gestärkt? HUCKEPACK zeichnet Bilderbücher aus, die das Potential haben, Kinder emotional zu stärken. Der HUCKEPACK-Bilderbuchpreis ist in dieser Form einmalig in Deutschland.

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